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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 50 (1894) · p. Seite 196

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
50 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 196 (sequence 2)
Language
German
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wir todtenblaß geworden und drolitc vom Stuhle zu finken; bestürzt versammelte fich die ganz« Familiengruppe um den Hausvater, der erschöpft sich zurückehme. „Was it Dir, Ephraim?" jammerte die Frau, und die bestürzten Kinder stimmten mit ein. „Nichts," sagte Ephraim, „eine Kleinigkeit, 's ist schon vorüber, märe mir auch nicht angenehm, wenn es anhaltcn würde, denn d) muß heute noch nach Wien zurückkehrcn " „Wie?" fragten alle in höchster Bcnvunderung, „am Sabbath!" „Mein Geschäft ist so wichtig," suhr der Jude fort, „das; es meine Anwesenheit in Wien noch heute erfordert. Ich bin nur herausgekommen, um den Sabbath mit Euch zu feiern und sagte nichts von meiner Rückkehr, weil ich Euch das Fest nicht verderben wollte. Aber jetzt ist es Zeit; geht Kinder und bringt mir meinen Pelz, ich nruß fort, ehe es zu spät wird." „Aber allein und in der Nacht," zitterte die Hausftau. „Es ist knne Gefahr und Got: wird mich schützen." „Emanucl soll mit Dir gehen." „'Nein," antwortete Ephraim mchdrücklich, „das kann ich nicht dulden; er würde mir bei meinem Vorhaben nur hinderlich sein: er soll bei Euch bleiben und Euch schützen, vielleicht bedürft Ihr seines Schutzes mehr als ich." „Aber der Schnee — die Wöl e" —. „Gegen den Schnee schützt mick mein guter Pelz, gegen die Wölfe diese Feuerwaffe. Es darf Euch nicht bange um mich sein." Regina hatte dem Vater Pelz and Bärenmühe gebracht, nnd als der Jude sich schon zum Fongehen anschickcn wollte, sagte Emauucl: „'s ist Sabbath heute, Vater, und Ihr habt Eure Kinder noch nicht gesegnet." „Darf ich das?" ftagte Ephraim, während ein leichter Schauer seinen Körper durchrieselte. „Warum solltet Ihr nicht?" gigensragtc Emanuel verwunden. „Habt Jhr's doch immer g.'than." „Ich meine," sagte Ephraim ausweichend, „weil ich den Sabbath entheilige, da ich mich von seiner Feier durch ein Geschäft hinweg locken lasse." „Wenn Äner in so redlicher Al sicht, wie Ihr, das Gebot Übertritt, dai n mag es wohl keine so große Sünde sein," sagte Emanuel, „und so gebt uns Eircn Segen, Vater." Ter Jude l eß zuerst die jüngein Kinder kominen und segnete sie schweigend in wehmüthiger Rührung; dann neigte fich Regina und ihr Bräutigam vor dem Vater, er legte seine zitternden Hände aus ihr Haupt und sprach mit tiefbewegter Stimme: „Ich segne Euch meine Kinder, daß der Herr Euch geben möge. Alles, was Euch ftommi; Heil und Glück, daß Ihr Freude erlebet an Euren Kindern; der Fittig des Ewigen kühle Eure Wangen, wenn sie brenr en von der Glut der Thräncn und der Balsani des Gebete-, stärke Eure Herzen in den Tagen der Noth; sei Tu, Emanuel, ihr ein treuer Gatte, eine starke Stütze im Leben, sei Tu, Regina, ihm eine treue, liebende Hausftau, bis der Tod Euch scheidet. Und so meine Kinder empfehle ich Euch dem Schützt des Ewigen." Ephraims Augen funkelten von Thränen, auch die Frau weinte leise und sagte mit tief ergriffenem Gemüthe: „Ei, Ephraim, Tu segnest ja deine Kinder, als ob Tu zu sterben gingest." „Wer weiß!" sagte der Jude mit sch nerzlicher Rührung leise. Emanuel, der die glückliche Reg na an seine Brust gedrückt hatte, voll fteudiger Ahnung, laß er sein Lebensglück in den Armen halte, trat nun auf den Vater zu, reichte ihm die Hand und sprach feierlich bewegt: „Vater, was Ihr von mir so eben gefordert habt, das will ich getreulich halten; ich will ihr .in treuer Gatte, eine starke Stütze sein, und Ihr mögt einst Euer Haupt ruhig schlafen legt«; denn ich will für die Euren sorgen, als ein redlich«! Manu." „Willst Du das," sagte Ephraiw, chm herzlich die Hand brückend, „so segne Dich Gott, — und nun Kinder halte! mich nicht länger auf, denn ich muß sott," Noch einmal umarmte der Jude seine Kinder, drückte einen hcrzllichen Kuß auf die Lippen seines weinenden Weibe»/ dann schritt er ra>ch auf die Thür zu und verschwand in der dunklen Nacht. ' VI. Es war Weihnachtsabend, jene Nacht, in welcher in allen Kirchen die schönen Worte ertönen:. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden j!" — Die Natur schien die Feier dieses iveihevollem Festes mit zu begehen, denn der Stunn, der bisher gcwüthet, legte sich allgemach, nur manchmal strich ein Windhauch, leiser und leiser verwehend über die schneeigen Flächen und die Wolken, die noch vor kurzem schwer und drohend am Himmel hingen, verflogen in dämmernde Ferne, daß die lies dunkle Himmelsdecke rein hervortrat und ver stille Mond und die zahllosen leuchtcndcn Stcrnenfunkcn ihr schimmerndes Licht herabgojsen über die nächtige schweigende Erde. Es ist ein schöner Anblick, die in's Winterkleid gehüllte Erde zu schauen in einer reinm kalten Mondnacht. Ephraim stand aus einer der Höhen, die sich gegen W>n abscnken und obwohl sein Herz von deu widcrsrrebcndstcn Gefühlen so voll war, daß ihm die Brust zu zerspringen drohte, so konnte er doch nicht umhin, ergriffen von dem prächtigen Schauspiele, daß sich ihm darbot, stehen zu bleiben und bewundernd mit gefalteten Händen ftartte er hinaus in das allgewaltige Wunder der Schöpfung. Ringsum herrschte das ti-stte Schweigen, als bereite sich die -Natur zu etwas Großem, Erhabenem vor; nur in der Ferne, '»•o der Wahrscheinlichkeit nach, Wien sein mußte, schimmerte s von Lichtern, als ob dort die Stadtfestlich und freudig beleuchtet wäre; mit einem Male begann vom Tom zu St. Stepht» eine Glocke mit mächtigem Schlage zu klingen, ihr folgte die nächste und einstiir inend antworteten unzählige andere, daß es wie ei» Chorgesann melodisch hettiber klang, und fürwahr; als der Mensch ti« seine Schwäche empfindend, mit seiner schwachen Stimme nicht zu dem Einigen zu sprechen ivagte, als er ein anderes Mittel suchte, um dem Herrn der Welt die heiligsten Gefühle seines Herzens kund zu geben, da erfand er die Orgel und die Glocke, daß auf den brausenden, heiligen Tönen, aus den feierlich melodischen Schlägen sein Gebet klingend emponlicgc zu dem Herrn. Tief bewegt horchte Ephraim auf das Glockengeläute das aus der Stadt zu ihm herüber hallte; es schien, als ob cs sich wie kühlender Balsam in die brennenden Wunden seiner Brust ergötze. Im tiefen Schnee knieetc er nieder, sein Blick war andachtsvoll erhoben, seine Hände gefalttt, als er mit lauter Sttmme, durch die stille Nacht hin, betete: „Mein Herr und Gott, du Gott meiner Väter, ich weiß nicht ob ich es recht thue, aber ich glaube es. Tu bist der Gott^ Abrahams, der Gott, zu dem meine Väter dritten in der. Stunde ihres Todes; auch ich bete zu dir, laß meine Stimme^ nicht ungehört verhallen und öffne gnädig dein Ohr meine Rufen. Ich bin geboren und erzogen in dem Glauben und? der Lehre, die ttnst Moses in flammenden Lettern herabg ttagen von den Höhen des Sinai, und wenn ich um dieser Lei willen so manche Schmach, so manche Verfolgung gellt so habe ich nicht gemurrt, sondern sie immer lieber unlfl lieber gewonnen, daß fie mit heiligen Fäden fich ver mit den Fasern meines Hnzens und daß der, welcher daraus losreißen wollte, mir zugleich das Hnz mit losreiß müßte. Tu hast mich reich und glücklich gemacht, Jehov du Gott meiner Ahnen; du hast gesegnet meinn Hände Wert und der Blick deiner Gnade ruhte auf Allem, was ich gönnen; Du hast mir ein tteues Weib und liebe Kinder gegeben und mei>: Herz war voll von einer Sttigkest, wie ein glücklicher Mann empfind«. Ab« ich habe gesündigt bin stolz geworden, o Herr, und darum schicktest Du mir j Stunde der Prfifung und ließest mich fallen in die

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