Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 46 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/6492351-8722849-5962413--2504-5376682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o Nr. 46. Jüdisches ♦ 1894. herausgegeben von Dr. M. Safjmer in Magdeburg. Hur Unterhaltung und Belehrung für öle israelitische Kamille. Das ,,I»»tsch« erscheint wSchrntlich als «»»tt—veUr,,« zur „Zvrarlitilchen w»chr«scheltt". Je»«» »«Vesugt« 3Xa<tfknt<i <m* vlatte ift «ntevsagt. — vie Einzelnummer kostet bei der Expedition der .Irr. wochenschr." Die ^udenriecherei. Brief« au* 6er ♦ommerfrifd?«. Mitgetheilt von ®. Frank». . - (Schluß.) Neunter Brief. 12 Uhr NachtS: Das war ein Tag!-- An Schlafen ist nicht zu denken.' Deshalb will ich »er. suchen, aus dem Chaos widersprechendster Eindrücke ein einigermaßen verständiges Bild herauszuschälm . . . obgleich . . . Nur Geduld! Ich finde schon ein Endchen Faden, an dem ich die Geschichte packen kann. ES ist nämlich Alles .... ich bin glänzend ... Du hättest beute Abend dabei sein müssen, wie sie mich-- Himmeldonn . . .!! So gtfjt'3 nicht. Ich muß ab ovö «mfange». Also heute Morgen — ich war eben erst eingeschlafen, als die Finken schon lärmten — weckt mich, wie ein Kannonenschlag, derselbe Gedauke, mit dem ich eingedämmert war. Wie ein Alp lag meine Mission auf mir. Immer wieder muß ich mich bei der Ehre packen: willst Du schlecht an' dem Mädchen handeln? — Wenn ich mir dann ihr blasses, verweintes Gesicht vorstellte, hatt' ich wieder für ein Weilchen Lourage. . Denn es gibt ja kaum eine niederträchtigere Aufgabe für einen Mann, als die, die vor mir lag. Das begreifst Du. Bis jetzt hatt' ich mich ja immer noch dumm stellen können. Herrgott! Was ging mich denn die haudvoll Affen hier oben au, und ob sie was von mir wissen wollten oder nicht! — Wenn ich aber persönlich eine Annäherung suche ... und «mch da schnöde Zurückweisung erfahre ... Ich kenne mich ja! . . .. Wenn Du nur erst einmal Deinen Namen anbrinam kannst, denke ich. Und lieber erst beim Alten, als bei der Helene.' Mann zum Manne, das ist einfacher, leichter, Natürlicher. Gut. Liege also wie die Spinne auf die Lauer. Dm gangen Morgen, anscheinend. harmlos, um das Kurhaus tun. Immer die Augen auf den kleinm graSbewachsmm der von der Billa aufs Hotel mündet.' Hier konnte er m» nickt entgehen. Aber weiß der Kukuk, die Zeit wird mir lang. Mein Magen rebellirt. Die Sehnsucht nach was Warmem regt sich. Wie-ich in dm Speisesaal trete — sitzt mein Opfer ganz ge» «üthlich zwischm einmi Berg von Zeitungm. — Ich will auf ihn zu ... Da — steht er auf — greift eine handvoll Papier blmdlinds zusammm. — durch die Berandathür 'hinan» — Treppe hinunter — durch dm Krautgarten nach seiner Billa. Ja, da staud ich nun ... Ich denke: Zufall oder Absicht? Zufall, ttöst' ich mich. Ich greife nach jedem Sttohhalm, um meinm Much zu befmem. Oder vielmehr: um den Aerger, den ich heraufkriegea fühle, unterzukriegm. Lasse mir also ein Frühstück geben. Nachher geh' ich in dm Wald. Der Tag ist ja noch lang. Uebcrlege mir: das Einfachste ist, Du gibst in der Billa Deine Katte ab. heut' Mittag zur Bisitenzeit. Meinetwegm hätte der Wald das ödeste Stoppelfeld sein können. So wenig merk' ich von seinen Reizm. Ein jämmer» liches Gefühl spür' ich um dm Magen herum. Gerade wie vor meinm erstm Examen. Alle Abschiedsstimmung und sonstige senttmentale Dummheit ist verflogm. Ich wünsche meine alten zättlichm Jugenderinnerungm und meine neum Heirathsabsichtm zum Teufel. Hättest Du nie dies Nest gesehm! wüthe ich. Und dann: Gott sei Dank! Morgen um die Zeit bist Du schon so und so viel Kilometer fort! Auf einmal — wie ich an meine Aussichtsbank komme — wer sitzt da? — Natürlich mein Alter! In seinem Gott vergnügt. Dm Krimstecher vor dm Augen. Sieht sich die Gegend an. — Zum Unglück kam ich ihm in die Sehlönr. Und — hastdunichtgesehm! — steht er auf und tappt, so schnell die Beine wollm, davon. Ich ihm nach — aber es führten drei Wege abwätts, und er war plötzlich in dem buschigen Unterholz wie vom Erdbodm verschwunden. * Zufall oder Absicht? ftag' ich mich wieder. — Ich ließ die Frage lieber offen. Schlängelte mich so allmählich — eS ging auf zwölf Uhr — nach Hause, zog einen schwarzen Rock an, sprach in der Billa vor und gab meine Katte ab. Die Herrschaftm seim nicht zu Hause, heißt eS. Einm Augmblick stand ich wie Frau Lot'S Salzsäule. ' Dann-machte ich Kehrt, zog den Bratmrock auS — und ging wieder in's Hotel, wo eben der Tisch gedeckt wurde. Jetzt sind sie dir sicher! dachte ich mit teuflischem Triumph. Es fing an zu regnen, so recht feste, gleichmäßige, kräftige Striche, die mich von meinm Beobachterpostm vor dem Hause hineinttiebm in dm langm, halbdunllm Korridor. Hier pendelte ich auf und ab, „Möros, dm Dolch im Gewände". Die Minutm dehntm sich kautschukartig. Ehe der Zeiger ein Stückchen weiterrückte, da» dauette immer eine Ewigkeit. Zum huuoertstm Mal laS ich die Anpreisungm von Belocipeden, Kräuteffchnäpsm, Gasthäusern. Betstunden, Eoncettm. Zum tausmdsten Mal besah ich mir die bunte», marktschreierischen Plakate, mit dmm die Wände deS Korridor» kunstsinnig geziert warm. Die erstm Mittagsgäste kämm, hingm die nassm Mäntel an die Kleiderriegel.' stellten die triefenden Schirme in die Ständer, sttichm vor dem Spiegel das Haar glatt und verschwanden im Epeisesaal. Ich — wie eine Maschine — immer auf und ab, immer ab''und auf. Die nassm Paletot» verbreüetm eine unaugr»