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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 46 (1894) · p. Seite 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
46 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 180 (sequence 2)
Language
German
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u^.ne Ausdünstung; der steinerne Fußbodm wurde immer kälter und schlüpfriger. Draußen goß es znm Verzweifeln. . . Und dabei begann mein unmotivirtes Promeniren aufzufallen. Immer mehr Leute kamen. Immer größer wurde das Gedränge. Ich wurde gestoßen, bei Seite geschoben — angestarrt. Und noch immer kein Oberstlieutenant — keine Helene... Ta — wie die Suppenterrine schon an mir vorübergetragen ist — erscheint mein Opfer, ahnungslos, heiter — das gute Gewissen selbst, in der Erwartung eines opulenten Tiners. . . Und ich. . . als wollt' ich einen Mord begehen, so klopft mir das Herz. Ruhig! ruhig! sag' ich mir und folge jeder seiner Bewegungen, wie die Schlange ihrer Beute. Tic Kleiderhalter sind fast alle gefüllt. Ich sehe, wie mein Alter, nach einem leeren Riegel suchend, immer näher an mich herankommt. Hier an der Saalthür, wo es fast stichdunkel ist, besonders heut' bei dein grauen Himmel. legt er seinen Paletot ab — was bei seiner Korpulenz kein leichtes Stück ist. Ich springe herzu, fasse an, ziehe. . . . Eben will ich sagen: „Herr Oberstlieutcnant, ich habe meine Karte-" Ta sieht er sich nach dein freundlichen Helfer um. . . . Und dann geschieht etwas. . . Genau weiß ich's nicht mehr. Uugefähr Folgendes: Er starrt mich au, schreit: „Herr! Zum Donnerwetter! Was wollen Sie denn eigentlich von mir?" — Und dabei — ich seh's genau, denn meine Augen sind an das Dunkel gewöhnt, tastet er nach seiner Brieftasche- Ich war wahrhaftig mit guten Vorsätzen gekommen! Aber als das geschah-alle Selbstbeherrschung, Haltung, Würde zum Teufel. Was ich hier Wochen lang erhaben eingesteckt, was sich angesammelt wie Explosivstoff — nun, das explodirte, als dieser Funke hineinschlug. „Herr von Beck," keuche ich heraus — ich fühle es, ich bin blaß wie eine Leiche — „Sie haben nach Ihrer Brieftasche gefaßt ... Ich bitte um eine Erklärung, was das bedeutet -" Er sieht mich einen Augenblick an, will an mir vorüber. „Machen Sie keine Geschichten, Herr!" sagt er kaltblüttg. Ich — immer aufgebrachter vertrete ihm den Weg: „Tas ist eine Beleidigung, mein Herr! .... Ich verlange Genugthuung!" „Sie müssen verrückt sein!" schreit er grob. Ein Wott flieht das andere. Zum Glück klappern drin die Teller so laut, daß unsere Höflichkeiten nicht gehött werden. „Ich schlage mich mit keinem Juden," sagte mein alter Gönner zuletzt. Ta fahr ich ihn an: „Wcnn's das nur ist — haha! — so steht veiler nichts in Wege, mein Herr von Beck. Ich bin kein Jude. . ." „Was sind Sie denn?" Ta gab ich ihm mit zitternden Händen mein« Karte. Er trat an's Licht- Und dann . . . Wie er beinah' taumelte, mich anstartte, meineir kahlen Schädel, das blanke Kind, jeden Zug des Gesichts . . . „Mensch! Unmöglich-!" „Erkennen Sie mich endlich?" stagte ich. „Es hat lange genug gedauett!" Meine Wuth ist wie weggeblasen. Ich spüre eine Att von Rührung, einen gewissen Galgenhumor. Ettvas Seltsames schnütt mir die Kehle zu. Er sah so unbeschreiblich — dumm — und zugleich so brav and ehrwürdig aus, der Alte. Na, die Stimme denn, meine gewöhnliche Stimme (vorher halt' ich gebrüllt, gezischt, gepoltert, daß ich mich selber nicht mehr kannte)! In den Armen liegen sich beide, der Möros und sein Opfer. Run kann ich's ja kurz machen: wie Helene im rechten Moment kam — der Vater mich ihr zuführte — wie allmählich die Binde von ihren Augen sank und die kaltm Blicke sich langsam erwärmten und zu sttahlen begannen -7- — Sie drückte mir die Hand. „Wie konnten Sie uns so lange um die Freude betrügen, Sie als den Unfern zu be» grüßen?" stagte sie mit schmeichelhaftem Vorwurf. Ich zuckte die Achseln. Siehst Tu, nun hält' ich ja Rache nehmen können: „Und er wirst ihr den Handschuh in's Gesicht — —* Offen gestanden, die Versuchung lag nahe. Aber — diese rührende Freude des Alten! Diese ehrliche Verzweiflung über das Mißverständniß! Die Titel, mit denen er sich, seiner Kurzsichtigkeit wegen, belegte! — Und: Mein Selbstgefühl hatte zu bitter gelitten, als daß die Aussicht auf ein sanftes Pflästerchen für seine vielen Wunden mir nicht verlockend gewesen wäre! Diesen einen Nachmittag, denke ich. Morgen bin ich so uite so fort. Ich kann auch so in der Eile Mademoiselle'- Angelegenheit nicht zur Sprache bringen. Lasse mich also gutwillig von dem Alten beim Schlafittchen nehmen, hinstnschiebtn in den Saal . . . Werde allen möglichcn Leute» vorgestellt „mein Lebensretter, mein theurer Freund" — erhalte den Platz zwischen Vater und Tochter. Fühle mich zwar — meiner Gewohnheit entgegen — ein wenig bekniffen, der Gegenstand so vieler schmeichelhafter Aufmerksamkeiten zu sei» . . . Trage aber doch die Bürde der allgemeinen Werthschätzung mit einer Fassung, die mich selber in Erstaunen setzt. Ich esse, trinke, thue hier- und dahin Bescheid. Ich sehe in Helenen's blaue Augen, finde das ttotzige, süße Kind von damals in »nanchem kleinen Zuge. Und auch sic — sie hat ein gutes Gedächtniß. Ich wußte es. Siehst Tu — nun hält' ich inich ja >vie im Himmel fühlen können. Aber durchaus nicht. So heiter und zufrieden ich nach außen schien, so ernsthast war mir doch eigentlich zu Muthe. Ja, ein paar Mal fühlte ich die unheimliche Versuchung, meine Meinung den liebenswürdigen Leutchen in's Gesicht zu sagen: Gebt Euch doch keine Mühe! — Ich bin heut' derselbe der ich gestern war, da Ihr nichts als Kälte und Ab- Neigung für mich übrig hattet! — Was kann mir an Eurem Urtheil liege», das sich von heut' zu morgen dreht, wie ein Wetterhahn nach dem Winde! ' Und wie sie von den anderen Tischen herüberguckten! Auch der Professor war zum Essen von seiner Parste l Hause gekommen. Die Geschichte init dem verlorenen Geld- J bst es klärte sich natürlich aus die einfachste Weise aus: der gute Mann hatte den Postjungen unterwegs gettoffen, die Tasche durchkramt und den Brief zu sich gesteckt, in der Zerstreuung aber zu qnittiren vergessen. 1 Aber auch diese Lösung machte keinen Eindruck auf mich. Noch weniger der verbindlich-verlegene Gruß, mit dem tne Gststlichkstt und die Kathederweisheit nebst besseren Hälften mich im Vorübergehen beehtten.; Nachmittags schloß ich mich der Gesellschaft des Oberstlieutcnants bst stnem Ausflug« an. Der Alte fand kstn End«, mich sstner Dankbarkstt zu versichern. Er machte stn wahres Orakel aus mir, gegeti das alle Aeskulapjünger, vom alten ‘ 1 Paracelsus bis zu Billroth hinauf, die rstnen Hstlgehflfm J wären. Kurz, ich hatte die Ehre, der Mittelpunkt des Interesses zu sein ... Ein zweifelhaftes Vergnügen! Denn £ meine Absicht, Manches wegen ein ungestöttes Wott mit Jj Frau von Bomstorff zu sprechen, war unter diesen Verhältig nissen unausführbar. -3g Deshalb wars mir nicht unerwünscht, daß mstn alter Hl Freund, als ich mich vor der Thür der Billa verabschiede» . 3I wollte, mit großer Empörung Protstt dagegen erhob. „Aber 'ja Toctor!" schrie er, „denken Sie im Ernst, daß ich Sie sott- JB lasse?" Und Frau von Bomstorff fügte mst liebenswürdiger »W Desposte hinzu: „Selbstverständlich trinken Sie eine XaffeJ^ Thee mit uns, lieber Toctor . . ."

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