Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 47 (1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
47 (1894)
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/6492351-8722849-5962414--2509-5376686
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r . «r Nr. 47. NWT"-' Var ^«MUItiib(«H" erscheint wSchentlich als Mr«H*>8cllaf( znr ..Irraellttsrhe» tvethexschrift-. Jede» »«befugt« Ha<fcftr«<f an» riesen« Blatte lst «nte^agt. — vir Einzelnummer kostet |0 f>sg. bei der Lrprdition der „Irr. lvochenschr.- Herausgegeben von vr. Al. Habm<r in Magdeburg. M Kur Nnterhaltung und Belehrung für öie israelitische Mamilie. Der Abtrünnige. Novelle von A. Langer. va tritt herein zur Airchrnpsorte ver Jude bleich, gesträubt dar ksaar, Und donnert durch den Cher die Morte: „Geschändet Hab' ich den Altar! Und eurem Gotte falsch geschworen, va mich die vatrrangst durchtobt: Ich rufe, bin ich auch verloren: „Gott meiner Väter, jei gelobt!" £. A. Frankl. Auf der Straße, welche von Klosterneuburg nach Wien sühn, ritten im Winter des Jahres 1419, zwei Reiter langsam herab, denn obwohl eine grimmige Kälte sich erstarrend über das Land herabgesenkt hatte, konnten doch die Pferde nicht im Trabe, sondern nur Schritt vor Schritt, weiter in dem tiefen Schnee, welcher die Sttaße längs des Donauufers schuhhoch bedeckte und von Zeit zu Zeit durch keine Lawinen, welche der Wind stäubend von den Felsen des Kahlengebirges Herabtrieb, noch verinehtt wurde. Tie beiden Ritter hatten sich fest in ihre Mäntel gehüllt, mußten sich aber dennoch manchmal loswickeln, wenn der stäubende Schnee des Hutes Knaus und Krämpe bedeckt hatte, um den überlästigen Gast abzuschüttcln, was der Eine fluchend, der Andere lachend that. Beide waren Studenten von der altberühmten Universität zu Wien, hatten den Tag über in Klosterneuburg sich gütlich gethan, und krhtten nun, da es bereits Abend geworden, nach der Stadt zurück. Der Eine von ihnen, Diether Schlagnitweit, der Sohn des reichen Kaufmanns und Altbürgers auf der Schranne, trug die deutlichen Spuren eines vielgenossencn Lebens im welken, verblaßteu Antlitz, aus dem die trüben Augen lebensüberdrüßig in die Schneelandschaft hineinstartten. Berühmt in der Trinkstube, bei Liebes- und Raufhändel, kümmerte er sich wenig um Gelehrsamkeit und Wissen; seine beste Philosophie, pflegte er ttotzdcm zu prahlen, stecke in des Latcrs wohlgesülltem Geldkasten. Ter Andere, Thomas Breitner, ein lebensstoher, blühender Gesell mit einem ächt österreichischen Herzen, ewig heiter, dem Liedersang und Becherklang ergeben, pflog deshalb nicht minder der Wissenschaft, und die hohe Sttrne zeigte, daß darunter ein fluger Geist zu Hause. So stellten die beiden, neben einander reitend, so nemlich die Extteme der damaligen Studentenschaft dar, wie ie uns alte Chroniken schildern. „Gottes Donner!" fluchte der Schlagnitweit, als eben ‘ eine neue Schneefluth sich über ihn ergoß, „muß ich heute -nicht Hut und WamS abstäuben, alS wäre ich mein eigner ^HamuluS. Bin doch auch in der Schweiz geritten im Argau, S Laufen zu, aber solch« Lawinen, wie sie heuer im _: Oesterreich zu Hanse sind, Kn ich nirgend begegnet." „Ja, 's ist >vie in der Schweiz" lachte Thomas, indem er gleichfalls mit einem tüchtigen Puff seinen Hut vom Schnee befreite, „und der alte Kahlenberg sieht wie der Gotthard aus, nur ein wenig keiner; und die sehr ehrenwerthen Bürger von Wien würden sich schwerlich mit Brod und Käse begnügen, wie die Männer von Schwiz und Uri." „Ich glaub's," lachte Diether laut auf, „das wäre mir ein Leben. Hei, was für ein schief Gesicht würde mein alter Herr ziehen, stünde nicht täglich Fisch und Wildpret auf dem Tische, und perlte nicht der feurige Trank unserer Berge in seinem Römer." „Eure Familie scheint überhaupt dem Weine nicht abhold zu sein," scherzte Breitner, indem er sich den Mund abwijchte, „heilig's Blut! was mar das für ein Gesöffe, daS unS dein Bttter Rampersdorfer heute in Klosterneuburg zum Besten gab. Als der alte Herr mit dem Kugelwanst und der Kupsernasc behaglich schmunzelnd uns in seinem Keller hemm» führte und uns die blanken Fässer entgegen lachten, von denen so manches die ehrenvolle Jnnschrift Xnno 1389 trug, da konnte ich nicht umhin zu denken, es wäre eben so schlecht nicht, wenn das Collegium sammt Professor und Zugehör nach Klosterneuburg verlegt und statt des römischen Rechts der österreichische Wein uns vorgetragen ivürde." Der Schlagnitweit zollte dem Spaße seines Gefähttrn allen Beifall und fuhr sott: „'s ist denn doch nicht das Rechte beim Bttter Rampersdorfer in Klosterneuburg; da sitzt der alte Hageprunk allein zwischen seinen Geldkisten und Weinfässern; mir aber ist Gott Bachus ein langweiliger Schlemmer, so sich nicht Frau VenuS mit ihm paart. Wären nur ein paar hübsche Muhmen im Hause gewesen, so hätten wir sie auf den Schoß genommm, das alte schöne Lied „rothe Rose, Feigelblüth" angestimmt, und Gott's Donntt! Junge, eS hätte nn Seelengaudium gegeben." „Ich habe auch nichts gegen einen Kuß in Ehren" versetzte Thomas pfiffig lächelnd, „aber, da es nun einmal nicht möglich war, so müssen wir denn schon mit dem Rebrnblute vorlieb nehmen. Aber halt! gar so unmöglich wäre es denn doch nicht, daß wir heute geküßt einritten in die verwittert« Thorr der alten Fabiana." „Wie mttnst Du das!" fragte Ditther aushorchend. „Du weißt," nahm Thomas das Wort, „daß der sehr gelehrte Herr Dr. Harberius ein ganz absonderliches Studium auf die hebräische Sprache verwendet. Da ich nun unlängst den Alten besuche, finde ich bei ihm ttneu Juden, der chm an die Hand geht beim Jntnprettren der alten MoseSbücher; wir reden zusammen und so erfahre ich denn, daß er Ephraim Reubl heiße und aus Rüßdorf sei. Wie der Jude sich entfernt, erzählt mir der Dottor, daß derselbe nicht bloS nn guter Sprachkenner, sondern auch der Vater eine» lieblichen Töchterleins fei, welches an Anmuth seines Gleichen suche im Lande."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.