Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 1.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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5 — al« die Christen! (Daß die» Unsinn ist, daß Juden so nicht beten durften, nicht beten konnten, brnucht nicht gesagt zu werden. Der gute Mann brauchte einen Reim aus tien« und den fand er in otirstiin«! Da» ist de» Räthsel« Lösung') fori#. Der Direktor de» „fctauloi*,* ein Herr Lyon — von Geburt ein Jude au» Rußland und früher Professor der Physiologie an der Medicin Akademie in Peter-durg, hat seine Artikel gegen Paul Bert'» Thesen: l) die Religion muß verschwinden und hat nicht d.r» Recht, die Moral zu lehren 2) die Moral der Zukunft muh al» einzige Grundlage die wissenschaftliche Bildung haben — in Brochurensorin erscheine» lassen unter dem Titel: „Der Krieg gegen Gott uud die Laienmoral.' Darin uennl er die Religion die großartigste Manifestation der menschlichen Seele, da» deutlichste Zeichen de» Unterschiede» von Mensch und Thier, welche keine Wissenschaft ersetzen kann. Der Hauptirrthum der vou P Bert vertretenen Richtungen de» Materialismus, de» Posirioi-mu» re. ist nach ihm daß sie die Lehren der Kirchen mit der Religion verwechseln. Herr C. gesteht zu, daß auch rr den religiösen Glauben verlaffen hat. aber er ist Idealist geblieben, weil er die Moral der Vorfahren geerbt hat, di« Moral, welche jenen durch die Religion gelehrt ward. Da setzt „Arch. i-r." mit Recht ein, und fragt, wie e» nun mit dem Weikervererbe» stehe, oder ob e» nicht uöthig sei. dem religiösen Jdeali»mu» die solide Basi» einepraktische», lebeudigeu Judenthum» zu gedenk Rußland. ll. X. Warschau. (Or.-Corc.) In unserer Stadt lebt ein gewisser Herr JelünSki, Beamter an der Bahn und zugleich Publizist, der e» sich seit einer Reihe von Jahre» zur Aufgabe machte, die Rolle eine» Stöcker bei uns zu spielen, weniger in öffentlichen Reden al» in Brochüren und in Zeitungiartikeln Aber die verschiedenen Bekenntnisse leben hier in Frieden «ns in Eintracht, da- Volk har hier kein Ber» ständniß für solch« Hetzereien, und unser ehrenwerther Agitator — sie sind ja alle ehrenwenh — ritt allein und vereinsamt sein romantische» Slöckerpfero. -Nebenbei war e» auch der Redakteur unsre-, „Jzraelila", der an diesem Ritter manche Blöße entdeckte, ihm manchen Hieb versetzte, und seine seindlichen Ausfälle mit scharfer Kritik zurückwies. Aber keiner entgeht seinem Schicksale, sagt der griechische Sänger, und da« sollte auch Herr JelönSti erfahren. Bei der Regierung in Petersburg wird jetzt bekanntlich in der Schankangelegenheit verbandelt und die Frage der Beschränkung der Juden in dem Besitz von Dorsschenken diSkutirt. Der Graf Zamojski von hier, einer der ersten Magnaten Polen», nahm sich nun der Sache ernstlich an, stellte der Regierung vor, daß diese Frage in Polen in einem anderen Perhältniffe sich besinde, wie im übrigen Rußland und bat, die Juden Polen» von jeder derartigen Beschränkung au-zuschließen. wa« auch die Regierung für richtig erkannte und i» diesem Sinne entschied. Kaui-i war Zainojeki von Petertburg zurückgekominen, so stellte sich .Herr Jelvn-ki ans die Hinterbeine und inachte in einem Zeitungsblalte gegen diesen tüchtigen Bürger und Pa» trioteu einen wüihende» Ausfall wegen seiner Perwendung für die Jubcil. Run aber sollte rr ebenso die Rippen hierbei brechen, wie sei» edler Borgängr im Kampfe mit Wind- Mühlen. Die Herren Kronenberg, Söhne de» vor einigen Jahren hier verstorbenen Leopold Kronenberg.') Inhaber der Tere»poler Bahn, an der JelrinSki al» Beamter sungirte, hielten e» nicht für angemejsen, denselben auf seinem Posten weiter zu belaff.n, und gaben ihm sofort seine Demiffion. Uin jede Skrupulosität einer solchen Handlung zu versöhne», gaben sie in Verbindung mit dieser Entlasiung .'>000 R» zum Besten für WohllgäligkeilSzwecke. •i Leopold Aronrnbrtg war bclannt(id) einer der größten Insu firirllrn Polen« Sr hatte sich, vor >0 Jahren ,urück, getauft, un» pvai loegen einer Uonv>iu«ntsrage. Ader auch dann blieb er seinen früherer <dlauden<z>»osje» zugeida». fpenoet« reichlich zur Synagoge, zu pt-zzoi »n» llhnt.che» vrdMfnissen, un» hatte uni.r feinen Beamten soviel Iu> den, al« nur -ngtug. . Inzwischen scheinen JelenSki'S Hetzereien doch auf frucht» baren Boden gefallen zu kein, wie der Judenkrawall am Weihnacht-srste und die Plünderung der jüo. G schäst-läden und Wohnungen — e» sind 6000 jüd. Familien geschädigt — gezeigt h t Die strengste Untersuchung ist im Gange und an 3000 Unruhstifter verhaftet. Warschau, 30. Dece.nber. lieber die Exceffe gegen die Juden haben die Tageblätter AuSsührliche» — aber auch viel Falsche« — gebracht. Die Untersuchung hat bereit» fest» gestellt, daß der Alarm in der gedrängt vollen Kieuzkirche dadurch entstanden ist, daß «ine Dame ohnmächtig wurde und der in deren Begleitung befindliche Herr den Rus „Wasser" ertönen ließ Die Anwesenden brachten diesen Ruf mit FeuerSgefahr in Verbindung und drängten dem Ausgange zu, wodurch da» gräßliche Unglück herbeigeiührt wurde Da» Gerücht, jüdischeTaschendiebe hätten dieHände im Spiele gehabt, ist falsch, wie die» derPräsident der Stadt Warschau, General Starinkiewicz, in seinem Tagesbefehl von gestern ausdrücklich hervorhebt. Die zuerst nach auswärts gesandten Telegramme sind also unrichtig gewesen, aber nur wenige Zeitungen waren so ehrlich, sie zu widerrufen. E» dürste keinem Zweifel unterliegen, daß der Coup von langer Hand vorbereitet war und di« Agitatoren nur eine Gelegenheit abwartelen, um den so teuflisch au-gesonnenen Plan auszuführen. Die ganze Stadt ist übrigens darüber einig, daß di« obersten Polizei- und MagistratSbehüsrden sich einer sträflichen Rath¬ und Thatlosigkeit schuldig gemacht haben, ohne welche die Exceffe schwerlich solche Dimensionen angenommen hätte. Die hiesige Preffe und Bürgerschaft verdammt die Vorgänge mit den heftigsten Worten, und man ist bemüht, durch Sammlungen den Beschädigten Ersatz zu leisten. Die größten Beiträge .werden vorzugsweise von christlichen Bewohnern geleistet, u A. figurirt Gras Ludwig KrafinSki mit 1000 Rubeln. Graf August Potock: mit 400 Rubeln, Gras ZamoySti mit 500 Rubeln rc. — In der Provinz wird leider noch immer fortgehetzt, und man befürchtet auch da Exceffe, fall» nicht gleich bei Beginn energisch eingeschritken wird. PrterSbarg. Jgnatiew hat sich in einer Audienz dem Redakteur de« „Hameliz" (daß cS Jgnatiew war, glauben wir zu errathen! Red.» gegenüber in milderes Licht zu rücken gesucht. Er io;ll nur die Worte der Judenfeinde gebraucht, nicht die Ansicht der Regierung ausgesprochen haben. Das Ende werde zeigen, daß die Regierung gerecht ist uud nrcht von Racenhaß geleitet werde! Wie wenig stark jedoch diese Hoffnung bei den Juden ist, z igt„ Hameliz", indem er die nach Tausenden zählenden An»w.lnderer, denen Viele zu folgen sich anschick.n, wohl bemitleidet, aber doch die Auswanderung als ein Anzeichen der Besserung bezeichnet, da den Zurückbleiöenden Raum geschaffen wird. Jgnatiew soll selbst cS ausgesprochen haben, daß die Unreise der Russen für daS parlamentarische Regime durch nicht» s, sehr al» durch die Verhandlungen der Judencommiffionen erwiesen sei. „Eine Frage wird den BolkSerwählten vorgelegt, sie sollen ihr« Ansichten in der Judensrage darlegen, und eine Unmenge von thörichtcu und verderblichen Anschauungen tritt zu Tage, so daß man schamrolh wird und sieht, ivie Privatinteressen und vorgefaßte Meinungen allein dabel maßgebend waren. Die Vorsteher von WohlthätigkeitSanstalten wollen den Juden eigene WohlthätigkeitSanstalten verbieten. Schankwirthe und Schnap-Händler verlangen, daß die Juden diese Geweilv nicht treiben dürfen, alle Kaufleute wollen die jüd. Concurrenz beseitigt sehen. Selbst Maßregeln gegen die Religion der Juden sind oorgeschlagen worden. Und selbst der Rath, der Mittel zur Verminderung der Trunksucht Vorschlägen soll, findet den Urgrund de» UebelS im SchnapSverkaufen der Juden, die von 83 Gouvernement» (in denen allen da« Volk diesem Laster sröhnt) nur 16 bewohnen. Da» flößt der Regierung wenig Vertrauen in die VolkSweiSheit ein. E« ist deshalb noch nicht» entschiede», wa» aus die Berufung de» Centralcomitö» zur Verh »ndlung der Judenfrage Bezug hätte!