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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 40 (1894) · p. Seite 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
40 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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150 Mit Fahnen, Heiligenbildern, Weihrauchfässern und Gesang zogen die Popen mit ihren Anhang zum Flusse hin, ich mitten drin, wie ein Opferlamm, denn Zobeide schritt mit ihrem großen Gebetbuch an meiner Seite und da gab es keine Rettung. Viele russische Bauern waren in dem Zuge, die aus weiter Ferne, manche sogar zu Fuß, zum heiligen Grabe gewandert waren. Mit diesen war auch nicht zu spaßen. Sie saugen ihre Hymnen aus voller Brust mit ihren tiefen Baßstimmen und blickte» finster vor sich hin in ihrem Glaubcnseifer. Nun ging bei herrlichem Gesang — denn sie singen schön, die orthodoxen Russen — der Spektakel an. Wie wahnsinnig stürzten sich die bärtigen Bauern in das Wasser und andere Russen folgten ihrem Beispiel. „Nun," sprach der Pope, mein Beschützer, zu mir, „vorwärts, willst Du zurückbleiben? Frisch in's Wasser, als Ncubekehrter mußt Du Deinen Eifer zeigen." Ich klapperte mit den Zähnen, es war mir schauerlich kalt schon beim Anblick des vielen Wassers, aber ich trat heran und machte Anstalt hineinzugehen. Es währte jedoch etwas lange, ehe mir die richtige Courage kam. Da gab mir meine Frau einen Stoß in den Rücken, und plumps, lag ich im Jordan und zappelte' in dem Wasser wie ein ertrinkender Frosch." „Aber höre, Jussuf, ein Frosch kann ja gar nicht ertrinken!" „Ich bin ja auch nicht ertrunken, Herr, sonst ginge ich ja nicht so fröhlich an Ihrer Seite nnd erzählte Ihnen meine Handelsgeschichten." Damals kam ich übel genug an, ich traf trotz aller Vorsicht zwei Geistliche in der Kirche, einen katholischen und einen onhodoxen Popen. Beide gingen auf mich zu, der eine nannte mich Johannes, der andere rief mich Nikolaus, das Weitere können Sie sich denken. Es half mir wenig, daß ich die Flucht ergriff, der Pope steckte es sofort meiner schönen Zobeide, und als ich nach Hause geschlichen kam, lag der Bambus bereit. Diesmal trieb mich nicht die Nothwendigkeit, sondern eine An Wuth gegen den Popenglauben, der orthodoxen Kirche dm Rücken zu kehren und mich in die englische aufnehmm zu lassen. Zobeide beruhigte sich sofoN, als sie sah, daß England noch einträglicher war, als Rußland. Es war eine englische Dame, die mich bekehrte, nicht mehr jung, auch nicht hübsch, groß, hager, mit Händm und Füßen wie einst die Riesen in Kanaan sie gehabt haben mochtm, und rothem Haar, das in der Sonne zu brennen schien Im Uebrigm war es eine gute Dame, sie betete nur gar zu viel und hielt auch mich zum Beten an. Von ihr erhielt ich dm Ramm Abraham. Beschwerlich waren ihre Ausflüge in die Umgebung von Jerusalem. Die gute Dame hatte es sich in dm Kops gesetzt, möglichst viele Seelen zu retten. Wenn sie ihren Raptus bekam, bestiegen wir zwei fromme Maulthiere, cut drittes war mit Bibeln des mglischm Bibelvereins in den verschiedenen Landessprachen, allerhand Arzneien, nützlichen Kleinigkeiten für dm Hausgebrauch und Spielzeug beladen. Ein halbes Dutzmd bewaffneter Beduinen begleitete uns. Laut Psalmen singend, zogen wir in die Otte ein, und wenn Jung und Alt um uns versammelt war, wurde erst von da stammen Dame eine schöne Predigt abgehalten, und dann vettheiltc sie die Arzneien, die kleinm Geschenke und das Spielzeug, zuletzt kämm die Bibeln. Ich blieb einmal zurück, um zu sehen, was die Leute mit diesen Gaben anfingen; da sah ich mit betrübtem Herzm, daß sie alles Andere behielten, die Bibeln aba sofott wegwarfen. Als die gute englische Dame abgaeist war, machte ich einm ueum Handel mit meina Seele. Ich wurde Kopte und erhielt dm Ramm Hanna. Da berühtte mich denn Manches fondabar. Einmal schon, daß auf dm Kirchenbildern Alles schwarz war, Gottvata, die heilige Mutta, Jesus, die Apostel, die Helligm. Roch wmiga behagtm mir die Bußübuugrn. Darm find jo die Kopten noch schrecklicha alS die orchodoxm Russen. Da war einmal kein so gemüthliches Fasten wie bei denen in den braunen Kutten, nein, das war jcdesinal da halbe Hungerstod. Ich schlich mich zur Fastmzeit, wo ich mich so zu sagen jedesmal von da Luft nähren mußte, wie ein Gespenst umher und mußte noch überdies sehen, wie meine Frau mit dem besten Appetit aß, dmn sie war natürlich keine Koptin geworden. Sie ist schlau! Noch schrecklicha als das Fasten waren mir die Bußübungen in da Kirche, da mußtm wi. in Reihen auf den kalten Steinen liegm, und die Andaen trampelten auf uns haum wie die Esel beim Getreidedreschen, und wenn wir aufstandm, waren ivir wirklich wie gedroschen, dann hieß es Psalmen singen, bis wir heiser wurden, und zu guterletzt kam die sogenannte Disciplin, daß Geißeln. Wahrhaftig, mein Rücken ist durch die liebevolle Behandlung meina Frau mit dem Bambus gmügend abgehärtet, aber die Geißel, das ist da reine Scorpion, — das beißt und brennt und zwickt, es ist gerade so, als ob ein Panther uns seine Krallen in den Rückm bohren und wieder loslassen und immer wieda von Neuem zerfleischen würde. Als wieber die Zeit da Bußübungen nahte, lief ich sott und schwor meinen qualvollen Glauben ab. Zobeide war steilich böse darüba, ober gegenüber dm Peinigungm der Kopten erschien mir da Bambus als eine wahre Erholung. Es ist entschiedm das Angenehmste, wenn man ungedroschen durch das Leben pilgern kann. Wenn es aber nicht andas sein kann, so ist es doch jedenfalls angenehmer, von einem schönen Weibe geprügelt zu werden, als von zwei schwarzen Teufelskerlm. Zum Glück fand ich jetzt einen deutschen Gelehttm, einen Protestanten, da mich bekehrte und mir den Namen Martin gab. Er reist im gelobtm Lande umha und schreibt sich Alles, was a sieht uud hört, gmau auf. Ich glaube, es soll später ein dickes Buch geben. Ich bin sein FamuluS, so nennt a mich nämlich, begleite ihn und diene ihm in Allem. Mir scheint seine Kirche die beste, es giebt da ein hübsches Gehalt, und noch bessa ist das, was es nicht giebt, nämlich keine langen Gebete, kein Psalmensingen, keine Ostertaufe, kein Fastm und vor Allem keine Prügel. Ich glaub«, ich wade dabei bleiben, um so mehr, als da Bambus seitha wieda Spinnweben angesetzt hat."- Soweit mein Freund Jussuf, da mir anfangs als ein Phänomen crschim. Bald matte ich jedoch, daß diesa seitsame Handelsmann kein Individuum, am wenigsten ein Original, sondern ein ziemlich verbreiteter Typus war. Es ist ja begreiflich, daß eifrige Geister den Glauben, den sie für den alleinseligmachenden halten, zu vabreiten suchen, aba man Jussuf beweist so recht, wohin die Vekehrungswuth führt. Tie frommen Männa und Frauen, welche mit so viel bewundernswettha Auforpferung in fremden Welttheilen Neger, Beduinen, Indier und Chinesen zu bekehren suchen — haben sie im eigenen Lande keine Aufgabe zu erfüllen? Jene Armen und Vazweifelten, die aus Noth zu Verbrechern werden, wäre die wakthättge Propaganda bei ihnen nicht viel bessa am Platze? vnd die Mittel, welche angewendet waden, scheinen auch nicht immer die richtigen zu sein, denn sie aziehen Heuchln und Schelme, wie unsan Jussuf. Das beste Mittel schient mir noch imma jenes, das da weise Nathan empfiehtt, nämlich: ein Gott und den Menschen gefälliges Leben und vor allem Duldung und Liebe! Lin nettes Programm. Bon S. R. Margulie«. ' „Hülsteich sei der Mensch, edel und gut" — da sage Einer, ob diese vortrefflichen Eigenschaften, wohl irgendwo so vollkommen anzutteffen sind, als — bei den Haren Antisemiten! Jede Kundgebung, die von diesa Pattei au-fleht, strotzt nur so von Nächstenliebe und HerzenSgüte; in jeder

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