Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 — Ski Gelegenheü de« jetzt zur Berathung stehenden Sultu«' «tat» könnte Herr Stölker wieder reden wollen, und da seine letzte Red« zeigt«. wie sehr e« ihm an Material fehlt, so daß er anfängt, unsere jüd. Ztg. zu plündern, steht flug« in Berlin Herr Fr. Mauthner auf und liefert neue« Material, d. h. er übertrumpft den „Börsen-Courier". Hr. Mauthner meint in der eben erschienenen Vorrede zu seinem „neuen AhaSoer", „wenn sich der Uebertritt zum Christenthum einfach bei einem Standesamt anzeigen ließe, dann zweifle ich nicht an einem großen Erfolge" .... oder an einer anderen Stelle: „er giebt in Deutschland wenig Anstößigeres als diese Vereine mit unverstSndlichen hebräischen Namen" .... oder „ich kenne nicht-Kindischerer, al« die Sitte, da- Osterfest und das Pfingstfest nach einer feit* samen jüdischen Astronomie berechnen zu wollen" ....*) Escheint, als Hab« Herr Mauthner dem „Börsen-Lourier" Gelegenheit geben wollen, sich durch einige gute Witze über dieses Sammelsurium zu rehabilitiren. Ernsthaft genommen, repräsentirt diese Leistung Mauthners „nach berühmten Mustern" einen leider jetzt graffirenden ideologischen Pseudo- UberoliSmuS, der da« edle, freie Menschenlhum nur in Lustgespinnsten und in dem Abonnement liberaler Blau-MonragSblätler sieht. Dieser Liberalismus ist von de,» der Gabriel Rieffer, Johann Jakoby, Heinr. Simon u.A. unendlich *) R. gitbt seinem Roman, von dem er sich einen großen Lrsolg verspricht, einen osienr« Brief: „In Theodor «vinmsenal« Reisepaß mit. au« dem wir di« gan,e beregte Stell, al« em gar zu charakteristische« Symptom journalistischer Charakterlosigkeit hier solgen lassen. Sr schreibt an Pommsrn: „Sie weisen mir Recht d-rrauk hi«, daß di« Juden selbst daran mitschuldig sind, wenn die christlichen Deutschen den jüdischen mit einem Gefühl von Fremdheit gegenüberstehen. Sie wenden sich sodann gegen di« Unsitte der spezifisch jüdische» W»h>thäti,k-it«»errine u dgl. Dir Anderen haben da« Recht, unt derber au« »brücken. Sa giebt n Deutschland nicht« Anstößigere« al« dies« Vereine mit unverftindliehen hebräischen Ramen, die durch ihre Frage nach der Abstammung de« Rolhleidenden so intolerant sind wie irgend »in -vsprediger. Ich kenn, nicht« Kindischer»« al« die Sitte, da« Osterfest und da« Pfingstfest nach einer seltsamen jüdischen Astronomie berechnen zu wolle» und dadurch da« Zusammenfällen der gemeinsamen Feiertage zu verhindern, nicht« Verstocktere« al« die alte Gewohnbrit, da« saubere tzemd und da« beffere Esten sich am Sonnabend zu gönuen, anstatt an dem allgemein üblichen Sonntage. Die Unierver<u,g unter die allgemeine deutsche Sitte für die Juden Ichrint mit säst ebenso sehr noihwendig sür die deutsche Einheit, wie die Unter,oeriung der kleinsten Staaten unter die deutsch«» Reich«gese-e. Sie begnügen sich jedoch nicht, verehrter Herr Professor, etwa« Regative« zu sorbern; sie verlangen von den Juden etwa« Positive«, de« Uebertritt. — Der soll übertreten? Thun e« nur wenige, nicht olle Juden in«gesammt, dann Lleibt die Judenfrag« bestehen. Richt wahr? Und Sie werdrn doch nicht glauben, daß der jüdische Pöbel Bernunftgründen bester zugänglich wäre, al« jeder andere? fi-in — wie viel neidische Komplimente die Juden auch von ihren Feinden darüber hören müffen — der Proeentsatz der Voll,«bildeten ist unter den Juden ebenso gering wie unter den übrigen Menschen. Diese Gebildeten jedoch, die da« Judenlhum längst «eitau« über, wunden haben, welcher Eonfestion sollen sie beitreten f Ja, wenn sich der Uebertritt einfach bei einem Standesamt anzeig«« ließe -• „wie rin Todesfall" würden di« orthodoxen Jude«, „wie eine Geburt" würden die orthodoxen Shristen sagen —, dann zweifle ich nicht an einem große« Erfolg«. Aber mit der Tauf« de« Erwachsmen ist et» vekenntniß vorbundm. Welch« Sonsession hat so weit« Dogmen, daß sie derjmigr zu bekennm vermöchte, der durch Diffenschaft um seinm alten Glauben gekommen ist? verschied n. eine grelle Beleuchtuug seiner Carrikatur aber' erscheint gerade heute höchst nothwendig, nicht weil, sondern obgleich e» ein wunder Punkt ist.? -ranzoS über Berthold Auerbach. Karl Emil Franzos veröffentlichte vor einigen Tagen in der „R. Fr. Pr." ein Feuilleton, „Auerbach'« letzte Pläne", in dem er aus den zahlreichen Briefen Auerbach'« an ihn reueS, kostbares Material zu Tage förderte und diese« — nan braucht eS wohl bei FranzoS nicht besonder» hervorzr heben — mit gewohnter Meisterschaft und einer den Leser n ahrhast binreißenden Snmuth zu einem herrlichen Ganzen fügte. Den engen Grenzen unv dem Charakter dies. Bl. entsprechend, u uß ich mich beschränken, aus dem genannten herrlichen Ep log FranzoS' nur diejenigen Stellen hervorzuheben, welche in Licht aus Berthold Auerbach als Jude werfen. Verweil: ja doch auch FranzoS. dieser tiefe Kenner de» jüdische» Volksleben» und der jüdischen Volksseele, mit wohlthuenvel ÄuSfühllichkeit und Pietät bei denjenigen Partien, lvelche r»n Auerbach al« Juden sprechen, und er erhob hierdurch os eil und vor aller Welt seine einflußreich« Elunme gegen d u rohn Judenhaß. Er erzählt gleich im Eingänge seiner Abhandlung, daß unter den unvollendet gebliebenen Werken Auerbach« u. A. auch sich ein großer Roman befinden r.üffe, den er zuletzt „Ben Zion" zu betiteln gedachte und in »em er deutsche und jüdische Art und ihre harmonische Bei einigung fchildern wollte. „T rei Generationen" erzählte Auerbach FranzoS „will ich dari i vorsühren: den Helden als Träger jene« Judenthunl», velches sich i» Deutsch.and nicht blo« s>ine leidliche, sondern auch seine geistige Heimath erkämpft; seinen Vater als Ve treter des alten, starren, nationalen Judeuthum-i seinen Lohn al» Repräsentanten der neuen Zeit, der gleichsam bei-it» in der Wiege mitbekommt, war die Väter mühsam errungen " W e tief Auerbach d>e Antike mitenbeweguug gekränkt hotte und von welch' beißer Liebe er zum Judenthum erglüht war, geht u. A. auch aus folgenden Aeußerun gen Aueibach'S zu Franzos bezüglich des Roman» „Ben Zion" hervor. „Der Bund ist geschloffen", sagte er mir, erzählt Franzos, einsi mit leuchtenden Augen „und mein Roman soll nur eine» der Siegel an der Urkunde sein, daß die Jüdin in Deutschland gleichberechtigte, gleichjühlende Deutsche sind." Zehn Jlhre später (zur Zeit der Autisemitenbewegung in Deutschs ind) erzählt Franzo» weiter, zog Berthold Auerbach m bitte'em Schmerz die Lad« seines Arbeitstische« aus, in welcher »ie Materialien zu dem Werke geschichtet lagen, und sagte fast schluchzend: „Der Bund ist zerriffen, aber wenn ich auch der Prophet in der Wüste bleiben müßte, ich werde doch ma inen und trösten, so lange ein Athem in mir ist!" „Einen Lieg sollte dies Buch verkünden, und nun muß ei zum Rl izeug im Kampfe werden. Kämpfen sür da«, roai man lä gst für erkämpft gehalten, kämpfen mit erlöschender Kraft — o, daS ist bitter! Ich wollte, ich hätte diese Zei! nicht m chr erlebt!" M-n hat so oft schon gegen Auerbach den Vorwun allzugroger Eitelkeit und Ruhmeibegierde erhoben. Franzoi sucht m>n den Dichter in glänzender Weise von jenem Vorwürfe rein zu waschen und führt eine Reihe von Thatsache» an, die mit aller Entschiedenheit gegen jenen Vorwurf sprel chen. Ich will meinem Vorhaben gemäß hier nur folgend« Momen hervorheben, da e« zugleich in herrlicher Weise da für zeigt, wie Auerbach stets und unter allen Berhältniffe« sich seine« Judenthum« bewußt war. D m Dichter wurde bekanntlich vor einigen Jahren vo« Großhei zog von Baden ein Orden verliehen, mit dem bei persönliche Adel verbunden ist. Franzorichtete nun anläß