Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 11.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-5935096-5938069--4500-5376800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gewünschten Fortschritt« grmadit, und in dieser Beziehung haben di« Juden daselbst ihre Brüder im Großherzogthum Posen nicht im Entferntesten zu beneiden. Dagegen läßt die Perwaltung innerhalb der jüdischen Gemeind« viel zu wünschen übrig. Und iragt man: wer trägt die Schuld daran? E» wäre unbillig und ungerecht, wollten wir die» der Regierung zuschieben. Den» betrachten wir nur die wohlgeordneten und musterhaften jüd. Gemeindeverwaltungen in Oder- und Unterösterreich, theilweise auch Böhmens und Mähren-, die ja unter derselben Regierung stehen, so mästen wir un« gestehen, daß die österreichische Regierung, die jeder guten Einrichtung und nützlichen Anstalt immer bereitwillig ihre Unterstützung gewährt, keine Schuld trägt, wenn die Verwaltung der jüd. »Gemeinden Galizien» noch heule ungeregelt ist. Die Chastidim Galizien» wiesen immer die Hülse der Regierung zu einer Reform zurück. So haben wir e» auch jetzt, im Jahre 1882, erlebt Die Mitglieder de« Chastidim Verein» ^iänl-KnaiKe-tm-vn't," haben tne« wieder durch ihren Beschluß den sie m ihrer zu Lemberg abgehaltenen Versammlung gefaßt, gezeigt. Diese Vereinter, die der anderen Partei da« jenseitige Leben gänzlich absprechen, haben in Erfahrung gebracht, daß die Regierung jetzt ernst daran denkt, ein Reglement für die Verwaltung err grlizischen jüdischen Gemeinde» sestznstellen. Sie versammelten sich daher und acceptirten Statuten, die dem strömenden Zeitgeiste sehr widerspreche», die aber dem Wunsche der heiligen unfehlbaren Rebben entsprachen, weil sie ihnen die Dummheit de» Volke» sichern. Höchst wahrscheinlich werden diese Statuten vom Minister verworfen weüden, und kann diese Ehastidim-Versammlunq nur da» zur Folge haben, daß die Regelung überhaupt verschoben wird. Wohm aber, fragen wir, sollen die Zustände führen? Wen» in ganz Galizien (mit Ausnahme von 3—4 Gemeinten) keine regelmäßige jüdische Religion-schuie besteht, wenn ferner kein Rabbiner und Religiontlehrer in Galizien existirt, der sich eine», öffentlichen Examen unterzogen hat. wenn Alle« so iortgeht, wa« wird au« dem Judrntbum in Galizien werden? Werden diese Rabbmen da» Judrnthum erhalten? Die meisten Rabbinale sind von solchen Subjekten eingrnommcn, die einen dcr Heilige». wie den Rebben zu Mistitz oder den Rebben zu Bel«, zum Verwandten haben. Diese Leutchen wisten blutwenig von unserem Ritualcodex (Echulchan-Aruch); al« Pflicht kennen sie nicht mehr, al« 4—ümal de» Jahre» zum Rebben, dem sie ihre Stellung verdanken, zu wallfahren. Von dieser Sorte waren die meisten Rabbine», die der Lkmberger Rabbiner- Versammlung beigewohnt und den Statutenentivurs de» heiligen Rebben acceptirt haben. Wir fragen ferner, ob solche Rabbine», die in ihrem Leben nie eine geregelte Schute besucht haben, die daher nicht im Stande sind, ihren Namen in lateinischen Buchstaben zu unterschreiben, die Fähigkeit besitzen, eine» wichtigen Gegenstand, wie da» nene Gemeinde-Statut, zu berathen und darüber Beschlüste zu fasten? Leute, die noch glauben, daß der Rebbe im Bade sich mit den Engeln unterhält, daß die Engel diese» Gemeinde Statut rmpsohle» haben, oder Leute, die diese Albernheiten vorgeben und sie Andere glauben machen wolle», um damit ihre ehrgeizigen Zwecke zu erreichen, solche Leute werden die Zustimmung der Vertreter der jüdischen Gemeinden nicht haben. E» ist un« daher da» energische Auftreten der Lemberger Eultu»räthe ganz begreiflich; wir wünschen ihnen in ihren Schritten gegen die Beschlüffe der Chastidim Versammlung den besten Erfolg, und mögen alle galiz. jüd. Gemeinden dem Beispiele der Gemeinde Lemberg, Krakau (trotzdem der Anstifter dieser Lhastidim-Versammlung daselbst thront), Tarnow, Tarnopol, Przempsl, Drohobiz. JaroSlau, Kulty, Adrichau, Czrrnowitz, Brody, Buczac», Rzeßow, Zolkiew, Stani»lau u. s. w. folgen und vereint den Protest gegen da» Treiben der wilden Fanatiker erheben, damit der Entwickelung der jüdischen EultuSgemeinden kein Einhalt geschehe. Ein Galizianer. E«gla»d. London. Kaum hat wohl die Geschichte ein größere« Hils»werk zu verzeichnen, al» da« für die ruffischen Judei, wo e» gilt. Tausende von Verstoßenen in eine geordnete Lebensbahn zu führen. Zu bewundern ist da« große praktische Geschick, da» hierbei entfaltet wird. Schon ist eine Eolonie bei Rew-Orlean« so gegränvet, daß all« Einrichtungen eine» geordneten Gemeinwesen« vorbereitet und Garantien geschaffen sind, daß dieselben nicht mißbraucht, noch zerstört werden. E« zeigt sich daß unter den Emigranten nicht wenig sem gebildete Familien sind, gar viele al« tüchtige Handwerker sich bewähren. Einige haben schon Anstellungen an Bahnen in England mit der Vergünstigung erhalten, am Sabbath vom Dienste dispensirt zu sein und für die LonntagSarbeit besonders bezahlt zu werden. Durch solche energische Beihülfe wird da« Elend gemildert werden können. Vorschläge, Rußland finanziell zu boycotten, sind nur al» der Ausfluß der gerechten Entrüstung anzusehen, aber sie sind nicht allein schwer ausführbar, sonder» auch sehr bedenklich. Rur auf dem Wege der Hülse kann den Juden genutzt werden Rußland zu zwingen muß der Macht der öffentliche» Meinung, vor Allem aber — Gott überlasten werden. Die Gebete, die heißen Thränen der Juden an dem neu ausgeschriebenen allgemeinen Fasten in Rußland, die Gebete der Juden in Engtand, wie an allen Orten, die heißen Wünsche aller sroalme» Mens.de», sie w rden von Gott nicht unerhört bleiben und Rußland wird vor ei»em höheren Richtrrstuhl Rechenschaft zu gelxn haben. Die Wunden de» letzten Türkenkriege«, die schauervollen Empörungen der Nihilisten, sie haben da« Volk noch nicht gebefferr. Der Menschen Ausgabe bleibt e« in den andern Ländern, die Verbrecher mit dem Brandmal der öffentlichen Verachtung zu bezeichnen und de» Unglücklichen zu I»elfen. Aber rn er ne m Falle >u,rd doch auch die englische Diplomatie, die Regierung und da« Parlament die zwigeave Pflicht baden, ernjuichreitcn. Dazu tührt nolhwendig ver Frll Levrsohn. Dieter, ei» englischer Jude, ist au« Petersburg ausgeiviesen und aus seine Reclamation von der englischen Regierung rhin erwidert worden, daß nach dem Vertrag« der «nglis he Jude in Rußland nur den eingeborenen Juden gleichgestellt sei und keine weitere» Rechte zu beanspruchen Hube. Da» heißt doch absolut den Geschäftsverkehr englischer Juden in Rußland lah», legen. E» wird dieser Fall auch dazu führen inüsten, daß auch die übrigen europäischen Großstaaten ihre e»gencn Angehörigen genügend schützen, zu>nal die Erhebung gegen die Juden in Rußland eingestandenermaßen von der Regierung nicht nur verschuldet ist, sondern zum Theil sogar unterstützt wird. Wie ein Brief de« E. Thornton an Earl Granville nach e ner Unterredung init dem ruffischen Staatsmann M. de Gier« aom 26 Ocl. 1881 zeigt, gesteht letzterer ein, daß auch die Regierung gegen die Juden erbittert sei. Ist e« da ein Wunder, wenn der Pöbel plündert und mordet? Wa» sollen die Verleumdungen von der Wucherei der Juden bedeuten gegenüber dem Bruche der Firma Bon oux u. Fever, dieser echt streng katholische», welche so entsetzli he» Elend verursacht hat. Rothschild i» Pari» habe» viel tazu beigetragen, um tu: öffemlichen Finanzen vor dieser großen Gesahr einigermaßen zu schützen. Ist nicht dieser kalyolsche Bruch, den wir oer katholischen Religion keineSweg» zur Last legen, nicht der Balken im eigenen Auge? Die katholsche Bank Halle die Tendenz, den Geldmarkt den Juden zu entreißen. Sie ist in die Grube gefallen, die sie Andern gegraben halte. Ist da« nicht eine schaueroolle Warnung für alle ruhigdenkendeu Katholiken, für alle überlegenden Christen? Darum ist e« jetzt an der Zeit, all' den judenseinblichen Tendenzen seitens der europäischen Christenheit entgegenzutr:te». Und will Deutschland allein den Makel seiner Juden Hetze nicht verlo schen, nicht sühnen da» begangene Unrecht und stillschweigen. Nicht« thun Angesicht» diese» religiöse» Bürgerkrieg» gegen eine wehrlose Gemeinschaft? Will Deutsch and von dem al» Mäklervolk so oft verhöhnten englischen Volke