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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 3. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 3.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— 19 — Qkftng von Menschenhaß unb Rache mit voller Kehle an» stimmten? Muß man erst Fabrikarbeiter sein, an der Fabrikation von Kruppschen Kanon« Mitwirken, um die hilfsbereite preußische Tradition für sich in Anspruch nehmen zu können? Ja, zur Ehre Preußen« muß ich s» nachdrücklich und so scharf al« nur möglich beton«, daß di« ganze antisemitisch« Hetz« nicht der wirklich« Tradition Preußenentspricht, daß Preußen immer musterhaft durch sein« strenge staatlich« Zucht und bürgerliche Ordnung war; daß daher jene Männer, welche dem antisemitische» Treib« nicht vom Anfang an ein energische- Haft zuriefen, obwohl ihre Autorität eine so mächtige ist. daß ein Wort auihrem Mund« die Wogen der antisemitischen Volk-leidenschasten beschworen hätte. Preußen und dessen Traditionen verleugnet haben und beschämt bei Seite treten sollten, wenn da« stolze Lied erklingt: „Ich bin ein Preuße." Jene Männer hingegen, welche ihre Stimm« sowohl im preußischen Landtage wie in öffentlichen Berein-versammlungen gegen die antisemitischen Wühler und Schürer im Priestcrgewande wie in der Profefforentracht erhoben haben, sind echt« und unverdorbene Söhne ihrepreußischen Vaterland«« und treue Interpreten der alten, heimischen Regierung-überlieserungen au» der Zeit, in welcher e« noch nicht ein einige« deutsch«« Reich gab und kein politischer Werkmeister die eisemen Haken schmiedete, um da-seld« fest zu'ammenzuhalten. Die Antisemitin-Eeuchc, welche von Berlin au«ging, hat so viel Unheil angirichlet, so viel Bemüther gekränkt, so viel Herzen verwundet, so viel Seelen bekümmert, so viel Eigen« thum zerstört, so mel Menschenleben gefährdet, daß alle Diejenigen, welche unmittelbar ober mittelbar an deren Aufkeimen und lllerbreitung mitgewirkt hob«, von der unparteiische» Geschichte ohne Nachsicht und ohne Schonung «inst werden verurtheilt werden. Nimmermehr wär« die Gräuelthaten in Kiew und llvarschau möglich gewesen, wenn nicht durch die antisemitischen Schauerscenen im Herzen Preußen« die Meinung sich verbreitet hätte, daß jüdischer Besitz herrenlo« und jüdische« Lebe« vogelfrei sei. Treitschke und S t ö ck e r in« Ruffische übersetzt lautet: Kiew und Warschau. Möge Fürst Bismarck die schöne preußische Tradition, welche er am!>. Januar im deutschen Reichstage au«rief, nicht blo« zum Besten der Arbeiter, sondern auch zum Schutze der Juden, de« jüdischen Namen« und der jüdisch« Ehre zur Geltung bringen. Dann wird er da« Ansehen Preußen» beffer fördern, al» durch höfliche Antworten aus Telegramme und Adreffen von antisemitischen Führern und Verführten. Wien, d« 10. ,>mwar 1882. lrr. Ad. Iellinek. Berichte und Correspoudenzeu. Deutschland. Magdeburg Wie die „Köln. Zeit.", verurtheilt auch di« „AugSd. Allg. Zeit." in ihrem Rückblick aus da« Jahr J881 bi« ganze Judenhetze. Sie schreibt: „Wahrlich nicht mit dem Gefühle der Befriedigung, nicht einmal der frohen Hoffnung, nah« wir unü dem europäisören Eentralgebiete, dem Lande de« unterrichtetsten Volke«, unserem Vaterland» Deutschland. Wer nicht deutsche Art und Vergangenheit genau kennt, der müßte sich sag«, daß kein Staat nationaler, also einigung-fähiger sei» könnte, al- Deutschland; daß in einem Großstaate die Volk«- elem«te und die Volksbildung so harmonisch angelegt sind, daß man bei keiner Ration so wenig inneren Hader, Zwietracht uno Unverträglichkeit erwart« sollte. Die w«igen Polen abgerechnet, sind wir alle e i n e« Stamme« mit der in der Mitte sich au»gleichenden Schattirung von Ober- oder Mederdeutsch; die Reformation hat un« von Rom befreit, der 30jährige Krieg Parität und Toleranz gelehrt; die Erfahrungen der Rachbarvölker waren unsere politischen Lehrmeister; die jüngst« grüßte Phase der Philosophie und Literatur ist unsere Errungenschaft. Muthig, tapfer und klug haben wir irnS im Kriege gezeigt; triumphir«d haben wir die Einheit errungen. Und — zehn Jahre später bieten wir der Welt im« klägliche Schauspiel der Zerfahrenheit. de« heftigft« innerra Zwiste«, der konfessionellen Zwietracht und de« mittelalterlichen Judenhass««. Da« ganz«: Jahr 1881 ist mit St«er-und Finanzplän«, mit socialen Experimenten, Redreffuren de» „Eulturkampfr", Judenhetzen, Paneihader, Zeitungskrieg und Wahlmanövern brausgegangen. In der Sylvesternacht schon, an der Schwelle ix« neuen Jahre«, brach in der „Hauptstadt der Intelligenz" der abscheulichste Judencrawall au«, und die ersten Wochen de» Jahres waren au-gefüllt mit Antisemiten Versammlungen contra Fortschritt. Die Helden vor diesem Troja hießen: Ajax-Henrici, DiomedeS-Förster, Ther» site»-Li«berma nn und Odysfeu«-Stöcker. Mit wem die Götter der Polizei waren, wurde nur allzu klar. 'Selbst Jupiter begrüßte antisemitisch« Studenten-Bereine und 'Versammlungen mit unzweifelhaftem Zunicken. E« gelangte eine Petition gegen die Jud« mit 252,000 Unterschrift«», darunter 12,000 au« Berlin, an den Reichskanzler. S« entstand« Judencrawalle, besonder« in Hinterpomniern, in Gastrow, Könitz, Schivelbein, in Neustettin und selbst in Stettin. Rur der „zuchtlose" Süden Deutschland« hielt sich von diesem Makel rein. In dem geistreichen Berlin kauert« diese geistlosen Brutalitäten fort. De« Kanzler« eigene Ansicht in dieser Frage schillert zwischen freundlicher "'Rivort auf konservativ antisemitische Grüße an Bürger und Slud-nten und der abwehrenden Versicherung an einen jüd. Gutsnachbarn. Bei vieler Gelegenheit wollen wir abschließ.nd bemerken, daß e« ans Grund unserer Verfaffnng keine Juden mehr, sondern blo» noch Bücs.rr giebt, die den Staat und da« Reich durch Geld- und Blutsteuer stützen; daß e« jedem freisteht, zu wählen oder nicht zu wählen wer ihm ansteht oder nicht ansteht: doß der persönliche Verkehr ein absolut freier ist, und daß den Jude», so e« angeht. Niemand ihre Unarten und ErwerbSsünden schärfer vorgehalten hat, ul« ein Glauben«- uird Stammevgenoffe die» in einer Versammlung der „Jewish Bffociatioir" zu London gethnn hat. Ans Veranlaffung der ruffischen Judengräuel äußerte nämlich Hr. 'Dt. P. Simon: „Man kann die Juden am besten vor Bedrückung bewahren, wenn man ihnen einen männlichen Geist einflößt. Man muß sie lehren, daß.eS unedel und verächtlich ist, den Annen den bartverdienten Lohn und ihr kleines Vermögen auSzupreffen, indem exorbitante Zinsen für Dar-!ehn gefordert werden. Die Juden sollen zur Einsicht gelange». daß der Wucher, zu dem ihre Zuflucht zu nehmen schlechte -besetze sie gezwungen haben, der Grund ist, weßhalb sie in Rußland (und anderwärts) gehaßt und verabscheut werden." W>r haben Gesetz« gegen den Wucher, und was Gesetz und Sitte nicht vermögen, da« sollte durch Eredit-Affociationen und kooperative Arbeitsorganisation geschehen. Wenn wir nur erst darauf bedacht waren, die socialen Nebel bei den Hörnern anstatt beim Schweif anzupacken! Die Judensrage ist eine rein sociale Frage in der doppelten Bedeutung de« Worte«: im Sinne de« persönlichen und de« industriell-cominerciellen Berkehr«. Wenn aber alle Reformen „in stümper- Izafter Weise" betrieben werden, so lösen wir auch die Jul>enfrage nicht. J. Leipzig, 13. Jan. (Or.-Corr.) Der Vorsitzende de« D. I. Gemeindebund««, Herr Jacob Nachod, erläßt soeben ein Eireular an die BundrSgemeinden, in welchem er die Mitlheilung macht, daß der Bund auf Grund einer Verfügung de« königl. fächs. Ministerium« de« Innern feinen Sitz fortan nicht mehr in Leipzig haben kann. In demselben wird zugleich angezeigt, daß mit den in Berlin wohnhaften Au«- jchußmitgliedern und Delegirten vereinbart worden, den Sitz Ke« Bunde» nach Berlin zu verlegen, vorbehaltlich I>er Genehmigung de« Gemeindetag«. — El wird ermöglicht iverd«, daß sowohl der bi«tzerige langjährige Leiter, al« auch

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