Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 43 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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erfüllt worden, und sie überhörten die weiteren, nicht eben sehr humanen Glossen, welche Wirth und Bote über den neuen Gegenstand ihrer Besprechung machten. — Als der Bote die Herberge verlassen hatte, richtete sich der Wirth an Naphtali: .Habt Jhr's gehört?" fragte er in einer Anwandlung von Laune. .Ihr könnt Euch nun auf die beste Art von der Welt 50 Thaler erwerben. Laust jetzt hinaus, armer Schlucker, vielleicht stöbctt ihr irgendwo einen Goldfisch, einen Juden, auf, und unsere Obrigkeit wird Euch dann schon die 50 Thaler aufzählen, mit denen Ihr wieder recht luftig leben könnt. Ja schaut, daß Ihr wo einen Juden kriegt, und Ihr könnt dann dafür einen ganzen Monat bei mir in Saus und Braus zubringen." In seinem tiefften Innern verletzt saß, Naphtali da, und seine Augen bohrten grübelnd in den Boden. Als der Wirth nach keiner spaßig sein sollenden Rede hinausgegangen war, entspann sich zwischen Naphtali und Rodnguez ein sehr ernstes Gespräch. Rodriguez fordette den Gefährten auf, ihn seinem Schicksale zu überlassen, und zu fliehen; Naphtali lehnte jedoch dieses Ansinnen entschieden ab, und es gelang ihm nach und nach Rodnguez zu beruhigen, und unter vergeblichen Bnathüngen, wo sie ohne alle Mittel sich den folgenden Tag hinbegebcn könnten, war der Abend hereingebrochen, und ermüdet von vorangegangener Angst, sank Rodriguez in einen wohlthätigen Schlaf auf sein Lager hin, neben ihm Naphtali, der jedoch die ganze Nacht kein Auge zugcthan hatte. — Am folgenden Morgen stand die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel, und noch immer schlief Rodriguez, in welchem eine Krankheitskrise vorzugehen schien. Der längst schon wache Wirth hatte seit mehr als einer Stunde hcnnngepoltett, um den lästigen Gast aufzuwecken, aber seine Mühe war umsonst. Nun riß dem Wirth« die Geduld, und mit seinen Händen rüttelte er den Kranken auf. .Auf!" schrie er ihm in's Ohr. .Auf, alter Fauler, Ihr habt lange genug auf dem Ohre gelegen! Macht Euch fettig, und seht, daß ihr fottkömmt. Schnürt Euer mageres Bündel, und scheett Euch mir vom Halse." Mühsam gehorchte der erwachte Mann dem rohen Befehle, und er war bald, so gut es ging, zur Wanderung bereit. Ta sah er sich nach Naphtali um, und dieser fehlte. .Was weiß ich, wo der Bursche hin ist!" brummte ihn der Witth an, als ihn Rodnguez nach dem Kekähtten fragte. .Bor einer Stunde war er noch da, wo er jetzt ist, das brkümmett mich wahrlich wenig. Wärt ihr nur auch schon fott bei Eurem sauberen Kumpan!" Dehmühttg bittend erwarb sich Rodnguez die Ettaubuiß, auf Naphtali's Zurückkunft harren zu dürfen. Aber es verging abermals eine Stunde, und Naphtali erschien nicht. Rodriguez konnte sich dies nicht enträtseln. Me noch hatte ihn Raphtali auf der Wandrung für so lange Zeit verlassen. Die verschiedensten Gedanken durchkreutztm sein Ge. Hirn. — Sollte vielleicht Naphtali in der Furcht vor Er. kcnuung und schmachvoller Ergreifung entflohen, und es envlich müde geworden sein, für seinen Herrn sich zu opfern? fast wünschte Rodnguez dies; denn, bei dem immer rege» Bewußtsein seiner Schuld, drückte ihn das wahrhaft außer» ordentliche Ausharren Raphtali'S bei ihm unendlich schwer. — Ja, so sehr er Naphtali's Arm bedurfte, so sehr hielt er fast freudig au der Muthmaßung fest, daß Raphtali'S Sdelmuth, welchen Rodriguez nicht mehr ertragm zu können glaubte, eudlich gebrochen sei. Da öffnete sich die Thüre und der Vermißte trat freudig und aufgeregt herein, und auf Rodriguez zu. Ihm aber folgten eine obrigkeitliche Person, und' mehrere Bavaffnete, die sich au der Thüre aufstellteu, um den Ausgang zu versperre». .Wo warst Du, und waS bedeuttt dieS?" fragte erstaunt' und besorgt Rodnguez. .Fragt nicht, mein guter Hcn!" ' erwidette Naphtali gedämpft. .Ich wußte sonst kein Mittel, alS dies, daS Ihr wohl errathet!" .Was isttS, was muß geschehen!" rief Rodnguez noch immer nicht enathend aus. .Verlassen muß ich Euch!" erwidette wie früher Naphtali. .Bettassen!" schne Rodnguez. .Bettassen, Du, Naphtali, mich verlassen!" .Verzeihung!" flehte Naphtali: .Aber bedenst, waS konnte ich Euch sonst wohl noch nützen. — Dafür aber kann ich Euch mit wahrem Entzück« die- Mittel zur Etteichung Eueres Reiseziels an die Hand geben." Und rasch wandte er sich an die Gerichtsperson, welche sich die. vorgehende Szene nicht zu enttätseln vermochte. .Gebt mir jetzt, mein Herr," redtte Naphtali diesen an, .die fünfzig Thaler, wie ich es zur Bedingung gemacht. Zaudert nicht, ich betrüge Euch nicht, da ich ja doch in Eurer Gewalt bleibe." .Und, wie es schien einer gemachten Uebereinkunft ge» mäß, zählte der Mann der Obrigkeit die 50 Thaler unge. säumt in Naphtali's Hand. Dieser schritt alsogleich auf Ro» driguez zu, und, ihm die erhaltene Summe übergebend, sprach er bewegt zu ihm: .Hier, mein theurer Herr, hin habt Ihr das Letztt. was Naphtali für Euch thun konnte! Nehmet es an, und beglückt dadurch Euren Dienn. — Lebt nun wohl! Und hin" und n reichte seine Hände den Bewaffntten hin, .nehmet mich nun fest, denn ich selbst bin dn Jude, den ich Euch zu überliefern versprach." .Naphtali!" schne mit verzweiflender Stimme Rodriguez. Naphtali abn stand lächelnd im Bewußtsein seiner That wie ein Sieger da, umgeben von kalten Menschen, die ihm abn ihre Theilnahme nicht entziehen konnten. Rodnguez jammette laut, und hatte sein Gesicht im wilden Schmnze mit den Händen verhüllt. .O gnechtes, unnbittnliches Geschick!" llagte er. Hast Du also noch nicht genug der glühenden Kohlen auf meiu Haupt gehäuft. O diese letzte Kohle glüht zu heiß, als daß sie mein Gehirn nicht versengen sollte!" Bestürzt ritte Naphtali auf den Jammernden zu, desse» Verstand er plötzlich zerrüttet glaubte. Rodnguez aber war nach einigen Minuten stillen Hinbrütens wiedn ruhiger ge» wottten, und klaren Auges blickte er auf Naphtali und die ihn Umgebenden. Er bat nun, daß man ihm gestatt« möge Naphtali ein Geständniß zu machen, denn er fühle eS, daß dies seine letzte Stunde sei, und dn Tod bereits die kalte Hand nach seinem Herzen ausgestreckt habe. Und begiettg lauschten Alle nun auf Rodnguez, der - klar und gedrängt die Geschichte seines Verbrechens «zählte»; wie wir sie dem lieben Leser bereit« mittheilten. , Dieses Geständniß machtt auf Naphtali und die Uebrige» einen um so erschütterndem Eindmck, als dn Erzähler in der.£ Schilderung sein« selbst ein gar zu tteun Mal« war. .Und nun" schloß Rodnguez, .nun begreift ihr eS wohl, 1 warum ich Raphtalijs T««e, die « mir so unerschütterlich^ bewies, glühende Kohl« nenne, von denen die Schrift redet»! glühende Kohlen, die in mein Haupt hinein brannten, bis zum, innersten Kern mein« schuldbeschwetten Seele! und nun b«-^ greift ihr eS, wie die letzte Aufopferung NaphtaliS für mich,1 — für mich, bot VerabscheuenSwetthen, die Zahl dn glühend«^ Kohlm voll mache» muß!" Stumm und «griff« standm alle um dm immerj schwäch« und schwäch« geworden« Bekenn« sein« bleich wie ein Marmorbild stand Raphtali da, von d» schiedeustm Gefühl« durchstürmt. — Das also war dmckle fdchqe A^iuug, die. « jedoch stet« unt «ei»" -