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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 6. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 6.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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42 — weithin aufgeklärt. Das Mittel einer Bartholomäusnacht ist heute doch nicht zeitgemäß, da bleibt nur die vollständige Emanciparion, die Gewährung der Freizügigkeit übrig. Die Quelle» sind versiegt, di« Faserungen aber mehren sich. Auf ein Meeting, welches hohe deutsch« Staatsmänner einberuken, können wir noch eine Weile warten. Aber wie Darwin, Morley, Tyndall und Epen« in England, sind V i rcho». Hänel. Träger, Biedermann, Dahn und andere geistige Heerführer bereü, wie immer im Namen der Humanität aus die Tribüne der öffentlichen Moral zu treten und die praktischen Resultate werden wie in England nicht auSbleiben. Wird auch die protestantisch« Orthodoxie eines Stöcker höhnend bei Sette stehen, so haben wir doch Baumgarten, sleyschlag und dre Führer der Protestantenvereine. Auch der deutsche Katholizismus, noch unverheyt, bat ein mildcsühlendes Herz. Dieser Selbstbesinnung des Ehristenchunis nach dem Vorbild« England« haben iudeß die deutschen Juden nach dem taktvollen Muster der englischen keine Veranluffung öffentlich näher zu treten. Wir arbeiten nach unser» Kräften vorderhand. Die Selbstbesinnung Deutschland« kann nicht ausbleiben. In der deutschen Presse ist die „Magdeb. Ztg." würdig vorangegangen mit einem ebenso mauntzasteii als besonnenen Appell. Es ist nicht da« erste Mal, daß die Presse sich mit den russischen Juden beschäftigt. 1403 nannte sie die „Köln. Ztg" die Lebensader de- Landes. Heute lasen wir in der „fl. Ltg." sehr mit Unrecht, die englisch« Bewegung iverd« von den Rabbinern in Gang gebracht. Unsere Ueberängstlichen können sehen, daß sie es Niemanden recht thun können und werden. IH44 hatte die Presse Rußland gegenüber einen Triumph errungen. Am 24. Februar las man in der „D. Allg. Ltg." in einer Korrespondenz von der russischen Grenze: „Das Elend der russischen Grenzjuden, welchein den harten Bestinimungen des bekannten Ukases da» Mitgefühl des civilisirten TheilS von Europa geweckt und angeregt, hat endlich von Petersburg aus einige Milderung erhalten, die wenigstenin so fern für die Unglücklichen eine tröstend« Macht üben, als durch sie erkaniit wird, daß die russische Regienmg die Borstellungen der jüdischen Gemeinden Deutschlands, namentlich dle laute Stimme der Oeffentlichkeit in Deutschland. Frankreich und England nicht unbeachtet gelassen." Ob heute noch selbst der begeistertste Ausruf der deutschen Presse von Einfluß sein würde? Wir hoffen und warten. — Also auch heute „Glück auf!" — Getrennt marschirt, vereint schlagen! Im Uebrigen aber ertönt an Alle des General Montecuculi Ruf: „Geld.Geld, Geld!" L — Die neueste Geschichtsphilosophie des russischen Generals Skobelew. Bon Ve. R. Eine Geschichtsphilosophie hoch zu Roß und den Säbel in der Hand flößt doch einen ganz anderen Respekt ein, als die Gedankenarbeit eine« Philosophen, der, umgeben von stillen Büchern und lautlosen Documenten über deu Fortgang und de» Zusammenhang, die Verkettung und Verschlingung der wetthistorischen Thatsachen sinnt, forscht und denkt und dann die gefundenen Resultate in wohldurchdachten, durch Ehronologie und Logik mit einander verbundenen Capiteln vorträgt. War sind Deutschlands Lessing, Herder und Hegel, Englands Buckle und Lecky, Frankreichs Auguste Conlte, Italiens Giuseppe Ferrari mit einer Theorie der „politischen Perioden" und Anierika's Diager im Bergleiche z« dem jüngsten Geschichtsphilosophen Ltußlaud's, dem berühmten General Sk obelew. Sein Vorbild ist Plato. nicht etwa dessen Ideenwelt, sonder» desse» .Eyrlposio«." Sie sitze» beisammen, die tapferen russischen tzaudrgep. in Petersburg, esse« und trinken zur Erinnerung an die Emnabme von Geok-Täpe, und das Glas Champagner in der Hand, deu Degen qn der Seite, die Ehrenzeichen persönlicher Tapferkeit a» der Brust, hält unser militari scher Geschichtsphilo' oph eine Tischrede, in welcher er in flirrenden Sätzen und rasselnden Worten seine Geschichtsphilosophie lehrt. Er versteht nicht bloß Regimenter in Corps einzutheilen, sondern auch den verlaus der Geschichte in Perioden. In der ersten, doeirl unser General, herrschte in den Beziehungen der Measchen ,u einander das Faustrecht. Natürlich ist diese Periode längst vorüber; denn nicht mehr die rohe Faust, lie brutale «tzewalt, die entmenschte Grausamkeit entscheiden die Geschiöe der Geschlechter, Nationen und Eoniessionen, srndern Wffit, tsterechttgkrit und Humanität. Zeug« dessen ist ja da» eiger e Vaterland unsere» hochgestellten Docenlen. Allerdings erzählt man von den unerhörten Schanv- und Gräurltliaten, die n an in Kiew und Warschau an den Bekennern de« Judenthums verübt, schaudert das Auge eines jeden, halbwegs civ lisiite» Menschen zurück vor dem Anblick de« Elend«, da» vor wilden russischen Horden in (Gegenwart von Militär- und E ivil Beamten aus russischem Boden und in jüdischen Familienwi hnungen verbreitet worden ist. Allein da» Alle» hat sicb im Jahre IBM zugetragen und unser militärischer Philosoph sp ach bereits im Januar l682. Die nächste Periode, fährt unser Redner fort, ist die Zeit der Tracrate, wo e« als höchste StaatSweisdeit gilt, Pert räac der Form nach zu halten, dem Geiste nach zu brechen und macht dabei eine Anspielung aus Friednch den Großen und die Err berung Schlesien«. Auch dieser historische Abschnitt ist bereits zu Ende gegangen und wieder ist Rußland ein unwider rglicher Beweis für diese geschichtsphilosophische These. Ja. Friedrich der Große sündigte gegen den Geist geschloffener internationaler Verträge, Rußland aber, das fromme, gläubige und orthodoxe, wacht mit der ängstlichsten ^tewijsenhast gkeit darüber, daß der Geist der Verträge, die es mit a aderen Staaten abgeschlossen bat. nicht verletzt werte, daß I'ie Türken z. B. in ihrem garanlirten Länderbejiy nicht ve kürzt und die Slaven in Oesterreich nicht gegen ihren rechtmäj igen Landesherrn ausgehetzt werden. Die dritte P'riode ist die des bösen, bösen Fürsten Bismarck, welcher sie mit Blut gefärbt und au« Eisen geformt hat und den schr cklichen Satz proclaniirte: daß Gewalt über Recht geht. Selbst da« eisern« Soldatenherz und der blutige Degen de« Generals Stöbe! ew erzittern vor dieser Gewaltepoche in der Geschichte. O, diese« Preußen, wie muß es, befleckt von flriegsblute, beschämt das Haupt senken vor dem edelmüthigen, weichherzigen und -irbarmungsoollen Rußland. in welchen» alles das Wichtigste wie da» Geringste mit dem Maßgabe de« Rechts gemessen und uiit der Waage der Gerechtigkeit gewitzen wird. Zwar berichteten die Leitungen von dem Angstschrei wehrlose, jüdischer Mütter, von dem kläglichen, herzzerreißenden Ruse jüdischer Kinder, von den Ausbrüchen der Verzioeiflung tun geplündeiten, beraubten und vewunde» reu jüdischen Väter, von dem Seufzen, Stöhnen und Röcheln gemordeter Juden im heiligen, von der Thenii» allein beschützten Rußland; z oar haben Lord Ehastesbury und Cardinal Meinung herzj erreißende Schilderungen entworsen von der russischen Barbarei, welcher lausende von Juden zum Opfer ge!allen sind. Allein dies ist alles nicht wahr, ist nichts als leere« Leiuigc-gered«. nichts als englische politische Kunstgriffe, um Ruß and in den Augen der Well yrrabzuwüldigen und chm d e Sympathien zu entziehen, deren cs sich doch n ganz Eu opa erfreut. Endlich ist eine neue Phase in der Geschichte angebrochen, die in rusische Raticnalfarben gekleidet ist und die in sla-

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