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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 45 (1894) · p. Seite 176

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
45 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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sucht sich unterwegs schon seine Briefe und Zeitungen aus der großen Ledertasche heraus. Der halbwüchsige Bengel getraut sich natürlich nicht zu protesriren . . . Aber Mensch, Sollt' ich denn den Leuten gleich mit meinem Stammbau»-! Wer mir den anständigen Menschen nicht an der Nasenspitze ansieht — oder lieber — da dieser unglückselige Gesichtsappendix ja gerade das tolle Vorurtheil gegen mich heraufbeschworm hat — wer nicht soviel gesunden Instinkt besitzt, um einen ehrlichen Kerl von einem Gauner zu unterscheiden — der kann mir überhaupt gestohlen werden! Basta! „Ich soll je eher, je lieber nach Hause kommen? Ich würde doch den Kürzeren ziehen?" — Ja, Tu gute Seele, da kennst Du mich schlecht! Ohne Sang und Klang mich davonrückcn? — Gestern war ich in einem schwachen Augenblick so weit.- Aber heut? . . . Find' ich mein Gedeck, das wie der einige Jude von uner Stätte zur andem wandert, heut' Mittag dicht neben den baute volle! Etwas rechts, schräg gegenüber, sitzt die Bomstorff neben meinem alten Gipsmenschen, auf den ich so stolz bin, wie ein Kunststopfer auf einen alten Rock, dem man auch durch das schärfste geschliffene Glas die sauber geflickten Risse und Brüche nicht ansieht. So jovial, so urgemüthlich, so rund und breit Sewiette um's Doppelsinn geschlungen, gibt er sich den Freuden der Tafel hin . . . „Herr Oberstleutnant!" will ich schon hin überrufm .... Da seh' ich, daß sie mich drüben gerad' beim Wickel haben. Fange einen Blick aus seinen etwas hervorstehenden Augen auf — einen Blick! — Wart', den5 ich, den sollst Du mir noch mal auf den Kniecn abbitten! Und die gnädige Frau — in der Nähe ist sie geradezu polizeiwidrig hübsch mit ihren blühenden Farben — Madame ihre langstielige Lorgnette vor die Augen genommen — der Reih« nach flüchtig die Nachbarschaft gemustett. . . Wie sie an mich kommt — mit halbzugekniffenen Lidern (als könnte sic an meinem Anblick ihre blankm hellblauen Augen beschmutzen) — eine Weile hinübergeblinzelt — Ich sehe förmlich, wie sie denkt: also das ist der Mann mit den „Musageten!" . . . Denn so ein Nest . . . natürlich ist's wie rin Lauffeuer herumgekommen . . . Blutroth bin ich bei dem Gedanken geworden. Hab' meine Suppe, die mir der Kellner eben hingesetzt hat, mit einer Hast gelöfelt . . .! So eine anscheinend harmlose, mit großen Fettaugen bedeckte Brühe, der kein Mensch heimliche Tücken zutraut. — Aber beim erstem Schluck — ich denke, ich höre die Engel singen, die Thränen ttetm mir in die Augm ... Hatte genug zu thun, dm Höllenbrand auf meiner Zunge mit ein paar Gläsern Rüdesheimer zu löschen. — Tann Gang für Gang das Diner mntergeschlungett — Heu und Stroh hütt's sein könnm, ich's hätt's nicht gemerkt. Wie ich auffteh', sühl' ich einen Taumel, daß ich mich an der Stuhllehne haltm muß. Ich mache blindlings »ach allen Sei en Bücklinge, sage „Mahlzeit, Mahlzeit" >. . . . Zuletzt steh' ich allein noch da, sehe mir kopffchüttelnd die beidm leeren Flaschm an, bleche ohne einm Muck meine zehn Mark und denke: wieder mal gespaßt! Aber morgen! Und dabei thu' ich innerlich einm schweren Fluch; nicht eher dieses gottverdammte Nest zu verlassm, ehe mir nicht glänzende Revanche gewordm ist. Freilich — die Sache hat Eile. Dmn mein Zimmer ist zu übermorgen schon wieder bestellt. Ter Witth läuft sich fast die Hackm ab, der gute Junge, um mir im Ort einen anderen Unterschlupf zu verfchaffm. Jndeß nach meinen Erfahmngm — ich fürchte fast . . . Ra, Adim! Vielleicht: auf baldiges Wiederseh'n! Walter. * Achter Brief. . . . Schauderhafter Zustand heute. Bill sch'n, ob ich noch so viel Grips zusammmbringe, um Dir die Sache einigermaßm plausibel zu machen. O weh, mein Kopf! Also: heut' früh großer Aufstand! Ein Brief verlor»^' gegangen. Ter Postjunge hatte wie gewöhnlich seine Tasche auf „dm Tisch des Hauses" auSgeschüttet, und AUeS kramte dazwischen herum, gmiüthlich wie die Kinder, weun sie am Strand zwischen Seetang und Muscheln Bersteinstückchcn such«. Ich hatte Glück gehabt, Deine Epistel hcrauSgcfischt und mich bei Seite gedrückt, um zu lesm. Ta gibt's ein Fragen, eine Unruhe, ein Hin» und Herreden. Die Professorin ermattet Geld. Der Junge hat dm Bttes in ein besonderes Fach gesteckt. Ter Postschein ist nicht unterschrieben. Der Bnef fort. Na der arme Bmgel! Schon dacht' ich: gieb ihm das Geld, d>rfl das Weib die Geschichte nicht anhängig macht. Dmn sie geberdet sich, als wäre eine Million zum Teufel gegangen. (Fünfzig Mack warm's blos!) Wenn nur ihr Mann zurück wär', der zum Unglück gerade auf einer größeren Partte unterwegs sei! Was geht's Tich an? denke ich schließlich. Irgend einer hat den Bnef ans Berschen an sich gmommen. Oder der Junge hat blos den Schein mitgcbracht und dm Bnef auf der Postagentor liegm lassen. Und da ich das Gethüe uud Gerede nicht mehr mit anhören mag, gehe ich hinaus und setze mich in die Laube. Abermersivürdig! Wie ich so sitze und lese . . . ich denke erst, ich täusche mich ... die Frau Professor geht wie zufällig vorüber. Arm in Arm mit der Frau ArchidiakonuS ... Und beide gucken nach mir, als hätt' ich irgend etwas Auffallendes an mir. Nach einer Weile — meine Frau Professor' wieder mit einer andern Dame vorübergetänzelt .... Tau» andre Leute, immer mehr .... Alle die Blicke auf mich gekehrt, tuschelnd, gessikulirmd. Ter Gedanke schießt mir dm Kopf: sollten sic-—. Ich will es mir noch ausreden. Verordne mir sttber kalte Douchen und eia gelindes Bitterwasser. Ten» es wird mir nachgerade unheimlich, aus welche Abivcge meine Ei», bildungskraft so successive geräth. Endlich beim Mittag mecke ich: eS ist ttchtig! Nämlich: mein Eouvett lag zwar »och an derselbe»' Stelle wie gestern. Aber rechts und links davon — so recht, ostentativ, ein paar leere Gedecke. — Also — thätsächLchisolitt .... nuu auch öffentlich und dem blödestm Verstände bemerkbar — — geächtet- Der Witth (sie mochten dm« armen Jungm gut zugv» setzt haben!) bedient mich selber, fragt alle Minute »ach jj meinen Wünschen. Dabei immer ein um Verzeihung flehe»? des Lächeln um die Lippm, Angstschweiß auf der Sti« . . . reibt sich vor verzweifelter Höflichkeit fast den Bast von bat j Händen ... Na, Gott sei Dank! Ich gewann der Sache bald die beste Seite ab, die einzig richtige: die lächerliche. „Herr Witth, eine Flasche Sett!" — „Sehr wohl, sehr wohl, mein Hm!" Ein paar Minuten später steht der Eiskübel vor mir aus den, Tisch. Die dickl'änchige, silberhalsige Flasche reckt sich verführerisch hervor. Und nun knallt'S durch de» Saal .... heißa! — laut hinein in die Todtrnftille, die plötzlich entstanden ist . . . wie gewöhnlich, wenn etwas gl Unerwartetes, ganz Unfaßbares pasfirt und auch dm uw wüftlichen Zungenschlag lahmlegt. llnd in diese feierliche Ssille hinein sage ich io harmlos vergnügt: „Ihr Spezielles, Herr Witth! Und das Wohl dieses gastlichen Hauses!" . . . Siehst Du, Alter, daß that mir gut! Jetzt hätt' ich nun Studim machm könnm! Seh' aber bloS wie von ungefähr die beidm Leutchm an, au Wetthschätzung mir lag. Haha! — Mein Beck — die rothgeaderte» Ai quellen ihm. fast aus dem Kopf vor Indignation. Helme? — Bläht die feinen Nasenflügel auf, schuurtt

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