Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 45 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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lH® . .. . < Kur Mntkrhaltung und Kklksrrung für öik israklitifche Mmilie. Vas erscheint wöchentlich als MrattxSeilag« zur ..Iseaelittschei« tvschrnschrift-. Jctar Zlaäfbrmtt am» diese«, Blatte ist ««teesagt. — Die Einzelnummer kostet bei der Expedition der „Jsr. Vochenschr.* Die ^udenriecherei. Briefe am -er S»in»nerfris«he. Mitgetheilt von G. Franke. '(Fortsetzung.) Postkarte. Also wirklich an die Luft gesetzt! Heute früh kam meine : Wirthin, noch ungekämmt, grüne Plüschpautoffeln (mein Ideal von Fußbekleidung), um mir ohne jede Sentimentalität mit- Sheilen, daß sie bessere Miethcr gesunden habe. Die zweite oche sei morgen um, er^o... Na!- Ich wär' ein Esel, wollt' ich mich beklagen. Tie Sache , ist ja ganz in dem Schl, an dem ich mich hier nnlens volens habe gewöhnen müssen. Trotzdem ich für drei bezahlt habe und — na! — (Ein Glück, daß die deutsche Sprache für .solche Fälle dies ausdrucksvolle Wörtchen besitzt.) Ein weiteres Glück: im Hotel wird heut Abend ein Zimmer frei. Nur auf ein paar Tage. Aber der Wirth will tch bemühen, etwas Anderes für mich aufzutreiben. Tenn jetzt Weggehen, wo ich hier warm geworden — und Frau von Bomstorff- Siehst Du, ich bin ein guter Kerl. Aber das möcht' ich »och erleben, wie meiste Nachfolger bei Koppermanns... die „Musagcten" ... Na!!! Die Frau sagte, auch noch etwas, wegen des Jnsekten- Kvers. Sie gebrauchte einen volksthümlich-drastischen Ausck. Aber da wurde ich ein Löwe — ein Löwe, der Blut geleckt hat. Sie sah mich mit einem schiefen Blick an und trollte sich auf ihren hoffnungsgrünen Piedestalen davon, ohne sich mit ihrer Nachforderung herausznwagen. Mit Grüßen. . W. Siebenter Brief. Hotel Kurhaus. Nicht wahr, Alter, Du kennst mich als eineu leidlich reinlichen Menschen? — In meiner Gemüthsversassung wär' es mir lieb, wenn Du mir das ausdrücklich schriftlich bestätigtest. Wenigstens Hab ich mir's so lange eingebildet. Ich wasche mich doch täglich, ja, zu Haus, wo ich's haben kann, nehme ich alle morgen ein Bad. Ich genieße nichts, ohne mir die Hände detzinfizirt zu haben (wir heutigen Mediziner mit unserer Kenutniß von den Bakterien!) Ich schlafe in keinem fremden 8ett, ohne mich von Kops bis Fuß in ein eigens von Hause mibgebrachtcs Lakm zu wickeln, wie die Raupe in ein Blatt. Dies vorausgeschickt. Also ich sitze heute Morgen seelenvcrgnügt beim Frühstück. 'Zum ersten Mal, seit ich hier oben weile, Hab' ich ohne „Musageten* und auf einer ebenen Fläche geschlafen. (Die Koppermam'schcn Mattatzen — alle drei Hab' ich sie durchprobitt — hatten sämmtlich die Eigenheit, in der Mitte so stark gewölbt zu sein, daß man vor die immerhin angenehme Wahl gestellt war, entweder nach rechts oder links hinunterzukollem.) Der Kaffee schmeckt mir ausgezeichnet. Ich bin harmlos glücklich und menschenfreundlich gestimmt, wie ein neugeborenes Kind am Busen seiner Amme. Da wcrd' ich auf ein Lamento am Nebentisch aufmerksam. Ein paar neue Gesichter, übernächtige, erbarmungswürdige, blasse Gesichter, denen man auf's Wort glaubte, daß sie „kein Auge zugethan hätten." Zuerst schoß mir ein teuflicher Triumph durch die Seele aha! Deine Nachfolger bei Koppermanns! — Ich gönnte ihnenx offen bekenn' ich's, mein Erbe: die „Musageten" und di runden Mattatzen. Dann regte sich das Mitleid und ich war drauf und dran, ihnen zu sagen, wie ich mir die Blutsauger nothdürstig von Halse gehalten habe... Dc . . . hör' ich; Ter Herr, der vor ihnen dort gewohnt ... ein jüdischer Herr . . . Und mau wisse doch — wie unsauber . . . Ob cs den» nicht im Interesse des Renommee's des Kurorts wäre wenn man solchen Leuten einfach die Thür wiese . . . 0 sancta simplicitas!-Ich habe da gewohnt. Ich bin ein Jude. Juden sind unsauber. — Und wenn ich nun gar kein« bin? Wenn blos zufällig meine Nase . . . Thut nichts, der Jude wird verbrannt! Vielleicht nicht mehr verbrannt. Dazu sind wir zu feuerscheu heutzutage. Aber „rausgeschmissen" . . . Die Bienen und die Ameisen fallen über jeden Angehörigen eines stemden Stammes her, der sich in ihren Bereich verittt . . . Das ist überall so in der 'Natur, das ist der blindwüthige Trieb der Selbsterhaltung. Man kann's dem niederen Vieh ja auch nicht verdenken. Aber wir-ich Hab' eigentlich gedacht . . . 'Nun erst recht nicht! Wenn ich jetzt das Feld räumte, käm' ich mir feig und erbärmlich vor. Nein! Abwarten! Morgen rückt mein aller Haudegen ein. Wenn ich bedenke, wie der damals vor mir lag, bis an die 'Nasenspitze in Gips: „Doctor, wenn Sie mich noch 'mal durchbrächten!" Und jetzt — nach zwölf Jahren, kommt dieser Gipsmensch ganz gemüthlich hier heraufgekraxelt! . . . Na, das Gaudium, wenn ich von ungefähr hcränsrücke: „Ich bin der und der . . Und die Augen von der Helene! — Siehst Du, Alter, die Genugthuung muß ich noch haben. Wenn ich auch sonst — hm . . . Na, genug für heut. W. * * * Eben krieg' ich Deinen Brief, zerknittert, beschmutzt, als wenn er eine lange Irrfahrt hinter sich hätte. Hat sich auch wirklich drei Tage herumgetrieben. Daß die Postsachen noch immer mit leidlicher Pünktlichkeit eintreffen, staune ich als ein wahres Wunder an. Wenn ich's sticht selber sähe, glaubte ich'S nicht, daß solche Dinge im Deutschen Reich noch möglich find. Wer dem Bote» begegnet,