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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 44 (1894) · p. Seite 172

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
44 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
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172 Tenn damals, als er mit dem Pferde gestürzt war und -einer einen Pfifferling mehr für sein Leben gab, Hab' ich ihn leidlich wikder zurechtgeflickt . . . Also die famosen Bälge sind ihre Kinder — und sie ist Wittwe — und wir sitzen seit acht Tagen an einem Mittags» ttsch! — Freilich ohne uns zu sehen, denn wir drehen uns den Rücken zu, und außerdem sind zwei lange Tafeln mit schwatzenden Menschen zwischen uns geschoben. Ich könnte aber doch in jedem Augenblick an sie heranttetea und sagen: „Gnädige Frau, ich bin der und der" . . . u. s. w. Ich könnte! Warum ich's noch nicht gtthan habe? ftagst Tu. Ja. siehst Tu, Alter ... es ist nämlich eine geradezu kostbare Geschichte! Du sollst sie hören, ab ovo — nämlich: Neulich bin ich dahinter gekommen ... Ich hatte mir schon den Kopf zerbrochen — überall Reserve, kühle Ab- . Weisung .... und das einem Menschen, den sie, leider Gottes, zu Hause ein bischen sehr verwöhnt haben . . . Seit ich mit einem gewissen Eclat meinen Platz zwischen den gesttengen Pädagoginnen aufgegeben, hatte ich bei Tische keine bleibende Statt mehr. Alle Mittage lag mein Gedeck an einer anderen Stelle. Mir recht, bei einem Wechsel könnt' ich nur gewinnen. Tenn — na! Ich bin nun mal ein bischen wählerisch . . . und Hausmütter mit Kindern ... brr! Ah! dacht' ich also befriedigt, als ich mich vorgestern zwischen einer würdigen Gesellschaft von älteren Herren und Damen sah: endlich wirst Tu ja Deine Rechnung finden. Und mit dem festen Vorsatz, unwiderstehlich nett und liebenswürdig zu sein uud im Sturm all' die biederen Herzen zu gewinnen, breitete ich meine Serviette über die Kniee, brach mein Brod und löffelte meine Suppe. Mir gegenüber saß ein wohlbeleibter Herr mit röthlich glänzendem Gesicht. Ohne die schneeweiße Binde hätt' ich ihn für einen Prosanmenschen gehalten, der das Leben mit all' seinen guten Gaben dankbar und klüglich zu genießen versteht. So fand ich's ganz in der Ordnung, daß er „Herr Archidiakonus" tttulitt und mit besonderer Auszeichnung behandelt wurde. Seine Gemahlin schien leberkrank. Gelbe Farbe, schrumpfige Haut und ein Gesicht, als ärgere sie sich im Stillen über die Fliege an der Wapd. Mein rechter Nachbar war ein urgelehttes Haus, der im alten Rom jedes Mauseloch kannte. Des schönen, kleidsamen Vorrechts des deutschen Professors, kurzsichtig und zerstreut zu sein, erstellte er sich in dem Maaße, daß ich nur immer die mir zugehörigen Stücke des Gedeckes in Sicherheit bringen mußte. Daß er bona Me mir meine Weinflasche leeren hals, Hab' ich einem Manne von seinen Verdiensten nicht weiter übelgenommen. Mein linker Nachbar hatte wenig Haar und sehr viel Brillanten. Jedenfalls hat er früher 'mal mit Schnittwaaren, Delikatessen oder anderen gutm und einttäglichen Dingen gehandelt. Denn er warf mit den anmuchigen Redeblumen „Befehlen?" — „Womit kann ich dienen?" und „Danke verkindlichst!" um sich wie ein reismder Fürst mit dem Golde. Ein angenehmer, stcundlicher Herr, der nur einen Fehler hatte: er wollte um jeden Preis witzig sein. Und die ehrwürdigsten, reifsten Kalauer waren dem Manne nicht heilig. Als ich in diesen illustreu Kreis hineinschneite, war das Gespräch gerade auf einen Aussichtpunkt gekommen, den ich gestern besucht hatte. Die Meinungen darüber waren gethcilt. Die Einen hatten gehött, die Tour sei lohnend. Andere wollten wissen, daß der Weg steinig, stell, sonnig, — kurz die Partie nicht zu empfehlen sei. Ich öffne also ganz harmlos und bescheiden den Mund. „Meine Herrschaften, sage ich, ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen ganz genaue Auskunft geben . . Aber das Wott erstartt mir auf der Zunge ... es wird unheimlich ftifl . . . lauter große, strafende Blicke find wie Gcwehrlüufc aus mich geeichtst. Der Herr Archidiakonus sieht mich so niederschmetternd an, wie mein seliger OrdiuaruS ans Prima, wenn er donnette: „Jacobsm! WaS erfrechen Sie i sich!" — Die Frau Prediger schien von einer stillen Wuth verzehtt. Ich bin wahrlich nicht schüchtern. Aber unter dem Druck dieser allgemeinen Berurtheilung fühlte ich's eiskalt wie lauter kleine spitze Nadeln über meinen Nacken kribbeln. Ich sah mir die Leutchen der Reihe nach an — muß wohl ein sonderbares Gesicht gemacht haben. Tenn der Herr Professor fühlte sich veranlaßt, mit einer kleinen flüchtigen Verbeugung für die Auskunft zu danken. Dann zog er so recht an den Haaren ein anderes Thema herbei, über das die ganze Gesellschast herfiel wie hungriges Spatzenvolk über einen Bissen. Unbegreiflich! — Geradezu räthselhaft! Zuhause nehme ich sofott eine gründliche Ocular-Jnspcktton mit inir vor. Nicht blos von vorn, mit Hilfe deS Rasirspiegels bettachte ich auch meine Rück- und Profilansicht, so objcktiv, als hält' ich mich nie zuvor gesehen. — Nichts! Nirgends das Geringste, an dem man in guter Gesellschaft Anstoß zu nehmen pflegt. Kein in die Hohe ragender Anhänger, kein ausgesaseter Kragen, kein blanker Rockausschlag ... Und die Frisur, die glatte, saubere Modefrisur, bei der man die weiße Kopfhaut so zweifelsohne zwischen dem sammtattig kurzgeschorenen Haar schimmern sieht. . . Famos! . . . Besonders imposant kam neben der Kahlheit des Schädels und des Kinns meine Adlernase z>ir Geltung, ein Erbstück meiner aristokratischen Mama und auf den Bildnissen der Freiherren von Türow, meiner Vorfahren mütterlicherseits, bis in das Dunkel der Kreuzzüge zu versalzen. Ani Schluß dieser Prüfung sagt' ich mir: Nein! Dein äußerer Mensch rechtfettigt die Dir widerfahrene Zurückweisung mit nichten. Aber was denn? — Ich benehme mich doch genau wie jeder Gebildtte! Ich tunke die Sauce nicht mit dem Brod auf, ich vermeide es so ängstlich, das Messer an den Mund zu bringen, als wäre Todesstrafe darauf gesetzt ... ich ... na kurz und gut: entweder sind sie allesammt verrückt — oder. . . (hier lief es mir brübheiß über den Rücken) Du selbst leidest an einer krankhaften Autosuggestion, — einer gelinden Art von Verfolgungswahn, in der Dir infolge einer falschen Voraussetzung alle Erscheinungen verzertt nnd entstellt zum Bewußtsein kommen. Himmeldonner . . .! Angenehmer Gedanke! Und je mehr ich grübelte über Alles, was mir hier begegnet war, vom ersten mißttauischen Seitenblick der Donna Koppermarm an, bis zu Frau von Bomstorffs kaltem Gruß gestern . . . je tiefer fraß sich der Verdacht bei mir fest: Du bildest Dir das Alles blos ein! Bis er zuletzt sich eingesogen hatte wie ein Holzblock in einem Hundesell ... Ich verbrachte eine miserable Nacht, in der die „Musageten" nicht das Schlimmste waren. Na, Gott sei Tank! Heut, nachdem ich drei Mittage wie ein Märtyrer in einem Kreuzfeuer zwischen MissionSgeschichten, gelehrten Vorttägen über das alte Rom und Fliegende Blätter-Witzen gesessen — und rastlos den Gedanken gewälzt: sind sie's? oder bist Du's? — Heut kam die Lösung. . . befteiend, erleichternd wie nur je nach der Spannung die Katastrophe. Schon beim Gemüse merkte ich waS. Grüne Bohnen mit Schinken. Der Schnittwaarenhändler a. D. reicht mir von links die Bohnen. Ich nehme sie und gebe nach rechts weiter. Wie ich aber schon zufasse nach der Beilage — zwei appetitliche Scheiben logen noch auf der Schüssel — zieht sie der Mensch ohne Weiteresich zu Gemüthe. „Das ist wohl nichts fiir Sie," sagt er dabei mit einem fatalen Lächeln. Als sei die <Ä>che, daß ich keine» Schinken esse, über jeden Zweifel erhaben! Ich sehe ihn mir an. Ich denke: so eine Frechheit! Will aber keinen Lärm schlagen. Wegen so'uer Lappalie. Auf einmal fällt mir ein: Der Schweinebraten vorgestern der mir zu fett war, uud den ich vorübergehen ließ... Sollt» - sie. . . sollte ich denn. . . Unmöglich, Unglaublich. . . Usb j doch. . . Mein Profil, meine freiherrliche Ras«. . . Uud, tag

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