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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 41-42 (1894) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
41-42 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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in die Nähe der Glut bringen soll? Sahst du es nicht, wie schmachtend oft deines Weibes Auge aus Rodriguez ruhte? Sahst du es nicht, wie Rodriguez glühte, wenn er nur minutenlang mit deiner schönen Judith allein gewesen war? — Um aber Judith's Ehre, so viel uns möglich, zu retten, dürfen wir es nicht verschweigen, daß Rodnguez aus Judith's ,Munde nie ein Geständniß ihrer Neigung zu ihm vernommen batte, wohl aber glaubte er so manche Zeichen, in deren Entzifferung die Liebe so geschickt ist, zu seinen Gunsten deuten zu dürfen, und seine Leidenschaft sür Judith wuchs mit jedem Tage, und war zu jenem schwindelnden Punkte gediehe», aus dessen Gipfel der berühmte Römerspruch; »aut Cäsar aut nihil!« in Flammenzügen prangt. Wer Rodriguez mit dem ttcs eindnngenden Auge eines geübten Menschenkenners beachtet hätte, der würde das hereinbrechende Gewitter bald erkannt haben, denn in Rodriguez war mit einem Male eine merkliche Umstaltung vor sich, gegangen, und ein gewisses, öfters bemerkbares Hinbrütcn deutete auf die gährende Vorbereitung zu einem gewagten, aber um jeden Preis auszuführenden Unternehmen. — Cs war an einem Vorabend des Sabbaths, da befanden sich Asrielo und seine Familie in einem unterirdischen Theile des Hauses, dazu bestimmt daselbst die Gebete und religiösen Gebräuche zu verrichten. Ter Eingang zu diesem verborgenen Privatbethause war aus künstliche Weise dem Fremden verborgen, und selbst wenn er den Eingang zufällig gefunden. hätte, und einige Stufen hinabgcsttegen wäre, so würde er in dem unterirdischen Gange doch nichts Anderes, als eines jener vielen zur Waarenaufbcwahrung bestimmten Gewölbe vermuthet haben. Einige Stufen aber weiter gestaltete sich der geheime Gang bereits breiter und sorgfältiger gebaut, bis er endlich, in eine Marmorhalle ausmündend, zu einem großen eisernen Thore führte. Mittels eines unendlich schwer zu ermittelnden, geheimen Mechanismus sprang dieses auf, und nach Zurseitcschiebung eines schweren, grünen Vorhanges stellte sich ein großer, glänzend erleuchteter Saal dar, der alle Anzeichen seines Zwnkes besaß, und den Reichthum seines Gründers und Besitzers zur Genüge bekundete. Hier nun befanden sich am bezeichnetcn Abende, außer Asnelo und den Seinen, der größte Theil ihrer in derselben Stadt lebenden Glaubensgenossen, deren Zahl jedoch kaum fünfzig übersttcg. Die Versammlung dieser kleinen Gemeinde trug etwas eigenthümlich Feierliches an sich. Tenn die Verbergung ihres Glaubens im öffentlichen Leben mußte sie jämmtlich wahrhaft sehnsüchttg jene Momente ermatten lassen, wo es ihnen gestattet war, die drückende Hülle der Verstellung von sich ab-, sich selbst aber vor dem allmächtigen Gott ihrer Väter hinzuwerfen, begeistert und inbrünstig ihrer bangen Seelen auszusttömen, die gebundenen Zungen zu lösen, und in tiefempfundenem Gebete zu dem Herrn der Heerschaaren zu reden. Eben war eines der üblichen Gebete zu Ende, als plötzlich die Aufmerksamkeit der Versammlung durch ein, von Außen kommendes, immer lauter und näher schallendes Geräusch in Anspruch genommen wurde. Fragend blickten Alle aus Asnelo hin. Als aber dieser selbst und seine Angehörigen die allgemeine Verwunderung theilten, da überkam sie plötzlich Me ein unwiderstehliches Gefühl der Beängstigung, und gar manches Anttitz war bleich geworden, und, wie eine Heerde vor dem Gewitter bebender Schafe, drängen sich Alle bangend an einem Punkte zusammen, entsetzensvoll nach der fest verschlossenen eisernen Pfotte starrend. Das Geräusch war immer näher gekommen, Sttmmen unbekannter Männer und Waffengeklirre waren nun deutlich genug zu vcmehmen, um die bis in's innerster Mark schaudernden Versammlung die gegenwättige Sachlage erkennen zu lassen. .Wir sind verlachen!" sprach mit bebender Lippe Asrielo. | Diese einfachen Worte reichten hin, um Alle in einen allgemeinen Klageruf ausbrechen zu lassen. .Doch laßt uns an möglichste Rettung denken!" nahm endlich Asnelo, der sich zuerst faßte, das Wort. .Ich habe hier einen zur Meerseite führenden geheimen Ausweg und meine vor Ancker liegenden Schiffe können uns die schnelle Flucht möglich machen." „Wo, wo ist der Ausgang! Oeffne ihn, laß uns fliehen!" schrieen Alle durcheinander. Asrielo hatte Mühe die angstgejagtc Menge noch einen Moment aufzuhalten. „Wollt ihr uackt und arm, wollt ihr als Bettler entfliehen?" redete er sie an, „welches Land wird den armen Juden ausnehmen? Besinnt Euch! — Ich gebe alle Schätze, die sich hier und im Nebengewölbe befinden, preis. Rafft zusammen, was ihr könnt, denn dies wird unser gemeinsames Eigenthui.i sein! Eilet, furchtet nicht so schnell einen Ileberfall, denn die eiscmc Pforte wird der eindnngenden Macht von tausend Menschenhänden nicht weichen, und das Geheimniß zu ihrer Eröffnung weiß außer Gott und mir, Niemand als Rodriguez, und diesen fürchte ich nicht!" Und Männer, Weiber und Kinder legten nun eiligst Hand ans Werk, und beluden sich mit den aufgespeichetten Schätzen. Alles war thätig und von dem Anblick der vor ihnen schimmernden Reichthümcr geblendet, überhörten sie fast das immer tobender werdende Getöse vor der Pfotte. Plötzlich aber verstummte dasselbe mit einem Male, und kurz darauf, ohne einen gewaltsamen Hebel anzuwenden, sprangen die beiden Flügel der uneröffenbaren Pforte weit auf, und eine Menge beutelüsterner Bewaffneter stürzte jubelnd und fluchend herein, und auf die vom Schreck gelähmten Kinder Israels los! — Für vogelfrei war damal jeder, im Lande Vorgefundene Jude erklätt, und die rauhen Eindringlinge kannten nur zu sehr den Umfang ihres Rechtes, denn ohne alles Mitleid hieben sie in die wehrlosen Menschen ein, rissen den klagenden, händeringendcn Weibern das schimmernde Geschmeide vom Leibe, und was sich widersetzen wollte, mußte dem blnttriefenden Mordstahle weichen. Es war ein gräßliches Morden, eine fürchterliche Szene! Vor seinen Augen sah Asnelo seine geliebte Tochter, die zatte Esther, in den nervigen Armen eines lüsternen Soldaten, der in roher Leidenschaft das schöne Kind umfaßte, und, als sich das verzweiflungsvolle Mädchen aus allen Kräften zu wehren suchte, da stieß der Herzlose, dieses Spieles satt, ihr den zweischneidigen Dolch in die Alabasterbrnst. Asnelo's Wehruf erstarb auf seinen Lippen, denn ein Schwettstteich fiel auf das graue Haupt des jammernden Vaters, und er fiel todt zur Erde. In diesem Momente näherte sich der in Verzweiflung aufgelöst?» Judith, Asnelo's Weibe, ein Vermummter, und ihre Hand ergreifend, suchte er sic mit sich aus dem Gemetzel fottzuziehen. Als sich aber Judith dagegen wehtte, da schlug der Verhüllte den Mantel zurück, und — Rodnguez stand vor ihr. Und neuerdings forderte er sic auf, chm zu folgen. „Was willst Du beginnen?" ftagte sie zögernd. „Fliehen, fliehen sollst Du mit mir, um sür ewig dann mein zu sein!" erwidctte Rodnguez mit wilder Leidenschaft das in seinem Schmerze noch schöner gewordene Weib umschlingend. Ein Blick der Ueberraschung war Judich's Antwott hierauf. „Sahst Du es nicht, wie dott Dein Gatte fiel?" fuhr Rodnguez, immer leidenschaftlicher werdend, fort. Du bist nun frei! Judith, meine himmlische Judith, laß uns den Augenblick benützen und entfliehen!" Judich schauderte zusammen und wehtte ihn ab. „Du willst nicht?" drang Rodnguez in sie. „Du nullst nicht! Ward ich denn nicht um Deinetwillen zum Berräther y an ASrielo und allen Uebngeu hier? Denn wisse," — und

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