Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 46 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-Ta saß ich denn in dem niedlichen Salon, dem ein Paar große Teppiche, orientalische Decken, Bärenfelle und weiche Sessel ordentlich einen Anstrich von improvisirtem Komfort verliehen. Ein reizendes Eckchen am Fenster mit einer Chaiselongue von blauem Plüsch, Palmenwedel drüber, ein Schränkchen mit Büchern daneben . . . und dazu der Blick durch die Scheiben — die Hüttchen, das Wiesengrün, der dunkle Wald . . . Welch' ein Gegensatz zu meinem famosen Musagetenlogis! Ein kleiner Tisch wurde vor uns gestellt. Ter Diener drachte den Thee. Die Maschine summte, ein feiner Dampf stieg auf und das köstliche Aroma der würzigen Pcccoblätter verbreitete sich. Dazu die zierlichen Tassen — reizende Imitationen der »Familie verte« — das entzückende Silberzeug ä la Tinglinger! . . Man merkt erst, wie nothwendig der Kulturmensch sein bischen Komfort und Gemüthlichkeit braucht, wenn man sie ein paar Wochen hat entbehren müssen. Und nun so eine hübsche, stattliche, vornehme Frau sich Segenüber. Und eine Frau, die man einmal geliebt hat und ie mit jedem ihrer Blicke zu sagen scheint: ich habe nichts vergessen! — Siehst Tu, mir wurde so recht behaglich zu Muthe. So wohl watts auch mir »och nie in meinem großen Hause gewesen, das doch, bis zum StrcichholzbüchscHcn herab, stillvoll und ganz nach meinem Geschmack eingerichtet ist. Aber so ein Winkelchen fehlt drin — und so eine Frau. Tie versteht zu rcpräsentiren! Jeder Zoll Würde, Grazie, Verbindlichkeit. Und doch dabei eine gewisse .kühle Menschenliebe", ein leichtes Phlegma, daß schon in ihrem Stimmrlang angenehm beruhigend zur Geltung kommt. . Tie Thüren flogen auf und die Kinder kamen hereingesprungen: „Onkel! Onkel! Das ist hübsch, daß Du da bist!" Frau von Bomftorff wehrte ihrer Wildheit, lächelnd und — erröthend. Sie drohte mit dem Finger. .Warten Sie! So hinter meinem Rücken die Kinder an sich zu locken! — Hatten Sie mich denn gleich erkannt?" Sie that gleichgiltig, aber eine leise Spannung verrieth sich in ihren Augen, in der Stimme. Ta auf einmal — in die allgemeine Heiterkeit hinein — «in Klirren von der Thür her. Wir Alle wenden drn Kopf. In der Pottisre steht Blanche, ein kleines Brett mit Liqueurgläsern in der Hand, die alle in zitternde Bewegung gerathen kdld. Sie sieht auf uns, als ttaue sie ihren Augen nicht — rst ganz blaß, bis in die Lippen hinein. Ich erhebe — verbeuge mich. .Mademoiselle Billaret", stellt Helene einseitig vor. .Aber Sie kennen das Fräulein ja wohl. Bitte, Mademoiselle, stellen Sie die Gläser auf den Credenztisch. Und dann — die Kinder müssen zu Bett . . ." Mademoiselle hat meinen Gruß erwidert, kalt, höflich, fremd. Wie sie sich der Kinder bemächtigen will, erheben diese «in lautes Jammern, umklammern den Großpapa und der bittet bei „Heimchen" wicklich noch ein halbes Stündchen ftlr sie los. Stillschweigend setzt sich Mademoiselle mit einer Häkelarbeit in die Ecke. Die kleine Spitze wächst merkwürdig schnell unter ihren Händen. Sie hat ja Zeit. Niemand stört sie. Niemand kümmett sich um sie. Selbst die Kinder veraessen ihrer besten Freundin über dem neuen Vergnügen, mich bei Mama uud Großpapa zu sehen. Nur ich blicke von Zeit zu Zeit verstohlen zu ihr hinüber und wundere mich, wie ihr die Wangen glühen. Mein sonderbares Mißgeschick hier am Ott wird besprochen and zu einer Quelle unauslöschlichen Gelächters. Die .Mujageten" — die Tischgesellschaft — der Geldbrief- .Da ich einmal als ein Jude geaicht und gestempelt war, schossen den auch — in den Augen der Leute — allerlei hier wie Pilze an mir empor", meinte ich zum Schluß, eiue Bescheidenheit wurde für Feigheit erklätt. Das laute meiner ausgetrokueten Stiefel galt für Unverschämtheit. Bon dem Insektenpulver red' ich garnicht. Endlich, als das Geld verloren gegangen, war eS nur die richtige Konsequenz des Vorherigen, in mir den Räuber zu sehen . . ." Mein Aiter strich sich mit der Hand über den gelichteten Schädel. .Hören Sie auf, Toctor!" rief er, und sah blauroth wie ein Kahlkopf aus. .Erinnern Sie mich nicht, daß ich selber so ein unglaublicher-“ Für den Kraftausdruck, den er brauchte, schleuderte die Tochter ihm ein entrüstetes .aber lieber Papa!" zu. Tann, zu mir gewandt — mit einem Lächeln und einem Truck der Neinen vollen Hand: .Mir dürfen Sie's wahrhaftig nicht übel nehmen, Toctor.. Ich Hab Sie, offen gestanden, niemals genau angesehen. Tenn wenn ich nur höre: ein Jude — so mache ich schon insttncttv drei Kreuze . . ." .Ich wollte, Sic hätten in meiner Haut gesteckt, gnädige Frau," sagte ich. Und dann ließ ich mir nicht nur einen Verstoß gegen die vornehmste Regel: im Salon nur die leichtesten Stoffe zu verhandeln —, nein, sogar eine veritable Dummheit zu Schulden kommen: Ich suchte mit .Gründen" gegen „Jnstincte" zu kämpfen nnd kramte allerlei ketzerische Gedanken aus, die während meines Martyriums in meinem Schädel gewachsen waren. .Sie wissen, meine Herrschaften," begann ich, „daß das Gähnen, das Lachen, daß Zorn, Trauer, selbst auffallende Bewegungen und Seltsamkeiten „anstecken." Ebenso geht's mit gewissen Jveen, die — eine Art geistiger Bacillus — von Zeit zu Zeit austauchen, die >vir beim Athmen, im Verkehr und neuerdings besonders mit dem Lcse'ulter, so massenhaft in uns aufnehmen, daß unser ganzer Denk- und Empfindungs» apparat inficirt wird. Tie Weltgeschichte kennt viele deranige Geistesepidemieen. Wir haben die finsteren Zeiten des Hexen» glaubens, des Flagellantenthums, der Inquisition gehabt. Im Blutbade der stanzösischen Revolution, im furor belli, der den Friedfertigsten zum kaltblütigsten Massenschlächtcr macht, sehen wir schaudernd die Spuren dieses furchtbaren Contagiums ... Nun, meine Herrschaften, ich bin nach meinen Erfahrungen geneigt, auch den so üppig in's Kraut geschossenen Judenhaß als ein Sympton solcher Geiftesepidemie anzusehen. Auf andre Weise läßt sich ein solches, aller Hunianitär, aller Nächstenliebe, aller Würde widersprechendes Verhalten gegen den Mitbürger kaum erklären. Tas Schlimmste bei der Sache ist nur, daß die Kranken unter der Autosuggestion leiden, voll» kommen gesund zu sein-“ „Und der Wucher? schnob mein alter Haudegen und lockerte seine Kravatte, als Spüre er den Druck einer Schlinge an seinem Halse (wahrscheinlich Reminiscenzen aus der Lieutenantszeit, wo er wohl manchmal „dringesesfen" hatte). .Halten Sie den ctiva auch für so eine suggeritte Wahn» Vorstellung?" „Leider nein, Herr Oberstlieutenant," antwottete ich. .Aber die wciwerbreitete pathologische Einbildung, daß jeder Jude nothwendig auch ein .Halsabschneider sein müsse — sehen Sie. die scheint doch nun wieder für meine Annahme zu sprechen . . .?" „Und die Güterschlächterei auf dem Lande? Tie systematische Aussaugung anner unwissender Bauern?" rief Frau von Bomstorff mit Empörung. (Als Gutsbesitzerin war sie ja kompetent) »II y a des juges ä Berlin,« antwottete ich darauf mit einer Verbeugung gegen meine beide» liebenswürdigen Widersacher. .Dem Verbrechen seine Sttafe — ohne Ansehn der Person, des Glaubens, der Sipp' und Att — selbstverständlich! Aber freilich — zugegeben! — in unsrem kodifizieren Recht ist Mancherlei wie es nicht sein sollte. Glauben Sie mir, meine Gnädige, daß >vir vielleicht heute die .Judenstage" nicht hätten, wenn unsere Gesetze ihre Schuldigkeit thäten und nicht Löcher. Unklarheiten und schadhafte Stellen in Menge austviesen, wo hindurch das Verbrechen entschlüpfen kann." Ra, Alter, lache nur! AuS Deinem Saulus war eben