Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 49 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem Gedanken, den Glauben seiner Väter, dem er mit inniger Treue angehangcn hatte, und der ihm, wie jedem Juden um so theurer war, jemehr er seinetwillen - geduldet und gelitten hatte, zu verlassen. Er zittette vor den Sttafen jenseits, wie sie den Abtrünnigen gedroht sind; wie sollte er seinem Weibe, seinen Kindern, die er zur festen Treue angehalten hatte, plötzlich das Schreckliche bekannt machen? — So in seiner Unentschlossenheit saß er da, bis die Stimme des Richters ihm von neuem zuries: „Nun Jude, was hast Tu beschlossen?" „Habt Erbarmen," wimmette Ephraim, „und lasset -mich sterben in dem Glauben meiner Väter, in dem ich erzogen, in i» dem ich alt worden bin." „Tas kümmert uns nichts," sagte der Stadtrichter „es handelt sich darum, ob Tu den Schwur der Reinigung leisten willst; das kannst Tu aber nur, so Tu cintrist in den Schoos der allein seligmachenden Kirche." „Ich kann nicht!" ries der Jude. „So habe das Gesetz seinen Laus," fuhr der Richter sott, „ich wiederhole mein Unheil, und verlange Eure Bestätigung, edle und chrmfeste Beisitzer des löblichen Wiener Stadtgerichtes. Kommt zum Spruche! Actuarius, thut Eure Psticht." „Haltet ein," rief der Jude, — „ich will." „Tas läßt sich hören, das Gericht ist mithin aufgehoben," fuhr der Richter sott, „der Proselyt soll in die Rathsstubc geführt, und dott vom Stadtpfaner unterrichtet werden. Wir sind zu Ende, Ihr Henen." Ter R'chter erhob sich und seinem Beispiele folgten die Beisitzer. Auch das Volk verlief sich, und der Rathsdiener geleitete den halb ohnmächtigen Juden hinab, wo die Taufe seiner harne. Halb triumphirend, halb wüthend entfernte sich Diether, er hatte jedoch kaum die Mauern des Rathhauses hinter sich, als sich eine Hand auf seine Schultern legte. Er wendete sich um und stantc in das finstere Antlitz Thomas Brcitners. „Was willst Tu!" fragte er übenascht. „Diether," sagte Breitner mit dumpfer Sttmme, „wir find Freunde gewesen, denn ich hielt Dich für einen ehrlichen Mann, aber Tu bist ein — Schurke." Wüthend griff Diether nach dem Schwerte, aber Breitner hielt ihn die Hand und fuhr fort: „Laß stecken; wir reden später davon. Jetzt aber höre; deine Anklage gegen den Juden war eine schändliche Verleumdung; deine Rache wolltest Tu sättigen und einen ehrlichen Mann in's Unglück stürzen; der Schmuck, den Tu ihm gegebm zu haben behauptest, befindet sich in den Händen der zu erfahrenden Dirne aus Welschland, die Tu täglich besuchest. Tu siehst ich bin von Allem nnterrich it und ich wiederhole es: „Tu bist ein Schurke." Schäumend vor Wuth rief Diether: „Tas soll Dir nicht ungesttafl hingehen, wir treffen uns." „Wann und wo es Dir beliebt," versetzte Breitner kalt. „Morgen auf der Gänsweide." „Gut, Gott wird das Recht schützen." „Um welche Zeit?" „Am Abende vor Sonnenuntergang, so Dir es genehm ist." „So sei's." Und die beiden Männer, die noch vvr kurzem als Freunde beisammen gelebt hatten, ttennten sich mit dem festen Vorsatze, sich das Schwett durch den Leib zu rennen. III. Das Haus des Juden Ephraim Reubl in Rüßdorf war ein Tempel der reinsten Liebe geworden und die düstern Stuben schienen im Abglanze des ü>elsten der Gefühle zu schimmern. Ter junge Mann, dm Ephraim mitgebrocht hatte, als die beiden Studentm in sein Haus eingedruagen warm, war Emanuel Löwy, der Sohn des weism Rabbiners Jacob Löwy in Krakau, Regina's verlobter Bräutigam. Schon vor Jahrm hattm die Väter chre Kinder versprochen, und nun die Zeit da war, reiste Emanuel von Krakau nach Wim, wo ihn Ephraim abgeholt und nach Rüßdorf geleitet hatte. Emanuel und Regina hatten in kurzer Zeit einen festen Liebesbund geschlossen, ihre Herzen schlossm sich inniger und inniger aneinander. Segnend lächelnd blickte die kranke Mutter auf ihre Kinder, und sah das Glück ihrer eignen Jugendzeit zum zweiten Male in dem Glücke der Ihrigen. Ter einzige Umstand, der ihre Freude trübte, war die Abwesenheit Ephraims. Seit die Boten des Gerichtes in das Haus eingedrungm waren und den Hausvater mit sich fortgesührt hatten, war Ephraim nicht mehr zurückgekoinmen, aber am dritten Tage brachte ei» Bote, der zu Pferde von Wien kam, einen Brief, in welchem Ephraim meldete, daß es ihm wohl gehr, und daß sic seinetwegen ganz ohne Bcsorgniß sein sollten. Es sei eine wichtige Angelegenheit, die ihn in Wien zurückhalte, binnen kurzem aber werde er wieder in Nußdorf cinttcffen. Sie sollten geduldig seiner Ankunft entgegenharren, und auf keinen Fall sollte Emanuel die Fraum allein lassen und etwa nach Wien kommen. Ter junge Mann, dem dieser Befehl höchst erivünscht ivar, da er nichts verlangte, als immer an der Seite der Geliebten zu weilen, stellte sich taub gegm die Bitten der Frauen, die ihn beschworen nach Wien zu gehm, und nach dem Vater zu forschen. Auch kam kein 'Nachbar nach Wien, der Kunde hätte bringen können; denn die Sttaße war damals womöglich noch schlechter als jetzt, und der viele Schnee hatte sie völlig unwegsam gemacht. Es war Freitag Abend. Die kleine Familie saß am Fenster, das hinausging auf de» gefrornen Spiegel der Tonau, aus dem die letzten Strahlen der langsam hinter dem Kahlenberge hinabsinkenden Sonne zitterten, und das Eis in den mannigfachsten Farben schimmern ließen; dichter Schnee lag auf dm Auen jenseits der Tonau und die ganze Gegend trug jenen eigmthümlichen Charakter, welchen ein sonnenheller Winterabend giebt. Tic kranke Mutter saß, sorgsam in Tücher eingehüllt, am Fenster, und blickte hinaus in die funkelnde Schncelandschaft; ihr zur Seite saß Regina, sorgsälttg jeden Athemzug der geliebten Mutter bewachend, währmd Emanuel an der Rücklehne ihres Stuhles stand und manchmal verstohlen einm Kuß in die dunklm Locken der crröthenden Jungftau drückte. Tie kleineren Kinder spieltm lärmend in der Stube und kolletten lustig auf dem Boden herum, währmd das knisternde Feuer im Ofen manchmal mit stärkerer Flamme aufflackerte, und einen rothm Schimmer über ihre ftöhlichen Gesichter goß. Es war eine heilige Scene stillen Friedens und Familimglückes. „Ephraim kömmt auch heute nicht," sagte die Mutter, indem sie mit besorgter Miene die Sttaße hinabsah, „es wttd kälter und mir schien es heute 'Nacht, als ob ich die Wölfe ganz nahe hätte heulen hören." „Heiliger Gott!" rief Regina. „Allerdings," fuhr die Mutter fort, „Ihr schlieft fest, aber mich läßt die Sorge und die Krankheit nicht schlafen und da vemahm ich es, wie sie vom Gebirge herab bis an die Sttaße kamen, und erst gegen Morgm merkte ich es alldem immer schwächer werdenden Geheule, daß sie wieder ins Gebirge sich verlorm." ' „Es wird so arg nicht sein," ttöstet: Emanuel, „wir in Polen habm Wölfe genug, und ich weiß, daß sie sich am Tage so leicht nicht an die Landsttaße wagm und Ephraim wird sich wohl hütm in der Nacht zu wandern." „Es wäre dmn doch besser, er wäre hier," seufzte die Mutter." „Allerdings," meinte Emanuel. „Da es abn nicht so ist, so müssen wir uns Geduld fassen," sagte Regina. „Mein starkes, muthiges Mädchen!" rief Emanuel, sein« Arm um sie schlingend, „der Baker wird gewiß bald, recht bald zurückkommen." „Wenn ich nur wüßte, was es denn eigeütlich ist, warum man ihn in Wien zurückhält," fuhr die Mutter fort. „Ach, 1 .y-j