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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 40 (1894) · p. Seite 158

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
40 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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— - 158 — chm war noch eine bedeutende Strecke entfernt Naphtali legte daher seinem Herrn dm eigmen Mantel um die Schultern, und so setztm sie schweigend ihre Wanderung fort, wie vorhin, der Alte aus seinm Gesährtm gestützt, und wie trauernde Nebelgestalten schritten sie dahin. Ehe sie aber noch durch das alterthümliche Thor des Städtchens gingen, griff der Alte in die Tasche seines faltigen Rockes, und es zeigte sich nun, daß die bedeutend zusammengefchrumpfte Baarschast keineswegs hinreiche, um Beiden die ersehnten Genüsse eines Nachtlagers zu gewähren. — Zaghai» wandtm sie sich darum an den feisten Wirth der ersten sich ihnen darstellenden Herberge, und schon dieser erste Versuch, in dem ihnm gänzlich ftemden Städtchen, war kein erfreulicher; dmn der angcredete Wirth war unmenschlich genug, dm sichtbar kranken, alten Mann und dessen Begleiter ttirz abzuweism, weil er es den beidm Fremdlingen gleich auf dm ersten Blick ansah, daß es mit ihrer Börse nicht gar weit her sein dürfte, zu welcher Erkmntniß aber ebm kein sehr geübtes Auge gehörre, da das Costüme der beidm Wanderer von dem Geschicke seiner Besitzer ebm keine erfreuliche Kunde zu gebm im Stande war. Schon wollte der arme, alte Mann im zum Herzen dringenden Tone der Wehmuth dem abwehrenden Wirthe eine Schilderung seiner drückmdm Lage liefem, schon hob er die Hände wie ein um Almosen Flehender auf, da hinderte ihn Naphtali durch eine rasche Bewegung daran, und eine, an seidmer Schnur um seinm Hals hängende Goldmünze herabnehmmd, reichte er sie dem überraschten Wirte hin. „Was thust Du?" ftagte Naphtali's Gefährte erstaunt und vorwurfsvoll. „Das letzte Andmkm an Deine tobte Mutter gibst Du hin? Naphtali!" Dieser aber blickte den Sprechmdm mit einem Blicke an, in welchem der schwere Kampf, dm ihm die rasche Trmnung von dem theuern Andmkm verursachte, deutlich gmug zu lesm war, und als mdlich der Wirtb, der sich auf Goldsachm ziemlich zu verstehen schim, die Goldmünze, trotz ihres fremdländischen Gepräges, gegm Entrichtung, ohne Zweifel des halben Werthes an sich zu bringm gmeigt war, da ergriff Naphtali noch einmal das so lange aufbewahrte Souvenir, und es wehmuthsvoll betrachtmd, drückte er einm Kuß darauf, und händigte dann rasch dem fteundlicher gewordenen Wirthe die Münze ein. Als aber der alte Mann seinem treum Naphtali dankbar die Hand drückte, und in's Antlitz schaute, da war ein gar sonderbares Gemisch von Frmde und WehmMh darauf ausgeprägt. Sie tratm nun in die Herberge ein, und bald hatte der mildthätige Schlaf seinen Balsam über die müdm Wanderer auSgegossm. — Um jedoch dm Grund und die vorangegangme Ursache deS außergewöhnlichm Verhältnisses zu erfahrm, in welchem die beidm Wanderer zu einander erscheinen, müssm wirs auf eine Reihe von Jahrm zurückgreifm, auf Begebenheiten, die damals im schönm Spanim sich zugettagm hattm. (Fortsetzung folgt.) 3uffuf, der mit seiner Seele handelt. Bon Leopold von Sacher-Masoch. (Schluß.) Dieser Vorschlag gefiel mir; Zobeide lrhtte mich die beidm Gebtte und ich stellte mich vor dm Kirchm und Gasthöfm auf und betete laut, wmn Jemand vorüber kam, dem ich eine fromme Gabe zuttaum konnte, und verdimte viel Geld. Aber einmal geschah es mir, daß ich eine französische Dame für eine Engländerin ansah und daß falsche Gebet hersagtr, da kam unglücklicher Weise ein Franziskaner daher, der mich kannte, und ich bekam eine doppelte Tracht Prügel, die erste von dem Münch, die zweite von meiner Frau. i Ich wagte seitdem mein Geschäft nicht weiter zu betteibm, da kam zu rechter Zeit ein armenischer Priester, dem ich ge» fiel und der sich meiner anuahm. Ta es ein nobler Mann war, der mir täglich ein hübsches Geschenk machte, gefiel mir sein Glaube auch, und ich ließ mich bekehren. Damals be» kam ich den Ramm Jssa. Der Armmier hatte eine Seele gewonnen und ich ein angmehmes Lebm. denn er empfahl mich Allen, die seines Glaubens waren, und ich fand Gelegenheit, mit kleinen Dienstleistungen Manches zu verdienen. Wir waren Alle zufrieden, er, ich und meine Frau. Da verließ mein Beschützer das Gelobte Land und bald fing es wieder an, mir krumm zu gehen. Ich fand aber, als die Noth am größten war und Zobeide einen allzu verschwenderischen Gebrauch von ihrem Bambus machte, einen katholischen Mönch, der sich der leichten Mühe unterzog, mich zum zweiten Mal zu bekehren. Ohne Besinnen, ja freudig gab ich meine Seele hin, wurde Johannes genannt und reich beschmkt. Zobeide lächelte wieder und der Bambus wurde diesmal in der Ecke nicht nur mit Staub, sondern sogar mit Spinnweben überzogen. Als aber das erste Geschenk verbraucht war, die Almosen nicht mehr so reichlich flössen und ich wieder arbeiten sollte, was mir gar nicht gefiel, reinigte Zobeide eines.Tages den Bambus und nahm mich wieder tüchttg vor. Ich wand mich wie ein Wurm unter ihren Hieben und flehte versprach Alles, was sie nur wollte weinte und warf mich zur Erde, vergebens, ich bekam nur noch Fußtritte zu den Bambushieben dazu. „Du schlägst mich ja wie einen Esel," jammette ich. „Du bist auch ein Esel." „Tu trittst mich wie einm Hund!" „Du bist auch wie ein Hund, ttäge und unnütz." Endlich hielt sie inne. „Willst Du gehorchm? — Ja?" „Bemünftig sein?" "Zu welchem Zweck, da Du so klug bist und für mich dmfft?" „Also, ich weiß etwas für Dich." „Warum hast Du das nicht früher gesagt?" „Weil Tu wie ein Jnstruwmt bist; wenn man auf Dir spielen will, muß man Dich erst sttmmen." „Gesttmmt bin ich jetzt gerade gmug," erwidette ich seufzmd, „also spiele jetzt auf mir." „Ich weiß einm Mann," fnhr Zobeide fott, „mit dem kannst Du einm ttefflichm Seelenhandel machm. Ein russischer Pope ist es und reich, Du weißt ja, die Russm und die Engländer sind die reichstm Leute auf der Welt und sparm chre Goldstücke nicht, wenn es gilt, eine Seele zu gewinnm. Willst Du zu dem Popm gehen?" „Du stagst noch, Zobeide, habe ich dmn überhaupt noch einm Willm, muß ich nicht thun, was Dir beliebt? Aber stell' erst den Bambus in die Ecke." So ging ich dmn zu dem Popm, einem stattlichm Mann mit langem Batt. Der nahm eS aber sehr genau, das war eine langweilige Geschichte. Er lehrte mich wie ein Kind und prüfte mich, und wmn ich Fehler machte, fing er wieder von vom an. Aber dafür gab eS diesmal Rubel, viele Rubel — die blitzten wie Sonnmschein — wir hattm unsere Freude daran. Diesmal ließ sich auch Zobäde bekehrm. Ich mtdeckte zu spät leider, daß sie es wmiger der blitzmdm Rubel, als dem schönm Batte des stattlichm Popm zu lieb that, was wollte ich aber nachttäglich machm? Dazu der verdammte Bambus! Ich hieß also jetzt Nicolaus und gehörte der griechische» oder, wie sie auch gmaunt wird, der otthodoxm Kirche au. Es gefiel mir auch ganz gut, um so mehr, als ich auf Empfehlung des Popen im russischen Konsulat als Dolmetsch und Führ« angestellt wurde und ein hübsches Gehalt erhielt^ Nur eins wollte mir nicht pässm: der sogenannte^ Jordan, die Ostettaufe, wie sie bei dm Moskowitem üblich.^ Ich war niemals ein Liebhaber von kaltem Wasser gewesen,^ und nun sollte ich mich, so wie mich Gott erschaffe», hinein-: stürzen. DaS war zu viel vettangt!

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