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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 3. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 3.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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durch unsere Zeit. Da brauchen auch wir nicht zurückzustehen, wir können offen hervortreten. E» gilt» Stimmung und Thal» kraft »u gewinuen. Ein leuchteude« Nüster solcher zweckmäßigen auf Selbsthülse beruhenden Organisationen bieten bekanntlich die deutschen Erwerb«- und Wttthschaftr-Senoffeuschafteu, deren Geschäfte ein Anwalt mit förmlich eingerichtetem Bureau führt. Ein allgemeiner VeremSlag ordnet die gemeinsamen Angelegenheiten. Al« Zwischenglieder twischen diesen Eentralorganen und den einzelnen Vereinen sind Unter-Berbäude gebildet. Indem sie dem allgemeinen Berein«tage durch besondere Versammlungen Vorarbeiten, greifen sie lebendig in da« Setriebe ein So ist» wie e« in einem Bericht de« Anwalt« Schulze-Delitzsch heißt, ein Mittelpunkt geschaffen zum Austausch der gemachten Erfahrungen, zur Läuterung und Kritik de« sich immer mehr anhäufenden Material», zu Rath und Hilfe jedem Angriff, jeder Verlegenheit der einzelnen Glieder gegenüber, zu machtvollem Zusammenfaffen der Einzelkräfte behus« Wahrung gemeinsamer Jntereffm, zu geschloffenem Zusammenstehen drohenden Gefahren gegenüber. Dieser Verband besitzt ebenso wie die M a x H i r s ch'schen G. werkvereine ein Organ in der Tage«preffe. Der Bischof von Ketteler von Mainz sagte, daß der Apostel Paulu«, wenn er heute miffiomrend nach Deutschland käme, nicht predigen, sondern ein Tageblatt gründen würde. Käme heute ein solcher jüdischer Apostel, so «rinnen wir, er würde Vorsitzender de» Gemeindebunde« werden, und von diesem Eentrum au« operiren. Wen aber würde er zuerst ausrütteln? Sicherlich unsere Jugend, an die wir un« schon so oft gewandt und deren Theilnahme hier noch so sehr fehlt. Do befindet sie sich, wofür braucht sie ihr« Kraft aus? Bei der Uederfüllung aller Beamten- und Geschäft«- branchen hat unsere Jugend viel Zeit für praktisch« Nächstenliebe, viel Kraft,* welche sie nicht auf privatem und officiellem Gebiete bethätigen kann und welch« sie jetzt in thörichten Ausschreitungen vergeudet. Hier muß da» Eisen geschmiedet werden. Wie Fürst Bitmarck, so wende sich auch der Gemeinde- Bund mit einer neuen Organisation an die A l t e n — und an die Jungen. Al» die erste Etappe seine« prakttschen Ehristenthum» bezeichnete der Reichskanzler die neuerding» angeregt« Berufsstatistik. So war e» auch ein glücklicher Gedanke de« Semeindebundau»schuffe«, eine EnquSte de« jüdischen Gemeindewesen» in ausführlichen statistischen Erhebungen zu veranlassen. Anregungen sind hinausgegeben, Material ist ringesammelt, aber Manche» bleibt noch t» thun übrig. Wie e« in einem Aufrufe de» Bunde» zur Gründung von Mendel-sohn-Vereinen heißi: „Da« Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Sinn für gemeinsame Angelegenheiten, der sich unter den heftigsten Stürmen und unter den schwersten Heimsuchungen Jahrtausende hindurch im Judenthum bewahrt hat. scheint sich unter dem Einfluß günstigerer Umstände nicht bewähren z» wollen," — e» fehlt der rechte Pulsschlag der Begeisterung in der jungen Generation. Die unermüdlichen Leiter de« Bunde» haben darauf hingewiesen: „Die Hauptursach« dies,« JndifferentiSmu» und Scheinleben« liegt vielleicht darin, daß für unsere jungen GlaubenSgenoffen im Alter von etwa 16—25 Jahren absolut gar nicht» gethan wird, wa« ihnen auch nur die geringste Begeisterung für gemeinsame Aufgaben de« Judenthum« einflößen könnte." So rufen wir denn auch unsere Jugend auf. Me dott de« Kanzler'« Ruf praktische« Ehristenthum wieder hiau»schallt in die Land«, so verlaffe man auch hier den Boden nyativer Weltanschaung und schließe sich de« praktischen Juden th um an! Jedenfalls habt Ihr ei» idealere«, lohnendere« Ziel al« Opportunitmu« und Nihilismus. Antwortete ja a»ch Eugen Richter dem Kanzler: »Alle«, Gesellschaft, Korporationen. Kirche und Staat, Alle« soll helfen. Dann wird für Sille di« dumpfe Schwüle und Schwere der Zeü verschwinden. Preußische Traditionen. Die Nationen berufen sich aus historische Ueberlieferungen. wenn sie ihre« Alter« sich rühmen und Nachweisen wollen, daß sie nicht gleichsam Parvenü» unter den Völkern sind. So z. B hatte der füdische Geschichtsschreiber Joseiu« Flavtu« in seiner Schutzschrist der Juden gegen die Angriff« von Apion und Eonsotten, die Antisemiten de» Alterthum«, sich eing hend damit beschäfttgt, da« hohe Alter J«rael« und dessen Gesetze zu constatiren. Und in der That ist die Tradition ver Leben«- ninv de« jüdischen Volke«, aus welcher die wichtigste» Bestandtheile der jüdischen Literatur ruhen, und kann in Europa kein zweite« Volk in ein so hohe« Alterthum zurückblicken, we dasjenige, besten Geschichte mit der Freiheit au« Aegypten beginnt, nicht einmal da» griechische. Denn abgesehen davon, daß dessen eigene, reine unv unoermischte Abstammung höchst problematisch ist, so sind die glänzenden Gestalten der griechischen Geschichte, ja selbst der Sage, viel jünger, al« die biblischen Geiste«- und Krieg-Heroen vor König David. Auch einzelne Geschlechter sind stolz auf die alten Ueberlteseruagen ihre« Hause» und auch diese sind wahrhaft modern im lltergleiche zu den Traditionen, auf welche jüdische Familien in Spanien, wie z. B. die Abravanel'«, sich beriefen. Der deutsche Reich«kauzler Fürst vi«marck folgte daher nur einem echt aristokratischem Zuge, al« er am 9. Januar im deutschen Reich«tage von „preugischen Traditionen" sprach un) sie al« Factor in seiner Politik hinstellte. Und wie lauttt di« Tradition, welche der bewunderte und gefürchtete Staatsmann al» Argument in seiner großen Red« geltend machte? „Die Ausbesterung der Lage der Bedrängten." Da« ist wahrhaftig eine herrliche Tradition, so edel, so menschenfreundlich und so erbarmung«voll, daß sie jeder Bekenner de« Indeethum« mit Befriedigung und Genugthuung liest, da er die Stmme Jakob'« und nicht die Esau'« in ihr vernimmt. Dieser Tradition folgte Preußen, al« e« die au« Frankreich vertri«denen Hugenotten gast'reundlich auinahm und dadurch die Fabttkation von Seidenstoffen in seiner Mitte heimisch machte. Diiste Tradition bewegte Preußen, Wiener jüdische Familien, vielcht 1670 die österreichische Residenz oerlasten mußten, eine Heimstätte an der Spree einzuräumen, und dadurch nutzbringende Eapitalien nach Berlin zu verpflanzen. Wie aber verhält e« mit sich dieser humanen und prei«würdigen Tradition in der antisemitischen Aera Stöcker«? Ist dieselbe da auch lebendig und maßgebend k Wo waren die Hüter und Wächter dieser Tradition zum Schuhe und zur Hülse der Bedrängten, al« die jüdischen Bewohner in der königlich preußischen Residenz in der Sylvesternacht ihre Wohnungen nicht verlaffen durften, wie einst ihre Väter am Abend de« 14. Risan in Aegypten, wenn sie nicht Insulten und Thätlichkeiten au»gesetzt sein wollten? Warum verstummte der menschenfreundliche Klang dieser Tradition mitten in dem wüsten Gejohle der antisemitischen igarbaren, welche loyale und aufopfernde Söhne Preußen« jüdischen Bekenntnisse« mit den gemeinsten Schmähungen und gefährlichen Drohungen überschütteten? In welchrm plebejischen Ketter lag dies« vornehme und wahrhaft aristokratische Tradition ganz regung«lo«, al« Männer die anttsemitischen Masten gegen die Juden aufstachelten, die am Morgen ln der Domnrch« zu Berlin da» Evangelium »er Liebe predigten und am Abend beim Bierglase den

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