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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 47 (1894) · p. Seite 184

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
47 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
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.Und wir find bereits in Rüßdorf!" rief Diether, auf des Gefährten Gedanken eingehend. .So ist's," meinte Breitner, .-und wir wollen unser Glück versuchen bei der schönen Jüdin." Sie hatten die ersten Hütten des damals höchst armseligen Törflnns erreicht, welche vom Schnee überwölbt kaum sichtbar waren zwischen den Geländern und Felsen des Ufers. Reben den Weinbauern und Holzschlägern hatten sich hier deS GeivinncS wegen einige Judenfamilien angesiedelt, um die ersten zn sein, welche mit den von Passau und Regensburg kommenden Kaufschiffen verkehrten. Abseits von den andern standen ihre schlechten, niedcrn Häuser, kein Rauch stieg aus de» beschneiten Schornsteinen und ttefes Schweigen herrschte ringsum, als die beiden Reiter auf die Thür des ersten Hauses zukleppetten. .Könnten wir nicht dem Juden das Thor einreiten und ihm ein wenig die Fenster zerschlagen?" ftagte der Schlagnitweit mit jener mittelalterlichen Rohheit, die jede Mißhandlung. jede Bedrückung eines geknechteten Volkes für erlaubt, ja wohl gar für ein verdienstvolles Werk hielt. .Was fällt dir ein," versetzte Thomas, der in seiner Lcht österreichischen Gutmüthigkeit durchaus nicht gewillt war, irgend Jemanden das Geringste zu thun, .leben und leben lasse», so halte ich's. Warum denn die armen Leute in Angst versetzten, was sollen die da drinnen zittern, da wir doch selbst heute einen guten Tag hatten." Schlagnitweit stand von seinem Vorhaben ab; nicht weil die humane Ansicht seines Freundes ihm eingeleuchtet hatte, sondern weil er's nicht der Mühe wetth fand, über einen Juden viel Wotte zu verlieren. Sie hatten die Hütten erreicht und Thomas klopfte an eines der niedern Inster. Gleich daraus erschien ein altes grundhäßliches Weib und ftagte demüthig um der gnädigen Herren Begehren. .Wohnt hier Ephraim Reubl?".ftagte Breitner, seinen Gaul streichelnd. Dos Weib zeigte auf das Haus gegenüber. .Seid bedankt. Muhme Sora, und der Himmel erhalte Euer holdselig Antlitz." rief der Schlagnitweit und folgte mit seinem Gefährten der angcdeutcten Richtung. Beide sttegen vom Gaule und banden die stanipfenden T.hiere an den nächsten Baum, dann polterten sie ungeduldig an die Hausthüre und riefen mit lauter Stimme um Einlaß. Ein kleiner Junge mit feinen orirntalischrn Zügen öffnete, und sab mit den dunklen scheuen Augen auf die beiden Männer, die unverzögert mit klirrendem Tritte in das Hausflur traten, während Schlagnitweit den Jungen ftagte: .Ist Tein Vater zu Hause, Bube!" .Nein, gnädigster Herr," versetzte der Knabe, „der Vater ist gen Wien gzogen zum Arzte, da die Mutter an einem hatten Gedrcsteeleidet und im Hinterstübcheu liegt." „Ist Deine Schwester zu Hause?" fragte Thomas. .Regina?" gegenftagte der Junge verwundert, indem er sich vor die Thüre der Stube stellte, .was wollt Ihr von meiner Schwester, Sie hat keine Zeit und muß die Mutter warten." .Tu willst uns doch nicht ivehren einzutteten," zürnte der Schlagnitweit, .willst Tu aus dem Wege, Balg," und mit kräftiger Hand packte er den bestürzten Jungen, und schleudette ihn zur Seite. .Run, das ist ein gesegneter Eingang," lachte Breitner, .mußt Tu schon an der Thür Händel anfangen, Du heilloser Raufbold; willst die Schwester küsien, und schlägst den Bruder, das machst Tu klug." Und er wandte sich freundlich lachend zu dein Knaben und rief: .He. mein Junge, was fällt Dir ein, zu heulen. Der Herr da hat's so böse nicht gemeint; oder glaubst Du vielleicht, daß er der Knecht Ruprecht ist, und Deine Schwester mitnehmen will?" 'Nachdem Thomas so nach seiner Meinung den Knaben fi getröstet, folgte er seinem vorausgegangenen Gefährten und trat in die Stube. Obwohl armselig, war die Stube dennoch nicht ohne einige Gegenstände, die auf eine gewisse Wohlhabenheit des Eigners schließen ließen, und obwohl es bereits dunkler ward, und der Abend durch die Hornfenster nur trübes Licht her» einwarf, so sah man doch an der Wand manch schmuckes Geräthe blinken,, ein Zeichen von des HauShettn reger Thätigkeit im Handel. Aber der schönste Schmuck der Stube war die liebliche Jungftau, die am Tische stehend aus allerlei heilsamen Kräutern einen Saft bereittte zur Stärkung für die krank liegende Mutter. Regina mochte kauin über fünf, zehn Jahre zählen, nichts desto weniger prangte sie, wie dies häufig der Fall bei des Orients fnihreife» Jungfrauen, mit vollendeten Reizen; das edle, bleiche Antlitz mit den mild schmachtenden Augen, wurde umfange» von der Haare dunklem Lockengeflechte; von dem 'Nacken bis zur feinen weißen Haub war alles Schönheit und Grazie. .Sei uns gegrüßt, Wunderblume des Morgenlandes!" rief Breitner, dem es nicht an jenem poetischen Sinne fehlte, der den fahrenden Schülern des Mittelalters eigen war. Tie Jungftau erröthtte tief, und versetzte, ein Tuch um» weftend: .Seid bedankt, Ihr Herren, doch weiß ich nicht, was uns die Ehre Eures Besuches verschafft, da ich Euch nicht kenne, noch mich zu erinnern weiß, daß Ihr je bei meinem Vater gewesen seid." „Doch waren wir bei ihm," versetzte Thomas, während Schlagnitmeit mit glühenden Blicken die schöne Gestalt verschlang, .zwar nicht in Rüßdorf, aber in Wien und wir wollten heute bei ihm einsprechen." „Ter Vater ist nicht zu Hause," sagte Regina. „Das habe» wir bereits von Eurem Bruder gehött," fuhr Breitner fott, .aber deshalb iverdet Ihr uns wohl nicht vor die Thüre stoßen, den» 's ist kalt, und der Schnee weht wie Nadeln. Hier aber brennt ein lustig Feuer; vielleicht kömmt Ephraim zurück, und bis dahin, so es Euch angenehm, plaudern wir eins zusammen." „Ja, und küssen eins zusammen," sagte Schlagnitweit auf seine tölpische Weise. Das Mädchen heftete einen ett'chrockenen Blick aus den Junker, in dessen Kopfe allgemach der Geist des Klosterneu» burger-Weines, den die Kälte bis jetzt niedergrhalten, von der Wärme der Stube befreit, sich breit zu machen begann. Siehst Du, Bruder Thomas," ries er, indem er sich bequem in einen alten Sorgenstuhl pflanzte, „siehst Du, so bin ich, Bruder, immer geradezu und ohne Umschweife, was plauderst Du von Ba:er Ephraim und Gott weiß was; wir wollen einen süßen Kuß, und ich glaube, das wird der Jungfer lieber sein, denn alles Andere." Regina war über die Rede deS stechen Menschen zum Tode erschreckt noch bleicher geworden, und wandte sich flehend zu Breitner: „Herr, helft mir, Ihr habt so ein gut Gesicht; und da Ihr meinen Vater kenntt, so werdet Ihr nicht wollen, daß seine Tochter beleidigt werde von dem trunkenen Manne dott." „Judendirne, hüte Dich!" rief der Schlagnitweit mit dem Finger drohend. Sein Auge glühte düster, und er bißdie Lippen zusammen, denn die Geister des Zornes und des Weines kämpften in ihm um die Oberherrschaft. „Was fällt Dir bei," sagte Thomas, ihn zu beruhigen, „wer wird denn so bärenhaft zutappen, Bruder Ditther; komm' heraus, die Nachtluft wird Dich abkühlrn." „Gott's Donner!" fluchte Ditther, ihn zurückstoßeud, „ich will sie ttnmal Wen; und weil sie noch putzig thut.z zweimal oder dreimal oder so oft'S mir beliebt; seht dock die Judcndirne soll sich geehrt fühlen, wenn unsereins küßt." Und mit auSgebreittten Armen schritt er auf daS stigte Mädchen zu, welches lout aufschreicnd vor

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