Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 43 (1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
43 (1894)
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/6492351-8722849-5962410--2489-5376670
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

k ft fr Jur Unlkrhattung und Belehrung für die israelitische Kamilie. va, „INSische £amilUwi>laH" erscheint wöchentlich als Gratis.» eila-r zur „Asraetitifchen wsch««schrift--. Je»«r ««et» «feigt« Na«ch»r»«I «es M(|(m »latt« (ft »«tersa-t. — Die Einzelnummer kostet 10 pff. bei der Expedition der „Jsr. tvochenschr." Glühende Aohlen. 21 Rovelle vou I. M. - (Schluß.) i t Der Erlös von Raphtoli'S Goldmünze war bereits aufgezehrt und ein heftiges Fieber hatte den erschöpften Rodriguez auf's hatte Strohlager geworfeu. Der hattherzige Witth hatte es ihnen schon angekündigt, daß er sie nur noch diese Nacht bei sich behalten wolle, mit dem ersten Morgenrufe deS Hahnes aber mögen sie irgendwo Unterkunft sucken. ES war eben nach dem Mittagsmahlc. Taktmäßig nickte der am Schenktische eingeschlafene Witth mit dem Kopfe, und auch die am vergitterten Fenster hingestreckt liegende gefleckte Katze schien dem löblichen Beispiele ihre- Hmn gefolgt zu sein. Reben dem unerquicklichen Lager debald fröstelnden, bald in Fieberhitze erglühenden Rodriguez saß ttaurig Raphtali, düster vor sich hin brütend. Da wurde mit einem Male die drückende Stille gestört, und alle Bewohner der Stube fuhren inSgesammt auf, als sich mit Geräusch die Thür öffnete, und ein neuer Gast sinttat, dessen siaenthümliche Reiterkleidung ihn als einen königlichen Staatsbooten erkennen ließ. Die lederne Tasche von der Schütter nehmend, warf er sie auf eine Bank, und auch die kothbes?sitzte Kopfbedeckung folgte der Tasche. Da erkannte der noch halbwache Witth den Fremden. »Eil Freund HolmSkjöld!" begrüßte er denselben. „DaS ist schön, daß Ihr unS wieder ein Mal besucht, um unsere altgebackenen Neuigkeiten durch nagelneue aus'S Haupt zu schlagen! 'S ist schon bald ein halbes Jahr, mein' ich, daß Ihr nicht in unserem Städtchen ward!" ,Ja"i erwiedette der Bote, „'S ist wahr! aber deßhalb will ich auch die paar Tage, die ich hier zu verweilen habe, so recht nach Herzenslust benützen. Bor allem Andern aber, Meister Witth, gebt mir was Herz- und MagenstärkcndeS, denn der heutige Ritt hat mich vetteufrlt hergenommen." Eiligst leiftete der Witth dem Wunsche deS neuen Gastes Folge, und der vettangte Imbiß nebst einem wohlgcfüllten Kruge lächelten bald höchst einladend dem müdeoejagten Boten entgegen. Vergebens suchte nun der Witth, der einer der Reuig» tzsitsüchtigsten auf Gottes Erde war, aus dem mit der Kauoperation sehr eifrig Beschäftigten die Zwecke seines Erscheinens in dem Städtchen herauSzuksiegen, denn der Bote war in seinem wichtigen Geschäfte unftörbar. Nachdem er aber endlich mit dem Inhalte der vor ihm sichenden Schüssel bis auf den tiefsten Grund fertig geworden war, und den in zwei Zügen .grleetten Krug zur Wieder- ^>Muug hiarsichte, warmer mittheilungslustiger geworden, und lächelnd wandte er sich an den, vor Neugierde alle Farben spielenden Witth. „Nun, mein liebster aller Witthe", redete er ihn an „nun könnt ihr frisch daraus losfragen; und, was ich weiß, das will ich Euch redlich mittheilen." „Wenn eS erlaubt ist", benützte der durch diese Ein. ladung ganz besceligte Witth. „so möchten wir wohl gerne wissen, was Euch denn eigentlich so eilends zu uns gebracht?" „Was mich hergebracht", erwiedette lachend der Bote, „ist wahrlich nicht viel wetth; denn mein Pferd, und dies hat miq doch wohl hergebracht, wird nicht mehr fähig sein, mich wieder retour zu bttngen. — Aber was ich hergebracht habe, das mag gewiß sehr wichtig sein, denn es find dies einige Briese an die löblicye Obrigkeit dieses Städtchens; was diese Briefe aber enthalten, kann ich leider nicht sagen, weil die Depeschen sämmtlich mit hartem Wachs versiegelt waren." Der Witth machte hier ein sehr komisches Gesicht ge» täuschter Erwartung, und verwünschte im Süllen alles Versiegeln von wichtigen Bücffchaften. Nachdem sich der Bote an dem höchst blöde dreinschauenden Witthe ergötzt hatte, beschloß er, vorzüglich in Anbttracht des zum dritten Male gefüllten Kruges, durch sine nachttäg. liche Mittheilung deS Witthes erschlaffte Pulse wieder zu beleben. „Nur einer einzigen Depesche Inhalt ist mir bekannt geworden", begann er gedehnt, und der Witth öffntte entzückt alle Schleusen seines Gehörs. „Und dies ist nämlich", fuhr der Bote fort: „der, bereits im ganzen Königreiche bekannt gewordene königliche Befehl, daß von nun an jeder in unserem Lande vorfindliche Jude eine Sttafe von 1000 Thalern zu enttichten habe, Jeder aber, der den Aufenthalt eines Juden angebe, oder noch besser ihn der betteffenden Behörde in Natura überliefere, eine Belohnung von 50 Thalern erhalte." „Ach! das ist ja eine herrliche Nachsicht, bester Freund HolmSkjöld!" rief der Witth auS. „Aber was ist denn die ngentliche Ursache dieser neuesten sehr löblichen Maaßregel?" „KannS nicht so genau sagen", entgegnete der Bote, etwas wichüg thuend, „aber, so viel ich vermuthe, sind es die mannigfachen Betrügersien, welche sich die Juden am Hofe mit falschen Kleinodien erlaubt haben sollen. — UebsigenS sei der Grund welcher immer, es schadet nichts, wmn man das Judenpack sinmal recht bsim Ohre nimmt!" . ,'S ist wahr, 'S ist lautere Wahrhsit!" bestätigte der Witth sehr salbungsvoll, und dachte dabei an den jüdischen Wucherer, dem er sin hübsches Sümmchen schuldsie. Rodriguez aber hatte sich während dieses Zwiegesprächs in höchster Angst von ssinem Lager erhoben, und faßte Naphtali'S Hand, wie zur'Flocht mahnend. Stumm blickte ihm dieser, der abwechselnd roth und blsich geworden war, entgegen. Beide waren von höchster Unruh«,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.