Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 49 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Tvclch' tvdtlichen Schrecken habe ich ausgestastden, als die Männer des Gerichts in unser Haus eindrangen, alle Schränke «brachen, um jenes Gold, von dem ich nichts wußte, sammt Dem Vater mitjvrtzunehmen; ach, wenn ich nur müßte, welche Eewandtniß es mit jenem Gelde habe, ich würde viel ruhiger fein." „Würdet Ihr das?" fragte Emanuel. „Ganz gciviß," sagte die Mutter. „Nun, so hört," fuhr der junge Mann fort. „Das Geld •ift aus Polen, und wurde von meinem Vater gesammelt mit Dielen bravcu Juden, und ich sollte es dem Ephraim Rcubl ■ überbringen, daß er damit eine Synagoge zu gründe» suche. "Dieses Auftrages habe ich mich getreulich entledigt und dem "Vater das Geld übergeben. An jenem Abende, als die beiden wüsten Gesellen hier einbrachcn, die der Vater durch sein entschlossenes Benehmen entfernte, legten wir das Geld hier in den Schrank; in demselben Augenblicke gewahrte ich das Gesicht eines Mannes, der durch's Fenster hereinspähtc. Ta ich rasch aus ihn losspringe, huschte er, wie ein Schatten davon. Ich vermuthe nun, daß jener Spion der Obrigkeit dies angeleigt, und da sie vermuthlich etwas Böses dahinter suchte, hat sie sich' des Geldes und Ephraims Person bemächtigt. Es ckann ihm aber durchaus nicht schwer werden, seine Unschuld ^u erweisen; ja vielleicht ist dies eben ein glücklicher Umstand, um die Gründung der Synagog: bewilligt zu erhalten." „Nun, so wäre ich wohl ruhiger," meinte die Mutter, .aber dennoch kann ich mich aller Besorgnisse nicht entschlagen." „Das werdet Ihr nie," scherzte Emnnuel, „und daran (t wohl nur Eure Krankheit schuld." „Eine Synagoge in Wien?!" ftagte Regina. „Ja mein süßes Lieb!" versetzte Emanuel, „wenn cs «uch im gegenwärtigen Augenblick geheim bleiben muß. und «lller Wahrscheinlchkeit nach würde ich Rabbiner werden; denn ich kann es ohne Anmaßung sagen, nicht Viele haben so gut «äernt, wie ich, da von Jugend an mein weiser Vater mich darin belehrt, und mancher alte Mann hat sich verwundert über das, was ich geleistet im Studium des Talmud und 'der Thora." Mit Freude und Stolz sahen Mutter und Tochter auf den schönen jungen Mann. Wohl mochte die Mutter des Kindes Glück, die Tochter die eigene freudige Zukunft sich auSmalcn im Geiste; aber des Menschen Hoffnung ist wie die Blüthe, wer weiß ob ein Sturmwind sie in den Staub verwehen wird, oder ob sie erstarken mag zur lieblichen Frucht; des Menschen Glück ist wie der Rauch des Schornsteines, der himmelan steigen, aber auch sich zerstreuen kann auf der Dunklen Erde. ES wurde an der Thür gepocht. Emanuel eilte zu öffnen und ein Schrei des Entzückens hob sich von den Lippen der 'Fraucnf als Ephraim cintrat. Regina flog an den Hals ihres Vaters und selbst die schwache, kranke Mutter suchte sich ^mszurichten. Ephraim reichte ihr die Hand, die sie freudig drückte; plötzlich rief sie: „Hils Himmel, was bist Tu blaß, -Ephraim!" Auch die Verlobten bemerkten jetzt erst die tiefe Bläßc, die über des Vaters Antlitz ausgegosscn war, Ephraim aber sagte, indem er die jubelnden kleineren Kinder am Arme «ahm: „Seid nicht thöricht, was wird's sein! Ich habe viel aearbeitet in der Stadt, denn es war ein gar wichtiges Geschäft, das ich verrichtet, und euch zu liebe habe ich gar vieles Methan, was mich viel Mühe gekostet." Emanuel warf dm Frauen einen bedeutungsvollen Blick .zu. Diese verstandm ihn und forschten nicht weiter. „Es fteuet mich," sagte die Mutter, „daß Tu heute zur sSabbathseier zurückgekehrf bist, Gott segne deinm Eingang." „Ja es ist ball» Sabbath,' antwortete Ephraim wehmütig «nst. „Warum sprichst Du das so ttaurig," fragte das Weib. „Ei, Hab« ich's ttaurig gesagt," fragt« Ephraim sich zwingend heit« zu schcinm, „nun, dann Hab« ich'S wahrhaftig I, ti-, nicht so gemeint, dmn ich bin von ganzn Seele erneut, daß ich euch wieder sehe. Wir wollm den Sabbath fröhlich feiern. (Fortsetzung folgt.) Gor sechzig Jahren. Wir haben in 4ir. 47 d. Bl. den „Roinan des Baron Königswarier" gebracht. Anläßlich des darin erwähntm Ucberttitts des Barons zum Katholizismus bringt die „Oestett. Wochenschrift" sehr zeitgemäß den nachfolgenden Auszug aus einer von I. R. Mann hei in er am 6. Dezember 1834 gehaltenen Predigt zum Abschnitt Toledoth mit der Ueberschrift: „Warnungan Väter inJsracl".*) Text: I.B.M.27.41: „Ta haßte Esau seinen Bruder Jacob im Herzen . . . und es sprach Esau in seinem Herzen: Es nahen heran die Traucrtagc meines Vaters, da' ivill ich »»einen Bruder erschlagen." „Ein gräßliches Wort, gräßlich auch nur anzuhörcn, schrecklich in allen seinen Folgerungen. Kaum vermag es daS menschliche Herz zu fassen, das sich von einem zwiefachen Grauen dabei ergriffen fühlt. Ein Sohn, dtt auf den Tod seines Vaters »vie auf eine Erlösung hofft, dtt die Tage zählt, bis daß die Trauntage konimcn »vürden, da der Vater im Grabe liege und seinem zügellosen Willen keinen Einhalt thue. Ein Bruder, der den Bruder zu ermorden denkt und aus des Vaters Sterbestunde hofft, um einen solchen grüß, lichen Gedanken auSzuführen. Und das alles um des Segens willen, den ihm dn Vater gegeben und an dem er doch selber auch seinen Theil gehabt hat. Sollttt Ihr es für möglich halten, daß ein solchtt Entschluß und Vorsatz je in cinein menschlichen Httzen aufgekommen wäre? Und doch ist es so ... . Und ist cs wirklich so ganz vttklungcn und vtthallt und hören wir es nimnierinehr und nirgends mehr das unkindliche und unbrüderliche Wott, das uns in den Erzählungen aus dtt alten Zeit so tief vnletzt? Wir wollen von dem nicht reden, was Liebloses und Gehässiges daran ist, nicht von dem bösen Anschläge gegen des eigenen Brudns Leben. Wir haben schon öftn von dem Bruderzwiste und seinen Erscheinungen und seinen unseligen Folgen in dtt heutigen Welt gesprochen. Abtt ist etwa das Erstne, das vielleicht jedes besstte Gefühl im Menschen weit tiefer verletzt und weit schnittzlicher daS Httz berührt, nimmtt zu hören und zu sehen? Giebt eS keinen ungnathenen Sohn, dtt auf die Stnbestunde seines Vaters wie auf eine Stunde dtt Erlösung hofft und die Tage zählt, bis daß die Trauettage seines Vatns kominen wttden, da tt alles Zwanges sich entledige, der ihn drückt und alle Hoffnungen und Liebeswünsche in Ausführung und in Erfüllung bringen könne, die n als ungesetzlich und ungebührlich bis dahin im Httzen ttägt?! O, cs giebt schon solche Erscheinungen auch in unstter Zeit. Bei einer Zttrissenheit, »vie wir sic heutzutage in den Häusern und in den Familien »vahrnehmen, wäre es auch nicht anders zu erwatten. Wo die Gemüthtt sich trennen und die Religion, die einigende und bindende, die Httzen, die die Natur vereinigt, entzweit, müssen dngleichen Erscheinungen nicht selten zum Vorscheine koinw 'n .... Wo die Gemüthtt wie heutzutage in ihren religiösen Ansichten und Ueberzeugungen sich ttennen und namentlich die alte Zeit und die neue Zeit, das Alttt und die Jugend, mithin auch Vater und Sohn in einem so wesentlichen Berührungspunkte so ganz verschieden denken, so ganz Verschiedenebezwecken und erstreben, da muß — wenn nicht Beide eS *) Diese Rede — sagt der Herausgeber der Sammlung (Wien, 1876, 2. Hesi) — war von dem Versager zur Ausnahme in die von ihm selbst veranstaltete und i. I. 1836 unter dem Titel „Botteldienftliche Vorträge" erschienene Sammlung bestimmt; die Ursache de« damal« unterbliebenen Abdrucke« giebt eine Ilensurnote auf der letzten Seite de« Manuskripte« au, welch« die Red« al« „zum Drucke nicht zulässig" erklärt.