Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 40 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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160 ihrer Willensäußerungen offenbart sich ein edler Sinn, dem man die vollste Bewunderung zollen muß. — Wenn man sie nur ungehindert schalten ließe! wenn erst die ganze Welt von ihren Prinzipien durchdrungen wäre! — wie glücklich könnten ' alle Menschen hienieden sein! wie würde jegliches Unbehagen, jede Unzufriedenheit aus der Gesellschaft verschwinden! Und selbst die Juden — die doch nun einmal eine minderwerthige Klasse von Menschen sind, — wie wohl würde es ihnen sein, wenn jene hochherzigen Männer ihre segensreichen, allbeglückenden Ideen verwirklichen könnten. Sie meinen es ja so gut mit Allen, und auch mit den Hebräern, trotzdem sie sie zuweilen — das thut ja aber auch ein liebender Vater — die Ruthe etwas fühlen lassen. Man sieht das Gute nur nicht sofort ein, und sie werden verkannt, ach, sie werden verkannt, die edlen Ritter vom Antisemitismus! Und wie eminent tüchtig, wie klug sind diese Herren, und wie gediegen ist alles, was sie ersinnen! Wer sich bis jetzt noch nicht davon überzeugt hat, der lese nur ihr neustes Programm und er wird bekennen müssen, daß die edelsten Grundsätze, mit Vernunft und Weisheit gepaart, aus demselben hervorleuchten. Es mußte auch deshalb sehr verblüffen, daß eine so großartige Emanation, wie die neuste Kundgebung dieser Geistesheroen ist, von der Tagespreise so wenig betrachtet wurde; geradezu unverschämt fänden wir es aber, daß einige Blätter das Programm als eine Spielerei unreifer Kindern bezeichueten. Man ersieht daraus, wie wenig reif die Menschen noch sind, um ein gesundes Urtheil über wichtige Tinge abzugeben. Ist vielleicht die Idee, Deutschland in ein „Wahlkaiser- Üjum" umzuwandeln, nicht großartig? Ist die Ausmerzung des alten Testaments aus dem antisemitisch geläuterten Ehristenthum nicht ein herrlicher Gedanke? Was soll noch heute die alte Bibel, die zwar viele schöne, göttliche Lehren enthält, z. B. das Gebot: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, aber in so vager Fassung, daß man meinen könnte, es wäre gar kein Unterschied zu machen zwischen Mensch und Mensch; was soll die alte Bibel, die, wo man ein Blatt ausschlägt, so unpopuläre Namen wie: Moses, Abraham, Josef u. s. w. aufweist? Vom Gott der Juden stammt sie, geben wir sie den Juden zurück! — Kann man sich eine gerechtere Restitutton denken? — Minder gerecht, vielleicht sogar etwas hatt. scheint aus den erften Blick eine andere Besttmmung im Programm, nähmlich die, den Juden in Deutschland all' ihr Hab' und Gut abzunehmm — aber abgesehen davon, daß Geld ja nur eine Chimäre ist, werden sie da nicht auf andere Weise reichlich entschädigt? Man läßt ihnen ja den Talmud, und der Handel mit talmudischen Büchern wird sie ganz gut ernähren können. — Daß dieser Handel «stn sehr ausgiebiger werde, um ihnen allen das tägliche Brod reichlich zu verschaffen, dafür ist durch einige weitere Paragraphen im neuen Staatshaushaltmtwurs weislich vorgesorgt. Es soll eben das talmudlesende Publikum unter den Juden, das dermalen noch ein sehr beschränktes ist, stark erweitert und auf alle, die sichzum Judmthum bekennen, durch das neue Dekret ausgedehnt werden. Tenn — und darin liegt eben die tiefe Logik — alle Juden müssen sich als Talmudjuden erkären, müssen erklären, daß jedes Wort, das un Talmud steht, oder auch nur hineingedacht werden könnte, für sie bindend ist; folglich müssen sie alle, Mann und Weib und Kind, den Talmud von A bis Z studiren, und verstehen ihn Alle noch nicht, so sollen sie sich die Kenntnisse aber rasch erwerben. Gewiß wird ein Rohling, oder eine andere antisemitische Capazität schon die Liebenswürdigkeit haben, sie darin — da ihnen alles Geld abgenommen wird — unentgeltlich zu unter, weisen. Nun sage uns Einer, wozu die Juden dann noch Geld brauchen und ob der Plan, sie alles Mammons zu berauben, nicht im schönsten Lichte erscheint? Liegt nicht sogar eine unverkennbar religiös-moralische Absiche darin, die Juden im Gottes vertrauen zu bestücken, indem man sie von allen Verantwort!. Redakteur M. Rahmer, Druck Letsiner k D materiellen Gütern, befreit? — Vielleicht fiel auch den gut» müthigen Herren bei ihrer geplanten Expropriirung der deutschen Semiten jene Geschichte ein, die sich einmal im Czarenreich« zwischen einem Juden nnd einem russischen Soldaten zugettagen, und sie basitten darauf ihr System? Die Geschichte ist lehrreich, und keineswegs erfunden: . Wandert da einst ein.armer Hebräer mit seinem Tallis» beutel, dem einzigen Packen, unterm Arm auf einsamem Wege und begegnet einem stark nach «Wodki"*) riechenden' Sohne des Mars. «Halt, Jud', dein Geld her!" ruft ihm dei Moskowiter zu. — «Ich besitze nichts" — «Und was enthält dieser Beutel in Deiner Hand?" — «Meinen TalliS" — «Wozu dient der?" — «Darin bete ich täglich zu Gott." — „Und erhört er Dein Gebet?" — «Der Gott meiner Väter hat mich schon oft erhött« — Der Soldat schien milder gestimmt. «Weißt Tu was, Jud', ich will Dir einen Vorschlag zur Güte machen; ziehe Du Deinen Tallis an und bete zu Deinem Gott, er möge Dir etwas Geld bescheeren; ich will nach meiner Att mein Gebet verrichten; wir durch» suchen uns dann gegenseitig die Taschen, und wer Erhörung gefunden, dertheitt dann mit dem Andern brüderlich." — So geschah es, und nun wurde die Wirkung des Gebetes erprobt. Beim Soldaten war keine Kopeke zu finden — er kam aus der Schenke. Aus der Westentasche des Juden wurden zwei Papicrrubel hervorgeholt — er kam auS dem Bethaus. Es wurde gctheilt, und beide trennten sich in bester Freundschaft. Kaum aber hatte sich der Jude ein Stück Wegs entfernt, da macht der Freund Kehtt-um und rennt ihm nach; er bleibt stehe-i: — «Mein lieber Moschko, ich habe mir die Sache überlegt, die Theilung war unkorrekt. Da ich Dir den Tallis lasse, mußt Tu mir auch den letzten Rubel geben und magst Du Dir von Deinem Gott einen andern erbitten!" — Hat etwa der Soldat nicht sehr gerecht gehandelt?! Viele andere schöne Bestimmungen, die das so kurze und doch so reichhaltige Propramm enthält, übergehen wir ganz, da die edlen Absichten ja in die Augen springen. So z. B., daß die getauften Juden bis zu einer gewissen Generatton dm Stammbrüdern wieder zurückgegcben werden sollm. Welche Güte! Welcher schöne Zuwachs für Israel! — Seht, so uneigennützig sind die guten Antisemiten! Es darf aber nicht wnndern, wenn man nicht alle Getauften zurückbekommt, und wenn sie vielleicht einen Paulus Meyer fiir sich behalten. Man kann ja nicht alle Kostbarkeiten weggebm! Nur in einem Punkte bedarf das wunderherrliche Programm einer kleinm Ergänzung. Es wird.dann gesagt, daß die Juden, nachdem man ihr Vermögen mit strenger Ge» wissmhaftigkeit unter die ehrlichen christlichen Arbeiter, (z. B. Ahlwardt u. s. w.) verkheilt habm wird, nach Kolonien verschickt werdm sollm; es ist aber nicht angegeben: wohin? Man sei aber trotzdem ganz mhig; dmn bei so viel väterlicher Vorsorge, wie sie hier zu Tage tritt, unterliegt es keinem Zweifel, daß es ein schönes Stück Erde, ein kleines Paradies sein wird, so ihnm die guten Herrm verheißen. Und so schließm wir vcttrauensvoll unsere hmttgm Bettachtungen über dieses allerhcrrlichste Patteiprogramm und wünschen, es möge jenen eblen Menschenfreunden gelingm, noch recht viele so großarttge Entwürfe an's Tageslicht zu ’A fördern, auf daß alle Deutschen und alle Völker dm Erde inne werdm, wie hilfreich, edel und gut, und — ge* scheidt die Antisemiten sind! — *) Schnaps. Anhalt, Stützende Sohle». Novelle von I. SR. — Jnffnf, •*»/ Mit seiner Seele handelt. Bon Leopold von Sacher.M«s»ch4 (Schluß.) — M» nette« PtwOruM». Bo» S. «. vtaraulie». -wfS^veSa, d« .«Meditio«?, lnWdagdednr, re