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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 50 (1894) · p. Seite 197

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
50 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 197 (sequence 3)
Language
German
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Meiner Feinde; aber ich habe sie schlecht bestanden, o Herr und <Sott, und als der Versucher zu mir trat, da war ich nicht gerüstet poch gewappnet und bin erlegen. Um der Liebe zu 'Weib und Kind, und um der Sorge für mein zeitlich Gut habe ich Dich, den Ewigen, verleugnet. Dich den Gott, der meine Väter aus Egypten durch die Wüste gerührt nach Kanaan, in das Land der Verheißung. Ich habe gezittert für meine Habe und darum mich selbst überantwortet dem Fürsten der Finsterniß, aber noch ist eS Zeit und ich will besiegen das Fleisch, daß sich empört gegen Schmerz und Elend, ich ivill es besiegen, um die Seele zu rette». Und wie Du gesagt, so werde mir. Als heute Emanucl dein ewiges Won vorlas, da ergriff es mich mit den Schrecken deS Gehinnom, als ich die Strafen hotte, die Tu gedroht den Abfallenen und Abtrünnigen; denn dein Wort ist Wahrheit und was Du gedroht, wirst Du fürchterlich halten. Und darum will ich hingehen und mit meinem Blute den Frevel sühnen, den ich verübt. Verzeihe mir Jehovah, Tu Gott der Ewigkeit, nimm die Sühnung an, die ich Dir biete mit reuigem Herzen, lasse nicht entgelten mein Weib und incine -Kinder das, ivas ihr Gatte und Vater verbrochen, geib ihnen Leinen Segen und alles Glück und stärke mich in meiner letzten Stunde, daß ich nicht werde zum Spotte der Gojim. Amen." Nachdem Ephraim also gebetet, erhob er sich vom Boden, seine Glieder waren errstartt und kaum wollte» die von Kälte gefesselten Füße ihn ttagen. Aber sein Herz und seine Stirne glühten und sein Auge flammte von jenem wilden Feuer, welches der Fanatismus anfacht und wer iin Lichte des Mondes in seine blassen, edlen Zügen geschaut hätte, der würde darin eine schauerliche Entschlossenheit wahrgenomnicn haben. Wer von uns wagt zu sagen, ob er recht oder unrecht gehandelt habe; groß ist es immer für eine Idee zu sterben. — Ter Jude schritt so rasch vorwärts, als ginge et der größten Freude, dem herrlichsten Tage seines Lebens entgegen, und obwohl ein gar beschwerlich Fortkommen im Schnee war, hatte er doch in einer halben Stunde die Stadt erreicht. In der Stadt herrschte die größte Rührigkeit und Freude. Zn den Fenstern war überall Licht und fröhliche Kinderhausen drängten sich um den grünen Tannenbaum mit der freudigen ^hristbcscherung, und in das melodische Läuten der Glucken und das fröhliche Summen der Volksmenge mischte sich Echalmcienklyng; es waren Burschen vom Land, die mit grünem Tannenreisig auf dem Hute, von Haus zu Haus zogen und zur Sackpfeife das alte Lied sangen: Wir spielen und singen zum heiligen Christ, Das Heil, so der Welt gekommen ist. Mechanisch schritt Ephraim in dem Volksgewühle für sich, von den drängenden Haufen geschoben; so gelangte er auf «inen Platz, wo der Jubel verstummt schien, und ein Haus .ohne alle Beleuchtung schauerlich gegen die von lustigen Lichtern funkelnden Nebengebäude abstach. Ter Platz war die Schranne. Vor dem Hause hatten : sich die Menschen gehäuft und standen, erzählend und horchend vor dem Thore. Auch Ephraim ttat näher und fragte, »essen das dunkle Haus sei. .Dem Herrn EraSmus Schlagnitweit gehört es," sagte -eine freundliche Alte, .ein gar reicher Mann bei der Stadt und RathSherr obendrein." .Und warum ist es allein dunkel, da doch alle Häuser ringsum erleuchtet sind?" .Ei, Tu mein lieber Himmel," sagte die Alte, .der arme Mann sollte sich wohl noch erfteuen, wenn sein Sohn -auf den Laden liegt." .Todt?I" sagte der Jude schauernd, .wie istts gekommen!" .Hat Stteit gehabt," plaudette die Alte, ftoh, daß sie Neuigkeiten an den Mann bringen konnte, „Streit mit einem m> Herr Studenten; Jugend hat nicht Tugend, und ist und zankt, nun und da haben fit zur Wehre gegriffen. and der Andere hat aus der Gänsweid den jungen Herrn Schlagnitwcit durch und durch gerannt." Ephraim schwieg erschüttert, während die Alte sortsuhr: .Soll ein gar heillos Blut gewesen sein, der junge Geschlechter und manch böse That auf dem Gewissen haben. Nun, der Herrgott kennt seine Leute und wird schon wissen warum er ihn abgerufen hat." .Seid bedankt, Mutter," sagte Ephraim und schritt weiter. Ta er bemerkte, wie beim hellen Schein der Lichter manch argwöhnischer Blick auf seinen Kaftan fiel, welcher den Inden verrieth, so nabm er das Zeichen heraus, welches er als Neophit zu tragen berechtigt war, und das aus einem gelben Kreuz bestand. So gelangte er zum Tom von St. Stephan; festlich war die Kirche geschmückt, frische Blumen wanden sich um die gothischen Säule», die goldenen Leuchter schimmerten vom Glanze unzähliger Festkcrzcn und über die Häupter der gläubigen Menge hin brausten die majestätischen Klänge der Orgel, zogen die duftigen Wolken des Weihrauchs. Auch Ephraini stellte sich unter die Betenden, die ihn halb neugierig, halb mißtrauisch betrachteten. Immer voller und voller ward die Kirche. Tie Leute, die um Ephraim her standen, waren aus den untersten Volksklassen, Arbeiter, Gesellen und vom Lande hereingcströmtes Bauernvolk; alle harrten in schweigender Andacht dem Hochamlc entgegen, welches in der Mittetnachtsstunde zu Ehren der Geburt de» .Heilands" gefeiert wird. Weit geöffnet waren alle Thore, selbst das sogenannte Riescnthor, welches nur bei feierlichen Veranlassungen geöffnet wird, sperrte weit auf seine gewaltigen Flügel >.,nd ließ die Volksmenge ei», welche immer wachsend Endlich hallte vom Thurme der zwölfte Stundenschlag und im selben Augenblick ward die Messe feierlich eröffnet. Im reichsten Ornate erschien der Bischof am Hochaltar, gefolgt von Archidiaconcn und Tiaconcn, und das Hochamt begann. Auf die Knie sank das Volk; nur Ephraim stand aufrecht, er ivollte nicht knieen, in dem fremden Gotteshause. „Nieder, nieder," murrte die Menge. Ephraim sah, daß seine Stunde gekommen; eine ingrimmige Angst verzehrte ihn, es schien, als legte sich des Tomes Decke auf ihn, und wolle ihn erdrücken. Immer lauter und lauter marttc die Menge; da wandte er sich um und rief mit lauter Stimme: .Was wollt Ihr, daß ich soll knieen, da ich doch ein Jude bin." .Bist Tu nicht getauft!" zürnte das Volk, mit wilden Blicken aus dc.» Ehristcnzeichcn deutend, das der Jude am Halse trug. Da schleuderte Ephraim das Zeichen weit von sich und ries: .Ich habe nie aufgehört ein Jude zu sein; ich bin ein Jude, und will sterben im Glauben meiner Väter!" .Gotteslästerung! Nieder mit dem Abtrünnigen", heulte das Volk und stürzte sich auf den Unglücklichen. Schweigend ließ Ephraini den ersten Ausbruch der Wuth über sich ergehen; er ward zu Boden gerissen und mit Schlägen überhänft „Aufs Gericht!" riesen Einige. „Wozu? wir richten selbst!" schrieen die Wüthendstcn. .Auf den Scheiterhaufen!" rief eine sanattsche Stimme. „Auf den Scheiterhaufen!" brüllte die wüthende Menge nach und schleppte den Juden zuin Riesenthorc hinaus. Vergebens suchten die Gemäßigteren zu wehren, vergebens wendeten sie Bitten und Drohungen an; der sanattsche Pöbel blieb bei scinein grausamen Entschlüsse. Aus Betstühlen, aus den Kreuzen des Friedhofes, der um den Stephansdom sich herumlagette, ward ein Scheiterhaufen aufgethürmt, todtenbleich, aber schweigend, sah Ephraim zu; die Fanatiker banden ihn auf ein Brett und legten ihn auf den Holzhause»; im Ru brannten die dürren Schttte, da rief Ephraim mit lauter Sttmme: „Mein Herr und Gott, sei mir

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