Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 44 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Witth, der mich .Herr Jacobsohn" nennt, mit einer Beharrlichkeit, die schon anfängt, mir fürchterlich zu werden. . . Na Alter, eS war denn wirklich so! Bei der süßen Speise zwar wurd' ich wieder irre. Denn 1>er Mann mit der Glatze war heut' so stark in Schwiegermutter- und Judenwitzen, daß ich dachte: nein, die Unverschämtheit wätt zu groß. Bis es den wohlgefälligen Anek- "dotmfex plötzlich zu packen kriegt. . . er stockt, wird blutroth Aber den ganzen Schädel bis in den fetten Nacken hinab, läuspett sich. . . und mit verlegenem Lächeln wmdet er sich an mich: .Sic entschuldigen. . . man schwatzt das — hähä — so nach. . . hm, . . ohne zu bedenken. . . rrhm. . . daß man Jemand. . . rrrhmhm. . . na, pardon!. . Da bin ick aber in ein Gelächter ausgebrochen! Ein wahrer Kampf des Zwerchfells. Erst als ich mir die Thränen aus den "Augen gewischt — und etwas erkennen konnte. . . die empörten Gesichter ringsum... na, da merkt' ich, daß ich wieder mal das Ruchloseste gethan hatte, was ein Mensch in meiner prekären Lage thun konnte. Gott sei Tank! Ein allgemeines Stuhlrücken, Scharren, Grüßen — die Tafel war zu Ende. Ich saß plötzlich allein und konnte mich über den Spaß amüsiren, ohne meine Mitmenschen in ihren heiligsten Gefühlen zu verletzen. Meine schöne stolze Aristokratennase! Du also hast mich in TmselSküchc gebracht! — Ein Mißverstehen Deines kühnen "Römerschwunges macht harmlose, biedere, bluts- und stammverwandte Menschen mir zu Verächtern und Widersachern! — Menschen, wie der Professor z. B. — der jeden Buchstaben einer vermodetten Handschrift erst durch die Lupe prüft — der jede Möglichkeit eines JrtthumS nach allen Seiten peinlichst erwägt, ehe er rin Uttheil abgiebt! — Menschen, "wie der würdige Herr Archidiakonus, der allsonntäglich von k>er Kanzel predigt: Kindlein, liebet Euch untereinander! . . . Und ich Hab' ihm doch wahrhafttg nichts zu Leide gethan! Und bin, weiß Gott, ein einigermaßen anständiger Mensch! Und dabei — jede Miene, jeder Blick ein stummer "Protest: hebe Dich weg! . . . Allerlei merkwürdige, ketzerische Gedanken machten mir den Nachmittag über den Kopf warm. Ich kann ja lachen, — ich! Ein Wort — und der Glatzenman», der mich in seinem Aricrstolz vornehm ignorircn zu dürfen glaubt — er frmfjt und scharwenzelt genau so ohrwurmartig um mich herum, wie um die hohe Geistlichkeit und Kathederweisheit. Ein Wott nur, und die Zugbrücken fliegen runter und die ganze Sippschaft bläst Willkommen! Wenn's aber nun einen trifft, der wirklich gemeint ist. Der wirklich verletzt, dem gezeigt werder soll: Drück Dich! Wir mögen Dein Gesicht nicht. . . Und es ist ein gebildeter Manu, ein anständiger, feinfühliger Mann. . . Ich sehe das verstohlene Zucken um Deine Mundwinkel: Aha! — — Wenn Du den Referendar Danziger siehst — ich glaube, ich habe ihn letzt ein bischen kühl behandelt, als er sich im Bären jui uns an den Tisch setzte — so grüß' ihn doch von mir! Ra, «atis. Tein Jacobsen. * * « Sechster Brief. Warum ich nicht einfach Mademoiselle gefragt habe, «einst Du? Da hätt' ich den Kindern nicht soviel Süßigkeiten einzustopfen brauchen, um den Gebuttsnamen ihrer Mama zu eisahren. Hm! Es hätte ja nahe gelegen. Aber sie hat so kluge, merkwürdige Augen ... sie wär' gewiß Hkich dahinter gekommen, daß ich in bestimmter Absicht frage. Das mache ich nicht. Wir Bier sind recht gute Freund« geworden, Blanche <«ämlich meine kleine Französin), die Kinder und ich. Die «eiten Touren Hab' ich zunächst einmal satt. Muß die Eindrücke erst verarbeiten. Mademoiselle hat uoch garnichtS gesehen. Der Kinder «ege» muß sie i» der Nähe de« Hause« nur ihre großen, sehnsüchttgen Blicke sehen, wenn ich von all den schönen Touren erzähle, die ich schon gemacht habe. Frau von Bomstorff ist den ganzen Tag mit ihrer Gesellschaft unterwegs. Sie hat ihr Fuhrwerk mit heraufgebracht und glänzt auch Mittags nicht selten durch ihre Abwesenheit. Mein erster Blick gilt immer ihrer Ecke, wo die Cräme der Erwine so recht auf einem Humpel beisammen ist. Sie die Schönste, — die Stolzeste . . . Und merkwürdig! Zehn Jahre liegen nun dazwischen . . . aber ... ich kann sie nicht vergessen, die Jugendeselei. Nähergekommen bin ich ihr uoch keinen Schritt. . . Denn bei meinm Erfahrungen hier. . . Und wie sie mich begrüßt ... Ich warte, bis mein alter Freund, der Oberstlieutenant, konimt. Halte mich inzwischen an die Kinder . .. Ja, das kleine Volk seh' ich mir inanchmal mit eigenen Augen an. Möchtest Tu wohl ihr Papa werden? denk' ich so. Einmal halt' ich sogar die kleine dumme Margot gefragt. ob sie sich keinen neuen Papa wünschte. Da machte sie ihre großen erstaunte» Augen noch größer auf, schüttelte dann aber sehr energisch den Kopf und agte: Nicht Papas Mademoiselle! — Ironie des Schicksals! Wär'Einem nicht so kannibalisch wohl in seiner Hant — es wär' ja rein um aus der Haut zu fahren! Boycotlitt — vervchmt von 'ner Handvoll Affen. Mein einziger Umgang rin paar unmündige Kinder und ein armes Gouvernantchm — das allerdings sehr amüsant ist mit seinen drolligen Deutschverrenkungen! Ich glaube, ich Hab' in meinem Leben noch nicht soviel gelacht. Neulich Hab' ich Blanche meine hiesigen Abenteuer erzählt. .Für was halten Sie mich denn, Mademoiselle?" Sie guckt auf ihre Stiefelspitzen (die reizendsten Füße hat sie), zupft an ihrem Aermel. .Oh — ich weißen nicht.. Und dabei wird sie so roth und ganz ernst. .Und würden Sie mir den Lauspaß geben, wenn ich nun wirklich . . ." Sie fiel mir in's Wort, vorwurfsvoll, bittend. „O Monsieur, Sie sprechen, was Sie selber nicht denken. Ich . . . ich war so allein — und da sind Sie so gut zu mir gewesen!" Sichst Du, das ging mir doch weich und angenehm, wir ein lauer Luststtom, über die Haut. Und das lustige kleine Ding sah dabei so emsthaft vor sich hin. Ein dünne gnstcre Falte stand zwischen ihren seinen schwarzen Augenbrauen. .Sie sind nicht glücklich hier bei uns?" fragte ich, um doch etwas zu sagm. Jetzt zog sie auch noch die Mundwinkel herab. .Man lieben uns nicht in Deutschland, Llouaieur, nous pauvres kran^aisl" , .Ja, liebes Fräulein, unsere böse Zeit liebt es überhaupt mehr zu hassen, als zu lieben," meinte ich und hielt's in dem Augenblick für die größte Ruchlosigkeit, einer hübschm kleinen Französin gram zu sein. — Dann sprachen wir noch allerlei, sehr nachdenklich, sehr philosophisch. Zuletzt wurde eS so finster, daß ich ihr Gesicht nicht mehr sechen konnte und nur die klare, feine Stimme nebm mir Hütte. Sie ging zuttaulich an meiner Seite, als wär' ich ein uralter, ganz ungefährlicher Onkel — ich, mit meinen vierzig Jahren. Halb freute eS, halb ärgctte es mich. Zwischen dm schwarzen Baumwipfcln funkeltm die Steme. Blanche zeigte empor. .Ob ^lvnsieur, wie schön, wie friedlich! — Und so ein kleines Punkt im Universum ist auch unsere Erde! Und leuchttt so . . . Und die Leute auf dem Mars oder auf dem Venus dmken auch, daß bei uns wohnm die Seligm . . ." Die Seligen! — Ja, ja! Die hübschm Wotte, das Dunkel, ihr Helles Kleid, da« mich auf dem mgm Wege stteiste, ihr feine- Parfüm — da- Allezusammen ging mir aus einmal sonderbar durch die Glieder. Ich beichte e« Dir, Alter: Ich war drauf und dran,