Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1882-01-01 · 13. Jahrgang Nᵒ 2. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
13 (1882)
Issue
13. Jahrgang Nᵒ 2.
Date
1882-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-5935096-5938059--4419-5376728
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13 haß in den untere» Schichten der Bevölkerung nicht nur nicht erloschen, sondern kann jeden Augenblick durch geschickte Faiseurzu einem offnen Kampfe angesachl werden. Gewöhnlich werden diese Elemente von den obersten Zehntausend in Schach gehalten. Diesmal aber wiegte sich Alles in die Feiertag-stille und man ahnte nicht da- Hereinbrechen des Unglücke-. Die Behörden erwiese» sich zu schwach over zu saumselig in der Ausübung ihres Amtes. Am ersten Tage hatten die Behörden den Kops verloren, theilS ihre überwiegende Aufmeiksamkeit mehr der Katastrophe in der Kreuzkirche und deren Eonsequenzen zugewendet, thellS die Bedeutung de- Bolksausiauieunterschätzt, ja denselben als ein „Kinderspiel" gekennzeichnet, theilS sogar eine gewisse Schadenfreunde empfunden, daß die Stadt Warschau sich nunmehr ebenfalls bloßgest llt nnd gleichfalls Jndenexcesse auszuweisen habe. Zudem ift eS ein öffentliches Geheimniß, daß vie hiesigen Behörden keineswegs einheitlich vorgehe». Dies gilt bezüglich der Spitzen und der subalternen Execuliv-Organe. Es gicbt nämlich viele und hervorragende Elemente in den hiesigen Regierungskreisen, die ehrlich eine Verständigung zwischen den Polen und Russen anstreben und die denigeniäß in der Ausrechthaltung der Ruhe und Ordnung eine wichtige Förderung ihrer Ideen erblicken. Es fehl: aber nicht an Elementen, die im Trüben sischen möchten, und denen Unruhen nicht unerwünscht wären, uni die Pläne der polenfreundlichen russischen Kreise zu durchkreuzen. So kam es, daß neben einer kaum glaublichen Jndulgenz, die den Excessen gegenüber seitens der Behörde hier und da geübt wurde, in gewissen Sladttheilen eine bewunderungswürdige Energie entfaltet wurde. Cffic'ere und Generale im Dienste zuckten ruhig mit den Achseln dein« Anblicke des traurigen Schauspieles, welches die Stadt bot, während Offikiere und Generale außer Dienst oft nut Erfolg durch bloße Beschwichtigung inieroeiurten. Run herrscht wieder Ruhe in Warschau. Der angerichteie Schaden beläutt sich aus etwa zwei Millionen Rubel. Warschau. Daß die Judenhetze hier sorgfältig infceuirt war, daß auch das Stichwort „Juden hätten das Unglück in der Kirche herbeigeführt" erlogen, also künstlich herbeigeschasst worden ist, wird von Tag zu Tag deutlicher. Die viehisch besossenen Masse» kühlten ihr Müthchen nicht allein an dem Inhalt der Geschäfte und Wirthschaften; e» wurde Nichts geschont. AuS den kleinen Synagogen, Bote Midrasch und Min.anorlen wurden die Thorarollen herausgeriss.u, die Schmuckgerülhe gestohlen und die Rollen selbst zerrissen und in den Koth getreten. Dasselbe Schicksal Hallen natürlich gedruckte hebräische Schriften. Das einzig erfreuliche ist. baß die Juden sich nicht gleich wehrlosen Schafen zur Schlachtbank schleppen ließen, sondern meistens sich inannyafl zur Wehr setzten. Düoaburg. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Juden in Rußland dürste folgendes düstere Bild sein — für dessen Wahrheit ein Corr. des „Hameliz" einsteht. In dem Städtchen Ljusin war eine jüd. Darlehnskasse begründet worden. Der neue Rabbiner hatte aber Wichtigerezu lhun — den Eruw zu besichtige» u. dergl. — als sich darum zu küminern, und so verfiel sie iminer mehr, bi« endlich der Bethhamidraschdicner die Verwaltung behielt. Dieser bewahrte die Pfänder in einem Ziminer, damit einem kleinen Schlosse verschlossen war. Al» aber eines schönen Tages «in Schuldner sein Pfand auSlösen wollte, war da» Zimmer offen und alle Pfänder verschwunden. Da berief der Rabbiner eine Gemeindeversammlung und sprach den Bann über die Diebe auS, sofern sie nicht das Gestohlene zurückbrächten. ES meldete sich nun auch ei» Mensch, der gegen Zahlung von 100 Ruheln und das Versprechen, seinen Namen geheim zu halten, die Pfänder wiederbrachle. Run erfolgte ein neuer Bannspruch vor versammelter Gemeinde gegen die, welche die Namen der Schuldigen auch nur vor Weib und Kind nennen würden. Die Polizei halte aber Wind davon bekommen, doch die Juden blieben stumm. Auf Bericht an den Bezirkschef in Witebsk kam dieser selbst an Ort und Stelle und ließ, da die Juden die Uebelthäter nicht nannten, den Rabbiner vor sich kommen. Dies-' versteht aber kein Wort russisch. Als der Beamte ihn fragte, ob er deutsch verstehe, erwiderte er: „Taitz! Ja taitz kenn iq gut!" Aber, o weh, das Deutsch, welches der Ehef spricht, verstand der Rabbiner auch nicht, denn „..alchische Taitz kenne ich nit, ich 'enn nor iwri-taitz!" Natürlich erklärte der Beamte, die Juden sollten ihren Rabbi in ein Raritätenkabinet stellen, und venutzle den Vorfall, um Anträge gegen Rabbiner, Lehrer, Synagogendiener, Gemeindeverwaltung und die Juden im Allgemeine!» in der Commission zu begründe». Schweden. II. Stockholm. Herr General-Consul H. Davidson ist zum Commandeur deS Wafa-OrdenS designrrt worden. Diese si'ltene LuSzeichnunz unsere» in allen Kreisen dochan gesehenen Glaubensgenossen wird hier um so sreundiger begrüßt, als Herr D. nunmehr Präses unsere» Gemeindevorstanve» ist und trotz seiner angestrengten Thäligkeit a'.S Direktor der Skandinavischen Bank sich doch m't leddasiem, warmem Interesse den Angelegenheiten unserer Gemeinde widmete. Eine in Piri» „neuerfundene" Religion, Posttivirm:'« genannt, die gleich dem Atheismus eine Gottheit leu m\. dabei aber doch eine sehr wohlgeordnete Hierarchie hat, macht gegenwärtig hier viel von sich reden. Sonderbar ist'», daß e» dem hies. Priester dieser nc:>-n Religio», welche hier nur sehr wenige Anhänger zählt, gelungen ist, auch ein — jüdische» junge» Mädchen zu einer eifrigen Bekennerin seines Glaubens zu machen. Der sehr verdiente Reichstagsabgeordnete Herr Heoin hat jüngst in der Communalvermaltung eine Frage angeregt, die auch für uns von mannigfacher Bedeutung sein muß. Einer bestehenden Verordnung gemäß, müssen nämlich auch alle nicht zur Etaatskirche gehörigen schwed. Unterlhanen zum Unterhalte der protestantische» Kirchen beitragen. Herr H. wi,S sehr energisch aus die Unbilligkeit dieser Forderung, welche im grellen Widerspruche zu unsrer proklamirten Religionsfreiheit steht, hin und verlangte Befreiung von dieser Steuer für Katholiken und Juden und alle anderen vom Staate anerkanulen Glaubensgenossenschaften. Ueber den Erfolg berichten mir seiner Zeit. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Wir empfehlen dem jüd. Kantorenblar den Leitartikel der Nr U de» „U»iv. iSraülite" Quelques itbus a corriuer („Einige Mißbräuche zu verbessern"), da das dort an der Aussprache des Chore» Getadelte in Deutschland oft aus dem Munde von Cantoren zu hören ist. Wir würden di« dort gegebene Blumcnlefe in uns. Bl. wiedergeben, ja sie noch ergänzen, wenn diese Herren nur die Wahrheit vertragen und sich belehre» lassen würden, und nicht immer gleich Gehässigkeit gegen ihren Stand witterten. Wir möchten bei dieser Gelegenheit dem Fachblatt der Cantoren, da» sich da» sehr löbliche Ziel gesetzt hat. für die bessere Stellung der jüd. Canroren einzutreten, doch den freundlichen Rath ertheilen, nicht blo» für die materielle und cultuelle Stellung derselben einzutrete», sondern auch die Hebung der kulturellen Stellung sich angelegen sein zu lasse». Diese Culturarbeir böte ein großes Feld für die Thätigkeil jenes Bl., die viel nützlicher wäre, als die Pfiege eine» Künstler- Hochmuths, der sich u. A. in der uns mitgelheilten Aeußerung (aus Rr. 45)kund giebt: „Jetzt will man un» sogar die Priest erherrschafl in der Gemeinde abstreiten!"*) Biele der intelligenteren Cantoren stimmen un» darin bei. CharlottNtbllrg. Bei der am 21. v. M. stattgefundcnen Wahl zweier Mitglieder zum Provinziallandtagt wurde van •) Sieh« auch da« fol,««d« „Aul viühre»."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.