Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 46 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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rin Paulus geworden. Und ein ehrlicher Kerl gesteht seinen Jrrchum ein — immer — der Wahrheit gemäß. Frau von Bomstorff aber hatte noch allerlei weltkluge Bedenkeii. Sie schalt mich einm schlechten Patrioten. Es sei ja Ehrensache jedes Deutschen — jetzt, da wir endlich mal eine Nation geworden . . . .Und glauben Sie, daß wir, das mehr beschauliche als praktische Volk der Denker und Träumer, so herrlich empor gestiegen wären ohne den Sauetteig des feinen, scharfgeschliffenen, klugen Semitengeistes, der. wohin er dringt, Regsamkeit, In telligenz und Fortschritt verbreitet . . O weh — jetzt kams!-Ich schweige- Meine beiden Vollblutgermanen ließen all' die bunten Lappen, unter denen Rassendünkel, Unduldsamkeit und Denkfaulheit ihre nackte Häßlichkeit verstecken, vor meinen Augen flattern. Da eS einmal Sache des guten Tones, ja, ein gewisser vornehmer Spott ist, bei der Judenhetz' mitzuthun, so hätte Frau von Bomstorff es für wenig ladylike gehalten, wenn sie nicht ihrerseits auch ein diskrttes „Hep-Hep" hätte hören lassen. Zuletzt rief die schöne Frau, mit einem Seufzer, wie man ihn einer verlorenen Hognung mit auf den Meg giebt: .Sie sind also wirllich und unrettbar Philosemit, Toctor?" .Sagen Sie lieber Philanthrop, gnädige Frau! Ich bin wirllich, wie ich immer mehr einsehe, ein altmodischer Mensch — von beinah' hundert Jahttn zurück und denke mit den seligen Lessing: der Jude ist doch auch ein Mensch, sozusagen. Oder — wenn Sie wollen — ein paar Jahrzehnte voraus. Denn auch das geht vorüber, wie Alles vorübergeht, was der Haß geboren hat. Das ist meine feste und unumstößliche Ueberzeugung. Ich vettraue, daß der gesunde Sinn unseres Volkes den blutzersetzenden, an seinem eigenen Mark zehrenden Krankheitserreger ausstoßen wird-wie ihn ja auch der Einzelne nach gewissen schmerzhaften Gewaltkuren überwinden kann — wovon ich ein lebendiges Bleispiel bin, meine verehtten Herrschaften!" Nach diesem meinem Plaidoyer verbeugte ich mich im Sreise vor meiner Zuhörerschaft: auch nach der Ecke hin, wo daS stille häkelude Mädchen saß. Unsere Blicke ruhten eine Sekunde lang wie im Einverständniß ineinander. Ein eigenes Leuchten brach aus ihren klugen, warmen Augen. Dann wurden die Sinder, die mäuschenstill dagesessen hatten, zu Bett gebracht und auch das Fräulein verabschiedtte sich. Ich legte daß bewußte .gute Bott" für sie ein, indem ich der Wahrheit gemäß hervorhob, daß lediglich der Wunsch, die Bekanntschaft mit meinm altm Freunden zu erneuern — rc. Helene hatte geschmollt. Jetzt aber ttaf mich aus ihren blauen Augen ein verzeihender Blick ... ein Blick — sag' ich Dir... Wund're Dich nicht, wenn nächstens was passitt! Walter. Soeben verlobt. Depesche. Brief später. Zehnter Brief. Daß ich der glücklichste Mensch unter der Sonne bin, brauche ich Dir nicht erst zu sagen. Wie es gekommen ist? Wie ein Naturereigniß, das eintritt, wenn die Bedingungen erfüllt find. So ganz im Geheimen hat fich'S zusammmgebraut — mir selber fast unbewußt. Mein Zimmer war also vcrmiethet. Der alte Beck aber wollte von Abreise nichts wissen. Er versicherte, beim Schachtmeister, wo Excellenz Busche wohnt, sei bestftnmt noch eine nette Wohnung zu haben . . . Ich glaube selber, jetzt fände ich mehr als rin Unter» komme» für mich. Auf alle Fälle packte ich jriwch heute früh gleich meinen Soffer und bummelte wie «m Mensch, der mit eine« Stück Vergangenheit abgeschloffen, der aufAlleS gefaßt ist und bttt$ nichtüberrascht werden kann, in den Wald. Geschlafen — fast garnicht. Und waS Einem Aüesdurch den Sopf gehen kann, wenn man sechs Stunden mit ofienen Augen sich herumwälzt —! Aber 'trotzdem ganz munter, ja ordentlich unternehmungslustig . . . Wie ich auf eine Lichtung hinauStttte — schon mchr ein Schlachtfeld mit lauter gefällten Baumriesen — überall die nackten, blcndcndweißen Stämme ... und die Borke liegt herum und es riecht unbeschreiblich gut uud kräftig ... Und überall blüht der Fingerhut, wahre Prachtexemplare, in dichte» rochen Büscheln... Ich sehe ein Helles Sleid, einen röche« Sonnenschirm, höre ein paar laut schwatzende Sinderstimmm... Und da läuft auch das Volk, ein Stück voraus, hinter bunte» Schmetterlingen her, die hier massenhaft herumflattern . . . Ich hole das Helle Sleid ein und sehe in ein paar ernste Augen — ernster als. sonst. Ich grüße und gehe neben ihr her und wir sprechen von allerlei. Sie sagt, daß ihr gestern beinah die Gläser aus der Hand gefallen wären in der Ueberraschung, mich bei ^to» Bomstorff zu sehen. Auch daS Sapitel, das wir so streitbar und leidenschaftlich verhandelten, kommt wieder auf'S Tapet. Und da sag' ich: „Blanche!" Sie sieht auf mit ihrem herzigen, traurigen, gefaßte» Gesicht zu mir empor. .Sie haben zu mir gehalten. Blanche, als Seiner was wissen wollte von dem ..." .O,'Monsieur" — sie lächelt ein wenig — „daS war doch natürlich. Zwei Leidensgefährten-" Und da sage ich ihr, waS mir die ganze Nacht dunb den Sopf gegangen ist. „Gute Menschen gibt'S hüben und . drüben, haben Sie einmal gemeint. Blanche. Für die Liebe gibt's keine Vogesen. Die fliegt, wenn's sein muß, d'rüber hinweg." Gefragt Hab' ffch gar nicht weiter. Ich weiß nicht, wie gewöhnlich die Praxis deS VerlobenS ist. In meinem Alter geltm aber wohl andere Gesetze, als in der brausmden Jugend-, zeit. Wir küßten uns. Dann war's in Ordnung. Und dann ' setzten wir uns auf einm der blankm Stämme.— das Glück' machte uns beide müde — und -sagten uns viel. Sie lernte meinm Ramm -auSsprechm: Walthäre — daS klang so hübschk Sie war so glücklich — und so entzückend in -ihrem fassungslosm, immer wieder bezweifeltm Glück. Die Sinder kämm. Sie brachten dm armm, zerdrückte» Schmetterling. „Blanche wird jetzt meine Frau," sägte ich„ als sie mit offmem Munde und unglaublich erstauntm Augm vor uns standen. Sichst Du, so war's, ohne jede Seme, ganz natürlich-'j ganz selbstverständlich. DaS dumme Zeug, mit dem ich mich < herumgeschlagm hatte — daß sie nur ein armes Gouvernantchm sei und noch dazu auS dem Laude des „Erbfeindes".. uud meine Stellung — und was -die Leute dazu sagenH würdm — das zerflattette vor unserer echtm, recht« LiAti wie Spreu vor dem Winde. Und nun, Alter, wollt' ich Dich bittm — oder viel Deine liche Frau: hcht mir.mein Sleinod auf, so lange, bisl ich'S mir selbst in'S Hau» Holm kann. Ich denke, in vier! bis sechs Wochen soll Hochzeit sein. Blanche hat. nur no<$[ entfernte Verwandte tn Frankreich. Sie ist ganz Herrin ihrer j selbst. Frau von Bomstorff wird sie nicht halten. übrigmS ist ja Heirath ein Grund, der jedes Dienf! niß löst. — Also auf baldige» frohe» Wlritersehm! Dein glücklicher. Walter. P. S. Um Jrtthümer. zu vermeid«: Wenn Du unS aus dem Bahnhof erwarten solltest, giß' nicht, daß'ich auSfehe wie ein — Jude . . . und wmig fühlen gelemt habe wie ein — Mensch. gxdemtechewt. vriefe au« her Sannnapisch«. : 9. graute, (gute.) *