Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 45 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mäulchen verächtlich zusammen, wirft den Kopf hintenüber... Jeder^Zoll Empörung über so eine Nachbarschaft. Mir schmeckt de» Sect immer besser, je mehr die Andern sich ärgern. Es ist mir ein himmliches Gaudium, zu denken, daß ich mich durch „auffällige Geldausgaben verdächtig" mache. — Wie das Essen zu Ende ist, lege ich mich in meinen Stuhl zurück, strecke die Füße unter den Tisch — und Kneifer auf — (mein Platz war dicht an der Thür) lasse ich das ganze Völkchen Spießruthen vor mir lausen. Ja, ich, Alter, die friedfertigste, harmloseste Seele von der Welt, — ich! 'Zuletzt defilirtm der Archidiakonus mit der Frau Profess or vorüber. Ter gute Herr zeigte bedenkliche violette Töve und schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Seine Gemahlin war. förmlich ergrünt und glich bei ihrer gelblichen Grundfarbe einer halbreifen Citrone. Tie Frau Professor warf mir tödtliche Blicke zu und biß die Zähne zusammen, 'als halte sie nur mit äußerster Selbstüberwindung schwere Verbalinjurien hinter diesem porzellanenen Zaun zurück. Alle drei faßten im Korridor den unglücklichen Wirth ab und erklärten feierlich, daß ihres Bleibms nicht länger sei — in einem Hause — —!• „Aber Sie haben aus vier Wochen vorausbezahlt, Herr Archidiakonus!" hörte ich die angstbebende Stimme des gemarterten Hotelbesitzers. „Sie sollen keinen Schaden haben, mein Freund," erwiderte der würdige Herr mit unaussprechlicher Milde. „Aber länger hier zn verweilen ..." „Nach diesen empörenden Vorfällen!" tönte noch die scharfe Stimme der Frau Professor bis in den Saal hinein. Dann wurde es still. Sehr 'still. Ich hörte die Fliegen singen und das Rauschen meines Gewissens: willst Du den Mann ruiniren? — Nachmittags — ich saß beim Kaffee in der Laube — kam denn auch der Witth angekrochen, schwänzelnd und bekuiffen, wie em Hektor, wenn er nicht gut gethan hat. Da mußt' ich denn Bescheid: Im ganzen Ort kein Winkelchen für mich übrig. Also noch eine Galgenfrist bis übermorgen — dann „Ade, ade, ade!" /noch bekannter Melodie). Na, auch gut! Sehr gut! — Famos! — Ich that, als wäre mir der größte Gefallen damit geschehen, daß sich das ganze Lumpenncst gegen mich, den Musagetenmann, verschworen hatte. Erdichtete sogar in meiner Gutmüthigkeit etwas von „Nachrichten vom Hause" ... „dringender Rückkehr" . . . und was mir sonst noch cinfällt, um dem Menschen — an ihm lag's ja nicht. Wie eS kühler geworden ist, schlendere ich langsam in den Wald. Ueberall schon ttefe Schatten. Stur so einzelne Sonnenflrcke zwischen den Stämmen und aus dem Nadelgrün, und manchmal ist's, als wären dünne Lichtfäden von einein Baum zum andern gesponnen. Mir kommt'- vor, als wätt der Wald noch nie so sonderbar gewesen wie heut'. Und die Lust! — Ein Geruch nach Harz und Terpentin, daß man nur immer ganze Ströme von Ozon hineinschlürfen möchte. Aber sonderbar. Es gebt nicht so recht. Ich setze an, setze wieder an. Aber wie ein eiserner Reisen liegt mir's um den Brustkasten. LS ist der Sect. denke ich erst. Und der Kopf war mir auch so benommen, daß ich gut und gerne auf solchen Verdacht kommen konnte. Zuletzt aber merk' ich doch: es ist etwas Anderes- Sollte vielleicht-Helene? .... Ich halte mich allerdings förmlich verbohtt in den Gedanken . . . Und die reizenden Bälge! Daß das nun Alles aus sein sollte! — Denn es wäre ja Wahnsinn, wenn ich jetzt noch — mit dem Renommee! — ' Ordentlich tröstlich ist mir's in meiner Verfassung, wie ich auf der Bank am See ein Helle- Kleid schimmern sehe. Blanche! — Gott sei Dank! ' Doch eine Seele, der>S leid thnt, wenn Du weggehst .... Mt der Du doch mal ein vernünftig Wort reden kannst! .... Und schlängele mich auf dem weicheu Radelboden unversehens an sie heran. Sie dreht mir den Rücken zu; ihre Schultern zucken leise, als wenn sie so recht von Herzen lachte. Ich denke: kichere Du nur! Denn sie mußte mich bemerkt haben und machte sich nun den Spaß, mich zu foppen. So eine harmlose Neckerei, das ist nämlich ihre Spezialität. Auf einmal aber — fährt sie herum — ich sehe ihr Gesicht, rothgeweint, mit verfchwollenen Augen. Ich lasse es dahingestellt, wer von uns Beiden den größeren Schreck kriegte. Eine Weile steh'n wir uns regungslos gegenüber. Dann platz' ich heraus: „Blanche, Sie meinen? . ." Da macht' sieso eine hastige, trotzige Bewegung mit dem Kopf . . . das dumme Ding! ... als wenn sic damit niir nichts, dir nichts die Thränenspuren abschütteln könnte. „Ah, Monsieur!" sagt sie und reibt sich die Augen, „eist der dumme Staub ..." Staub? Hier am Wasser? Ich lasse mich nicht anlügeu. „Sie haben geweint. Blanche", sag' ich ihr ohne jede Rücksicht uuf den Kopf zu. „Und wo sind die Kinder heut'?. Warum sind sie nicht bei Ihnen?" „Ausgefahren. Mit Madame und dem Herrn Oberstlieutenant." „Und Sie! Nicht mit? Warum nicht mit, Blanche?" „Es war kein Platz in dem Wagen," sagt sie, spielt mit den Falten ihres silbergrauen Kleides und wird roth. „Nicht Platz —? Und gestern, und vorgestern, und immer mar Platz?-“ Aus einmal fällt ein großer Tropfen auf das Helle Kleid. Schnell deckt sie die Hand darauf — aber ich Hab' ihn schon gesehen. Mir geht auf einmal ein Licht auf. „Blanche," sag' ich, „man hat Sie gescholten, weil Sie zu mir halten. Ist es so?" Sie legt die Hände vor's Gesicht. Antwortet nicht. „Blanche," sag' ich wieder, „haben die Kin, er geschwatzt?" Denn so was hatt' ich längst ermattet. Endlich ein leises Sticken. Aha! Da mußt' ich Bescheid. Als wär' ich dabei gewesen, so deutlich könnt' ich mir die große JnquisitionSscene auSmalen, in der Blanche des sträflichen Umgangs mit einem Individuum wie ich überfühtt und mit der tiefsten sittlichen Enttüstung abgekanzelt wurde. „Und werden Sie gehen?" frag' ich. Sie nickt wieder, eifrig, erregt. „Gleich wollt' ich sott," flüstert sie. mit ihrer rührenden, halberstickte» Stimme. „Madame waren so zornig — o so furchtbar zornig! — Und sagten so böse Dinge zu mir . . . Aber Werner und. Margot ließen mich nicht los. Sie weinten und schrieen und hielten meine Kleider fest. Und da meinten Madame, ich müsse noch bleiben, bis man Ersatz für mich gefunden habe." Ich beiße mir fast die Lippen entzwei, reiße an meinem Schnurrbart, als sei ich meines letzten bischen Haares überdrüssig. Deinetwegen also, deinetwegen! wüthe ich in mich hin. ein. Ein Moralkater hat mich in seinen Krallen — da- V’ bischen Sectjammer von heut' Mittag ist ein Kind dagegen. ' „Und gehen Sie gern, Blanche?" würge ich heraus. Eine Mllion hätt' ich drum gegeben, hätte sie „ja" gesagt. „Gern?-" Ihr Blick. . . so erstaunt, so vorwurfsvoll ... Da hatte mal ein rechter Esel gefragt. Ich wußte eS ja vorher. Ihr halbes Herz blieb, wenn sie ging. Die Kinder waren ihr lieb, als wären'- ihre eigenen. - Es hilft Alles nichts, sag' ich mir, während wir Beide i auf unserer Bank hocken, wie ein paar Häufchen Unglück, Du darfst das arme Ding nicht in der Patsche lasse«, in die V, Du sie mit hineingerissen hast. Soll sie vielleicht mit einem,*’> Zeugniß entlassen werden, daß ihr überall die Thürey ver» schließt? — — Nein, sie soll bleiben, wo sie sich wohlfühlt. ö