Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 6.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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vischen Mundarten da» neu« Heil verkündet. Diese Periode heißt: Bankerott der europäischen Intelligent in Rußland und Sieg der Volk-maffen, welche der Branntwein vor dem Einstuffe europäischer und kosmopolitischer Intelligenz behütet hat. Gewiß, was Rußland an Cultur, Bildung und Wissen besitzt, hat es der europäischen Intelligenz zu danken; allein diese schwächt, entnervt, führt aus Abwege, schwärmt kür ganz sonderbaie Ideale, für öffentliche Verhandlung der gesammten Volkrintereffen. sür Gleichheit aller Conseffionen in bürgerlicher und staatsrechtlicher Beziehung, für Frelzügigkeit, für die Abschoffuitg aller Privilegien, welche mit der Rationalität oder nnt dem Glaubensbekenntnisse zusammenhängen, diese erröthet, wenn in ihrer Nähe wehrlose Menscheu, möge» sie Juden, Christen oder Heiden sein, geängstigt. gequält, verfolgt, geplündert, beraubt, mit Füßen getreten werden. Dies Alles in europäisch, bat sich in den Thule» Europa'- entwickelt und beseligt, welche an den Früchte» dieser Intelligenz erkrankt sind und paßt nickt für Rußland, den .Herold einer neuen Geschichtsepoche und den Hort de» naturwüchsigen, von aller eureupäischer Intelligenz erlösten Slavcnihums. da» sich bereits i» Kiew und Warschau mit unvergänglichen weltgeschichtlichen Lortaeren bedeckt tat. DaS ist da« neueste Symposion des ruffischen Jünger» Plato'r, dar die neueste Grschichirphilosophie des ruffischen Gen-rat» Skobelew. Berichte und Korrespondenzen. Deutschland. BrrZlau, 2:». I.i„»ar. ^Or. Corr. > Am 27. Januar, VorniitlagS 11 Uhr, fand im großen Saale des hiesigen jü disch-theologische» Seminars da» 27. Stistnngsiest zu Ehren «eine« vernoibene» Slister», de» gommerzienrath» Jona» Fränlel, statt, zu welchem sich anßer dem Lehrkörper und den Hörern de» Seminars auch eine große Anzahl von Freunden und Gönnern der Anstalt eingefunden halte. Otod) dein Portrage eines Psalm« vom Süngerchor der Seminaristen betrat Professor l>r. Gr ätz al» Vorsitzender der LehrereollegiumS die Rednerbnhne. Rachdem der Redner einige warme Worte deni verewigten Stiiter gewidmet hatte, ent wt,rf er in kurzen aber meiiterhaslen Zügen ein Bild jener Zeit, in welcher da« jüdisch-theologische Seminar in»Leben gerufen wnrde. „Im Indenthnm war — so ungefähr sühn der Redner au» — ans der eine» Seile in Folge eine« starren Buchstabenglanden» eine gewisse Verknöcherung und eine auf sich selbst zurückziebende Weitsche» einaetreten; auf der andern Seite tatte durch Ileberspringung aller Schranke» und durch Verkennung der großartigen historischen Griindlagcn de» Iubenthum», eine gewisse selbstgefällige Subjektivität und leere Vernünttelri Platz gegriffen. Dort drohte da» Iudenthum in Stagnation zu qerathen. hier in e>n stüchtiaev Ga» sich auszulosen. Da erstand. Dank dein edle» Stifter, da» jüdischtheologische Seminar und erhob zu seiner Devise die Worte: .Der Buchstabe löbtet, nur der Geist machi lebendig", und suchte, de» Intentionen de» hochberzigen Testator« entsprechend. ei» positive« Iudenthum nur wissenschaftlicher Grundlage herzustellen, wie es stet« die jüdischen Geistesheroen, ein Philo, ein Saadios. ein Iehuda Halewi, ein Maimuni, ein Elia del Medigo, ein Mendelssohn angestrebt halten." Daran anknüpfend führt alrvann der Redner i» geistvoller und originell r 4üe»e den Gedanken durch, daß die jüdische Religion mit der Politik nicht« zu schaffe» habe, daß vielmehr die Vernwchung religiöser und politischer Intereffen dem Judenthume stet« nur Schaden zuge'ügt Zur Beleuchtung diese» Gedanken« zeigt Redner al« Geschichtsforscher alle jene Momente in ihrem innrrn Zusammenhänge auf. wo in dem einstigen Reiche Juda durch da» Jneinandergreisen von Religion und Politik nicht nur da» d«,malige Zeitalter, sondern auch dir Zvkunii rnipsindlich geschädigt wurde. Die großen Divergenzen und Meinungsverschiedenheiten im Tal. mud haben größtentheils auch ihren Ursprung darin, daß Bety» Hillel und Beth-Echamai statt ihrem Berufe als Bewahrer des Gesetze» allein obzuliegen, sich in die polittschen Tages« fragen auf das Lebhafteste einmischten und den Parteieifec von dem politifdien auch auf da» religiöse Gebiet hinübertrugen. — Zum Schluffe verkündet der Redner, daß die im Vorjahre gestellte Lehinann'schc PreiSaufgabr: „Darstellung der Lehre von der Willensfreiheit der älteren jüdischen Religionsphilosophen de« Mittelalters" zwei Bewerber gefunden. Der einen Arbeit, welche lobenSwerthen Fleiß und eine liebevolle Hingabe an den schwierigen Gegenstand bekundet, wird der volle Preis zuerknnnt, und da« eröffnete Enveloppc ergiebt stuck. l>hil. L. Anollft als den Verfasser derselben. Der anderen Arbeit, welche in einem zu großen Maßstab« angelegt ist und wohl au» Mangel an Zeit unvollständig geblieben, wird eine Remuneration von der Hälfte des Preises zugesprochen, welche sich der Verfasser bei Rennung seines RamenS beim Lehrercollegium erheben könne. — Rächstdem bestieg Seminar- Rabbiner 11. Jot: 1 die Rednerbühne und entwickelt in wahrhast oralorischer Weise den Gedanken, daß die Gotteserkenntniß aus drei Quellen stieße, aus Ratur, Geschichte und Religio». Während aber Ratur und Geschichte eine getrübte Auffaffnng zulaffen, indem nur die Tieserblickenden in diesen beiden Gebt 'len das höhere göttliche ^galten erkennen, wohingegen die Anhänger einer matenalistischen und fatalistischen Weltanschauung Alle» ai» einen entgeistete», von dem eisernen Gesetze der Rothwenvigkeit getriebenen Mechanismus hinstellen und diese beiden Qwllen für Gottererkenntniß gänzlich verstopfen, fließen aus dem unerschöpflichen Borne der Religio» die 'Wrffer ewig klar und rein und könne» in der Allgewalt. mit der sie in das Menschenherz dringe», durch RichtS gehemmt und ausgchallen werden. Hierauf entließ der Herr Sennnar-Rabb'ner Jotil unter Ucberreichunq der Diplome in feierlicher Weise die :: an der Anstalt ausgebildeten Rabdinen, l>r. Ärünivald, i'e. Feßler und l>r Rüif und richtete an dieselben einige beherzigenSwerthe Worte, in welchen er sie ermahnte, in ihrem künftigen Wirkungskreise friedlich zu walte» und Glaube» und Wiffen stet» zu vereinen. — l»r. Rülf hielt hieraus in seinem und keiner beiden Eollegen Ranik», von denen Ilr. Grünwald bereit« eine RabbinatSst Re in Belovar angetreten und darum an der Feier sich nicht betheiligen konnte, eine herzliche Ansprache, Worte de« Danke« an da« Lehrercollegium und der Freundschaft an seine früheren Co.lege» richtet Zum Schluffe de« se-erliche» Aktes, der »iil 12'/, llbr erfolgte, wurde von deni Sängerckor der Seminaristen unter Leitung de« Eanior Deu tfch da« übliche Gebet für den üaiser zum Vortrag gebracht. Dem gedruckten „Jahresbericht" enlnehmen wir folgende Taten: Da« Seiiiinar zählt gegenwärtig 2'» Zuhörer, un letzten Jahre warm > an- Deutschland, 1 au» Galizien, l au« Rußland und I au» Amerika neu eingelrete». Trotz der jährlichen Entlafsung mehrerer Canbidate», und der Rabbiner- und Hochschulen in Berlin und Pest ist die Zahl der Jünger, die am Breslauer Seminar ihre rabbinische Ausbildung suchen und erhalte», rast stet» au' derselben Höhe geblieben und dre Beweise de« Vertrauens der israel. Geineinden baden durch die Wahl der an dieser Anstalt ausgebilveten Rabbiner sich >n dem abgelausene» Jahre ganz besonders documentirt; e» fand ui 10 Gemeinden die Besetzung mit Rabbinern resp. Predigern der Bre«. lauer Schule statt u z.: Trier, Rürnberg, Meiningen, Rakel. Briese», Saatz, Burkundtstad t, Iungb u n z l a u. B e 1 o v a r, Odessa; einer habilitirte sich in seiner Heimath < Rumänien > an der Universität in Bukarest — Der Legatenfond« sowohl, wie die Bibliothek erhielten ansehnlichen Zuwachs durch neue Schenkungc», letztere durch die Bibliothek tliebraii'H und Judaica) de» verstorbenen ehemaligen Seminarlehrer« Pros. Ilr. Bernay«, dem in dem Jahresberichte warme Worte des Rachruf» gewidmet sind. Dm Berichte gehl eine wissenschaftliche Arbeit de» Herrn Ilr B. Zuckermann: „Materialien zur Geschichte der altjüdischen Zeit-