Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 49 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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1894 Nr. 49 ZüdWes ^vsvVÜt L)crausHeaeben von vr. M. Rahnrer in A?agdeburH. Sur Kntkrhsttung unö Belehrung für die israelitische Mmilie. Dar „3&6if<$« ,famili(nblat<'/ erscheint wöchentlich als 4r«H«<8cil(i{c jut „Ioraclitischen lvochrnschrlse'. Jeder Mubcfugtc Jlndjfcrucf an« diesen, Vlatt« ist untersagt. — Die Einzelnummer kostet s« pf$. bei der Expedition der „Irr. Ivochenschr." Wer Jude. War rein da» her; sich hält und rein die Hand, Dem sollten stolze Lhrenkronen werden! Umschlingen müßte ihn der Liebe Band! Ihm müßte heil erblühen schon auf Erden! Er müßte glücklich sein und — ist es nicht, Wenn ihn aus Iuda's Stamm ein Weib geboren! Denn seines wohlerworbnen Glückes Licht Erstickt der haß von Schurken und von Thoren. Der alte haß, von neuem Gift geschwellt, Verfolgt den Juden auch in unfern Tagen Und macht zur Hölle ihm die schöne Welt Und wandelt seine Lust in Leid und Klagen. Lin Jude! — schon der Name ward zum hohn! Ein Jude! — mag er mit gerechten Waffen Sich Sieg erringen, nimmer wird ihm Lohn, Den Andere sich mühelos erraffen! So blieb ein einz'ges Glück auf Erden sein — Doch ist's das höchste, herrlichste der Erde, Und höher gllt's, als Rang und Ehrenschein — Es blüht daheim! daheim am trauten Herde! Daheim, wo ihn sein treues Weib umfängt Und von der Stirne küßt des Grames Falten! Daheim, wo sich sein Kindlein zu ihm drängt, Bis scherzend er's auf seinen Arm mag halten! Daheim, wo Liebe ihm entgegeneilt. Wo Frieden seinen Segenshauch verbreitet, Wo süß« Eintracht, Seeleinklang wellt, Wo Gottes Geist durch alle Räume schreitet, — Daheim der eigne Herd — das ist sein Reich, Da darf er herrschen, darf er sich entfalten! Da wird der rauh gewordene Sinn ihm weich! Da fühlt er seines Schmerzes Glut erkalten! Der eigne Herd — das ist des Juden Glück! Das einz'ge, das kein haß vermocht zu rauben! Das neuen Lebensmut ihm giebt zurück, Wenn er verachtet wird um seinen Glauben! Frankenberg-Sachsen Richard Landau. Der Abtrünnige. Novelle von A. Langer. (Fortsetzung.) Diether biß sich auf die Lippen. „Ihr seid mein Vater," sagte er, „sonst würde Euch dieser Zweifel an meinem adeligen Ehrenworte nicht so leicht hingehen." Zornig wollte der Alte antworten, aber der Stadtrichter sprach: „Ruhe, im Namen des Gerichtes. Das adelige Wort eines Geschlechtes muß in Ehren bleiben, und dagegen kann der Jude sich nur durch einen Schwur reinigen." „So ist's; der Jude soll schwören," beschlossen die Rathshcrren. „Und sein Schwur gilt mehr als mein Wort!" brauste Diether auf. „Junger Herr." sagte der Stadtrichter sehr ernst, „Ihr verfolgt Eure Sache gar ingrimmig und mit einer Rachlust, die sich nicht ziemt für einen Christen: es ist ein schlimm Ding, daß Euer eigener Vater gegen Euch zeugte, und ich dächte, Ihr ließet dem Rechte seinen Lauf." „Bist Du gesonnen den Schwur zu leisten?" ftagte er dann den Juden. „So bin ich's Euer Gestrengen," versetzte der Jude. „Willst also Christ werden?" ftagte der Richter weiter. „Heiliger Gott, warum?" rief erbleichend der Jude. „Weil Dir nur als Christen der Schwur erlaubt ist," fuhr der Stadtrichter fort, „in einer halben Stunde kannst Du die wichtigsten Glaubenslehren wissen und getauft sein; wo nicht, so muß ich mein früheres Urtheil bestätigen"). „Ihr Herren, ich bin alt geworden im Glauben meiner Väter," jammerte der Jude. „Ich kann dir nicht helfen," sagte der Stadtrichter achselzuckend. Ephraim sank wieder auf die Bank und verhüllte sein Gesicht in den Falten des Kaftans. Die Wahl, die man ihm gelassen, war eine grausame, kam aber in jenen Zeiten, der Rechtslosigkeit nur zu oft vor. Zudem gähnen um diese Zeit in Wien die Keime der Judenverfolgung, welche im Frühlinge darauf wirklich ausbrach.—Ephraim überlegte, daß sein Weib und seine Kinder, elend umkommen müßten, wenn man sie in dieser Jahreszeit hinausstoße, da der Winter seit Jahren einer der fürchtcrlichsteu war: sein Haus und Hof soll ringe» zogen werden, und die Liebe, die jeder Mensch zu seinem Eigenthum trägt, vereinigte sich mit der heiligeren Licke zu seinen: Weibe und zu seinen Kindern, daß eS ihn mächtig zog, den Vorschlag anzunehmen; anderseits schauderte er vor *) Die weist unb »ild« Verordnung Herzog« Friedrich vom Iah« j 128«, »aß »er Jude aus de« »odel («u lW» rol Talmud) und nur in Gegenwart de« Herzog« schwöre» soll«, schien längst vergessen.