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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 43 (1894) · p. Seite 169

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
43 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 169 (sequence 3)
Language
German
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Roch einmal erhob Rodriguez sein brechendes Auge, dos wie segnend und um Berzeihung flehend auf Naphtali fiel, und dann für immer erlosch. Die Gewalt.brr letzten aufregenden Momente hatte die schwachen LebenSreste in Rodriguez getödtet. Erschüttert trat Raphtali zu Rodriguez'S Leiche hin, 'küßte die erschlaffte Hand. »Möge Gott, der Allbamiherzige x und Gnädige, der nicht das Verderben deS Sünders will, sondern daß er zurütkkehre zur Tugend und bereue. Dir so verzeihen wie ich vom Herzen Dir vergebe", so sprechend drückte er dem todten Gefährten die Augen zu. DaS war der letzte Dienst, den Naphtali Rodriguez er« .wie-, und entschlossen wandte er sich nun zu den Bewaffneten, die ihn schweigend fottführten. Der Bericht jchoch, den die Gerichtsobrigkeit über diese Begebenheit an den König lieferte, bewirkte, daß Naphtali frei «atlassen wurde, und so manche Auszeichnung und Begünstigung genoß, deren sich damals kein Jude sonst in Dänemark zu rühmen vermochte. _ Die ^udenriecherei: Briefe an» der Sommerfrische. Mitgetheill von G. Franke. Zweiter Brief. t Mein lieber alter Junge! Nach kaum fünf- * stündigem Schlafe springe ich meist schon »rüstig auf vom - Lager". WaS soll ich dann mit dem langen Tag beginnen? Roch dazu ehe ich »gefuttett" habe? Lrgo: soribamn«! Eine Entdeckung, Alter: Die hübsche Französin ist meine Nachbarin. Sie wohnt in dem kleinen villcnattigen Hause i «ebenem, das mit seiner graugestrichenen Holzveranda ordent- 'lich eine gewisse Vornehmheit heuchelt. Vorgestern Morgen Hab' ich sie zuerst bemerkt. Noch watts dämmerig, kaum 4 Uhr... ein trüber l Tag, grau, Wald, Wiese Himmel. Und dazu säuselte so ein gleichmäßiger, eindringlicher Regen nieder, der bis an die Haut geht. Da thut sich die Berandathür leise auf, eine weiße Gestatt, im zwangloS-uuschuldigen Nachtjäckchen (wer vermuthet denn um die Zeit einen Lauscher!), tritt heraus, lehnt sich au die Brüstung und starrt, noch wie verttäumt, in den Morgendunst. In der ersten Ueberraschung hätt' ich beinah den Kopf durch'S Schiebefenster gesteckt (auf die Gefahr hin, ihn ihr vor die Füße zu rollen) und ihr einen respektvollen Guten Morgen! gewünscht. Gott sei Dank, daß ich's bleiben ließ. Ich hätte sie sicher verscheucht. Dafür konnte ich sie mir so in aller Muße betrachten. Line lohnende Beschäftigung, sag' ich Dir. So ein nettes, , frisches Ding, die graubraunen Augen etwas melancholisch, ] die Farbe gesund, die Figur bei aller Zattheit hübsch pro- ' «ornonirt. — WaS sie wohl denk? Ob sie wohl Heimweh s vat nach ihrem sonnigen Frankeich? Ob ihre Abhängigkeit st« drückt? — DummeS Zeug! sag' ich mir zuletzt, die famosen »Mnsageten" werden auch sie so früh auS dem Bett getrieben Haben. Und nun ist sie verdrießlich, wie Jeder, der nicht ‘ eschlafen hat.- O — ol Ganz plötzlich schüttelt sie ihr dunfles Haar, ihr aufgelöst über den Nacken hängt, giebt sich einen ^»»«rlicheu Ruck — ich hör' es förmlich, wie sie sich tapfer »an »raut» zurust — reckt sich ein wenig, athmet tief — und-der Platz ist leer. Schade!- Eie scheint aber doch Frühauffteherin von Paffion. Denn sah ich sie alle Morgen kaum daß es hell wird, aus Veranda. Sie schreibt chann und liest — keine Goldrik oder Romane in auffallende« ^brigmaleiaband. — ihre Lectnrr Hat durch die Bank ei» sehr solides, dknnuol» of cpnservation, dacht' ich mir. Denn so eine kleine Echnlmeisterin — liebet Gott, die muß sich «tu kalt halte». Und dazu sind die Morgenstunden gut, wo die kleinen Plage» geister noch unschädlich sind . . ich meine die Kinder, die ihr doch den ganzen Tag wie die Kletten anhängeu. Heut' früh aber — sie ist einen Augenblick in's Zimmer gegangen und hat das Buch draußen liegen gelassen — und der Wind schlägt Blatt für Blatt langsam und bedächtig um — da hol' ich mir die ganze Veranda sammt Tisch und Buch mit Hilfe meines guten GlaseS bis dicht heran. Und es glückt mir denn auch, auf dem Titelblatte den großgedruckten Namen Ernest Renan zu entziffern . . . Nu bitt' ich Dich! Was sagst Du dazu? So ein keiner Blaustrumpf-Das hätt' ich wahrhaftig da nicht gesucht . . . Denn sie sieht so harmlos auS, so stomm, so gefühlvoll . . . Und liest Renan. Na, ob sie ihn ver» steht, fft fteilich 'ne and're Sache ... Indessen ... hm, hm . . . -A propos Blaustrumpf! Bei Tisch bin ich nämlich zwischen eine ganze Collection gelehrter mittelalterlicher Damen gerathen. Ohne Zweifel Schulmeisterinnen. Sttenge Amtsmiene, pedantisch emporgezogene Augenbrauen — Blicke, die Herz und Nieren prüfen und bei denen Einem längst vergessene Sünden wieder einfallen. . . o jerum!' Ueberhaupt Sttenge beim Weibe . . . Na, das Kapitel haben wir ja oft genug durchgesprochen. Doch ich bin ein Mensch, der gern in Frieden lebt mit seiner Nachbarschaft. So ließ ich von Anfang an nichts un» versucht, mich des Wohlwollens dieser Damen zu versichern. Nach rechts hin, wo das jüngste, gutmüthigste, aber auch häßlichste Fräulein saß, durfte ich mich eines gewissen bescheidenen Erfolgs rühmen. Wir tauschte» ein paar Wotte über schöne Touren, die wir gemacht hatten, überreichten uns keine Schüssel, ohne die verbindlichsten Höflichkeiten zu wechseln — kurz — ich hätte mich, den Umständen nach, wohlfühlen können — wenn nicht- Siehst Du, Alter, habe Gourmands gekannt, denen die Magenftage das Heiligste war, was dem Menschen überhaupt gegeben ist. — Eine Frau aber, die ihr Essen bezahlt, will auch darüber reden — und das thut sie mit einer Gründlichkeit . . . einer Gründlichkeit, sage ich Dir. . . Ich, dem die Dinerstunde ein nothivendigs Uebel ist, bin Physisch stets nur halb satt — moralisch aber so übersättigt von Tisch aufgestanden, als hätt' ich mich durch die Breimauer von Schlaraffenland durchgestesseu. Nun, ich habe »aus höheren Rücksichten" Alleüber mich ergehen lassen. Ich habe die sauersüßesten Blicke und stosttgsten Antworten mit dem LeidenSmnthe eines Heiligen hingenommen. Du bist einmal hier, dacht' ich, also schicke Dich in die Verhältnisse! Heut' Mittag aber, als ich meinem Fräulein die gewohnte Verbeugung machen will — seh' ich in die boshaft funkelnden Augen meines früheren vis-ä-vis, da» an ihre Stelle gerückt ist. Und so ein Gruß — ich erwidere ihn mit einem Blicke, der, in verständiges Deutsch übersetzt, ungefähr lautete: von mir hast Du keine Attentate zu fürchten. Die Geschichte aber gab mir doch zu denken. Meine gutmüthige Nachbarin war pro poena an eine entfernte Ecke gesetzt worden. Ich entdeckte sie dott während der Mahle». DaS arme Ding schlug erröthend und schuldbewußt die Auge» nieder, als ich sie grüßte. Sie mögen ihr gut die Hölle heiß gemacht haben. Eine vetteufelt exkusive Gesellschaft hier oben. Die meisten find zum zweiten, dritten Male hier, Alle» kennt sich. Die Gruppen halten zusammen wie Schwefel und Pech. Ich glaube, man braucht einen Empfehlungsbrief von einem Mimster- Präsidenten, um in Gnaden ausgenommen zu werden. Bi» jetzt habe ich frnlich die Geselligkeit wenig vermißt. Ja, Anfangs, im Genuß der langentbehrten Freiheü, Hab' ich mich am Ende sog« ei» bischen ablch»e»d »«chatten. Die

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