Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 41-42 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«in dämonische- Feuer sprühte hier in seinen Augen, — .denn wisse, ich bin es, der, um deine Befreiung aus den Händen deS alten Gatten herbeizuführen, die Bewaffneten hierhergelockt hatte, ja ich bin es, der, um den Himmel Deiner Liebe zu erobern, die Hülfe des Verbrechens nicht scheute! Beib, geliebtes Weib, o! zaudere nicht! Ich weiß cs ja, daß Du mich liebst, daß Tu mir meine Thal verzeihen mußt! Darum, o meine Judith, laß uns diesem Ott des Todes entfliehen!" Judith aber, deren besseres Selbst im entscheidenden Momente zum klaren Bewußtsein gelangte, ttat mit der Geberde tiefster Verachtung von dem von Leidenschaft so fürchterlich irre gcfühtten Verbrecher zurück, und die Majestät des Schmerzes, welche sich in ihrem edlen Antlitz ausgeprägt, imponirte dem Verräther dermaßen, daß er es nicht mehr wagte, das geliebte Weib mit seinen verbrecherischen Händen zu berühren. Da stürzte der Knabe 'Naphtali zu ihnen heran, verfolgt von mordlustigcn Soldaten, deren Muth von der hrldenmüthigcn Kühnheit erregt wurde, mit welcher 'Naphtali den Leichnam seiuer Schwester vor den plündernden Händen der Bewaffneten zu vettheidigen gewagt hatte. .Schützet mich, o Rodriguez!" rief 'Naphtali aus, und stürzte erschöpft zu des Angeredeten Füßen nieder. Tie Krieger fanden jedoch bald an dem prächtigen Geschmeide, das Judith ziettc, ein strebensmerthcrcs Ziel, und tobend drangen sie auf das wehrlose Weib ein. Hier stellte sich ihnen aber wie ein gereizter Löwe Rodriguez entgegen mit dem Bedeuten, daß es Keiner beim Verlust seines Lebens wagen möge, dies Weib oder den Knaben zu berühren. Die Krieger waren von der Entschlossenheit Rodriguez's werblüfft und eingcschüchtcrtj bald jedoch fanden sie es für höchst sttafmürdig, daß Rodnguez, ein Christ, das Judenweib und ihren Knaben beschützte, und unter den bittersten Verwünschungen drangendie Erbosten aus Judith's und Naphtali's kühnen Vertheidiger ein, und neben Judith's Leichnam sank Rodriguez zu Boden. — Laßt uns einen Schleier über den weiteren Verfolg dieser Gräuelsccne ziehen: wir wollen nur noch mitthcilen, daß nur wenige Juden sicy durch die Flucht retteten, und daß die meisten in der Gott geweihten Halle ihr Grab fanden. Es mar Mitternacht, als Rodriguez aus der Betäubung erwachte, in die ihn ein heftiger Faustschlag versetzt hatte, und grausend blickte er um sich, denn die nnr noch schwach brennenden'Lampen zeigten ihm in geisterhafter Beleuchtung das stumme Trauerbild blutiger Zerstörung, deren unmittelbarer Urheber er selbst war. und mit schrecklicher Stimme klagte ihn nun das eigene Gewissen an. Entsetzt raffte er sich auf, und suchte sich dem kalten Leichenknäuel, der ihn umgab, zu entwinden. Mühsam, denn seine Kraft mar gebrochen, gelang es ihm; und als er sich vollends erhoben hatte, war da» Erste, das er sah, Judith's verstümmelter Leichnam. Im heftigsten Schmerze warf er sich über denselben hin, und benetzte ihn mit heißen Zähren. Nachdem sich aber seine sündige Seele auSgeweint hatte, richtete er sich wieder auf, und, schon war er dem Ausgange des Gewölbes nahe, da drang ein leises Schluchzen an sein Ohr. Zaudernd hielt Rodriguez inne, lenste endlich seine wankenden Schritte einem Punste zu, auf dem sich in schmerzlichster Verzweiflung ein übendes Wesen noch bewegte, und woher das Schluchzen zu kommen schien. Er erkannte in dem Verzweifelnden den Knaben Naphtali, der unter Gottes mächtigem Schutze dem allgemeinen Tode entronnen war, und nun bei seiner tobten Schwester dem Schmerze freien Lauf ließ. Als Rodriguez dieser erschütternden Scene ansichtig wurde, da regten sich mit doppelter Kraft die Furien de» bösen Gewissens in chm, und scheu wollte er vor dem vor» wurfsreichen Bilde entfliehen. — Plötzlich aber hielt ihn ein Gedanke fest, der ihm vom Himniel gekommen schien, der Entschluß nämlich, sich des durch ihn verwaisten Knaben väterlich anzunchnicn und auf djcse Weise wenigstens theilweise die fürchterliche Mahnftimme in seinem Innern zu beschwichtigen. Wie ein nach erfrischender Quelle Lechzender in der Wüste, so sehnte sich Rodriguez nach Erfüllung dieser Idee, und ungesäumt näherte er sich dem Knaben. Erschreckt sprang Naphtali auf, als er aber Rodriguez erkannte, eilte er erfreut auf ihn zu. .Ihr lebt, Rodriguez!" rief er aus. .O! wie wohl thut's mir «nittcn in meinem Jammer, daß ivenigstens Ihr wohlbehalten seid! Seht, Alle sonst, die ich liebte, sind dahin. — Ihr aber, Rodriguez, der Ihr so cdelmüthig Euer Leben für mich und nieine arme Mutter wagtet, Ihr könnt, o Ihr werdet mich nicht verlassen, nicht verstoßen!" Und flehend erfaßte Naphtali des tief ergriffenen Mannes Hand. In seinem Innen« vor Scham über sein Verbrechen erglühend, wandte sich Rodriguez ttöstend zu Naphtali, und, ihn mit seinem Mantel vor der Nachtlust schützend, führte er ihn mit sich nach seiner Wohnung. Und von diesem Augenblicke an mar Rodriguez dem verwaisten Knaben ein Vater. Nachdem Rodriguez seine Geschäfte geordnet, sein Vermögen gesammelt hatte, verließ er mit Naphtali die Stadt, welche der Schauplatz seines Verbrechens «var. Er zog nach Hamburg, woselbst er sich als Kaufmann etablirtc, und überhäufte fortwährend Naphtali mit Wohlthatcn, nur hierin allein das Ziel seines nunmehrigen Lebens suchend. Nimmer aber konnte er es dahin bringen, daß Naphtali ihn anders, als seinen Wohlthätcr, seinen edlen Retter, seinen Herrn betrachtete, und die «vahrhaft herrliche Entwicklung von Naphtali» Fähigkeiten, und die Treue, mit welcher dieser seinen Gebieter zu belohnen strebte, «var diesem, wenn wir so sagen dürfen gerade nicht durchaus crsteulich; denn solchergestalt konnte Rodriguez seine reuevoll Seele nicht befriedigen, weil er doch immer Naphtali's Schuldner blieb. Lange «var Rodriguez in allen seinen Unternehmungen glücklich gewesen; mit einem Male «vendete sich sein Geschick, und ein Hotter Schlag folgte dem andern, — mißglückte Spekulationen, Krankheit und die Boten des hülflosen Alters; und endlich vernichtete eine bedeutende Handelskttsis seiner Zeit sein letztes Vermögen, und Rodnguez ward zum Bettler. — Arm, schwach, kränklich und alt, verließen ihn alle Freunde seines Glanzes, und nur Naphtali, dessen eigentliches Lebcnsglück er zerstött hatte, das er vergebens wieder auszu. bauen suchte, nur Naphtali, der Sohn des durch Rodriguez verrathenen und gemordeten Asrielo, nur 'Naphtali, der ein Mitgied war jener Gemeinde, d>e unter dem Schwerte verblutete, das Rodnguez herbeigcrufen hatte, nur dieser 'Naphtali blieb ihm treu, hielt als ein getreuer Knecht unveränderlich bei dein verlasseneu unglücklichen Herrn aus! In der dürftigen Lage in welcher Rodriguez nun versetzt «var, blieb ihm nichts übrig, als zu einem im Norden Dänemarks lebenden Verwandten zu ziehe», um daselbst die noch wenigen Jahre seines Daseins zu verleben. Tie Mittel aber zur Ausführung dieses Planes waren bald zu Ende, und den Verwandten brieflich um Unterstützung zur Weiterreise anzusprechen, dazu war Rodriguez zu stolz. 'Nachdem Rodnguez und Naphtali in jenem dänischen Städtchen angelangt «varen, von dem gleich im Anfänge dieser Erzählung die Rede war, hatten sie kaum die Hälfte ihrer Wanderung zurückgelegt, und, wie der freundliche Leser sich noch erinnern wird, ihr ganzer Reiseschatz war erschöpft. Wir wollen nun zu Rodnguez und Naphtali, den beiden müden Wanderern, in die Herberge zurückkehren. (Fvnstpung folg«.)