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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 40 (1894) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
40 (1894)
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1894. Nr. 40. ZMsches Hnausgeaeben von vr. AI. Rahnier in Maadeburg. Hur Nnterhaliung unö Delrhrung für die israelitische Mmilie. Das .fomtlicnblatt" erscheint wöchentlich als Gratis Setlage zur „J»»a«lMs«hen N).<t?ens«chrisb<. Jede» »«besiegt« itad/bnut «,»« tiefem Blatte ist »»teesagt. — Die Linzrlnummer kostet s» §>sgbei der Expedition der .Isr. lvochenfchr." Glühende Kohlen. Novelle vo» I. M. Es war an einem Spätherbstabend des Jahres 1651, da schritten durch eine einsame, lautlose Gegend zwei Wanderer einer kleinen Stadt in Dänemark zu. Ter letzte Abschiedsstrahlen der untergehenden Sonne zog sich als ein langer Purpurstreifen an den äußersten Enden des Horizontes hin, aber noch immer lichtkrästig genug, das flache Land, durch welches unsere Wanderer schritten, mit einem belebenden lnchten Roth zu übtrströmen. Auf einem kleinen Hügel angelangt, hielten die Wanderer inne, und der eine von ihnen, eine schöne, kräftige und jugendliche Gestalt, auf welche sich der zweite, ein bejahrter'Mann, mühsam stützte, hielt die nervige, aber doch' schön geformte Hand, gegen die Lichtblendung -schlitzend, vor die feurigen schwarzen Augen, sehnsüchtig nach dem endlichen Ziele ihrer Tagesreise spähend. Während der Jüngere, den' rechten Weg, von dem sie abgekommen zu sein schimen, auszufinden sich bemühte, benützte der Andere, dessen Antlitz fahl und krankhaft aussah, den Ruhepunkt, um seinen ermüdeten Gliedern Erholung zu gönnen. Aber die Kräfte des alten Wanderers schienen durch Jahre, Mühen und Krankheit, diesen drei Vampyren des Menschenlebens zu. sehr erschöpft, und so sehr er sich auch anzustrengen schien, der unwiderstehlichen Schwächeanwandlungen Meister zu werden, so konnte er doch nicht dem Machtgebqte der Natur widerstehen, und fester klammerte er sich daher mit den» abgezehrten Händen an den Arni seines jungen Begleiters. Hätte dieser nicht alsogleich den Zustand seines Gefährten bemerkt, und denselben krästig umfaßt, um ihn im wahren Sinne des Wortes auf den Armen zu tragen, so würde der kraftlose Alte ohne Zweifel niedergesunken sein. Dieser aber weigerte sich hartnäckig, seine Reise in der angedeuteten Weise fortzusrtzen, und so mußte ihn denn der nachgebende junge Gefährte auf den karg begrasten Boden setzen, und sich neben ihm niederlassend, blickte er bald besorgt dem Alten ins abgemagerte Antlitz, bald nach dem nicht mehr fernen Ziele ihrer heutigen Wanderung hin. Der Alte, der kich indeß einigermaßen erholt hatte, ergriff, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Rührung den jungen Mann betrachtend, dessen Hand, und sie innig drückend, sprach er mit schwacher zitternder Stimme: „C Du mein edler Freund! — Ach, warum ist es mir nicht gegönnt. Dir so viele Beweise der seltensten Treue und Liebe nach Wunsch vergelten zu können! O, mein theuerer Raphtali, Du weißt es nicht, wie so edel Du bist!" Diese, mit tiefftem Gefühle gesprochenen Wotte schienen jedoch in dem Angeredeten nicht jene Wirkung hnvorzubringen, die Jeder von uuS ermattet haben würde; denn £ Raphthali'e, bisher mild und bckümmctt blickendes Auge uahm plötzlich den Charakter wilder Leidenschaft an, und die, vom Sonnenbrand gebräunte Wange überflog eine dunkle Röthe. Es schien, als erschütterte ihn eine Ahnung — ein schrecklicher Gedanke, den seine reine edle Seele nicht fassen wollte noch konnte, — als ob die plötzliche Erinnerung an vergangenes Weh die schlummernden Dämone des Schmerzes und der Leidenschaft in ihm aufgerüttelt hätte. „C, warum redet Ihr doch so!" brach Raphtali endlich das minutenlange Wchweigen. „Warum redtt Ihr doch so, Ihr, der Herr, zu Eurem Diener, Ihr, der Wohlthäter zu Euren« einigen Schuldner! — Warum erinnert Ihr mich daran, daß all meine Treue und Liebe zu Euch ja nichts Anderes sei, als das Produkt der sttengsten Pflicht; warum, o mein guter Herr, warum erinnert Ihr mich dann auch an jene Schrcckensstunde, da Euer Edelmuth mich Euch für ewig verbinden mußte!" Schweigend blickte der Alte den aufgeregten Sprecher in's schöne, männliche, echt orientalischen Typus ttagende Antlitz, aber eine .gewisse Unruhe war auch an dem alten Wanderer nicht zu verkennen. Endlich ergriff er' des vor sich hinstattenden jungen Mannes Hand, zog ihn zättlich nähn zu sich, und, wir ein liebender Vater seinem Kinde, strich n ihm die wild hnabhängenden schwarzen Haare von der hohen geistkündenden Stirne. . „Und kannst Du denn nimmn," redete er in einem etwas unsichttcn Tone Raphtali an, „und kannst Du denn nimmn jene Szenen des Gräuels vergessen! Und lebt denn in dn Tiefe Deiner Brust noch immn der alte Schmerz mit nie altendn Kraft!" „Vergessen!" ttef hier Raphtali aus, und blickte schmerzvoll zum Himmel auf. ,O Hnr, wn kann das vngessen? — Vngessen wollt' ich die frohen Stunden dn Jugend im süßen Heimathlande, vnzessen wollt' ich den Liebeskuß dn zättlichen Muttn, vngessen den duftenden Kranz, dn mich an meine theune Schwefln so berauschend fesselte, vngessen die Pracht, welche meines Vaters Haus ausstrahlte! — Alles, Alles wollt' ich so gerne vngessen; nur jene Stunde, da die blutginigen Männer meine Lieben Alle, wie gehetztes Wild mordeten, jene fürchtnliche Stunde, — o, du mein Gott, wn kann eine solche vngessen!" Eine große Thränc entpnlte dem Auge des Klagenden, und auch des alten Mannes hatte sich eine unbeschreibliche Unruhe bemeistett, die n vngebens zu vnbergcn sttebte; und eine tiefe Stille beherrschte nun die Szene. Tie Sonne war indeß vollends untngesunken, die Dämmerungswolken zogen bneils, immn gespenstischer und dunkln wndend, am nlöschenden Himmel herein, und kühle Nachtluft wehte unheimlich übn die weite, graue Fläche bahn. Es war nun höchste Zeit, duß die beiden Wandnn ihre Reise fortsetzten; denn dn schwne Mantelsaum dn Nacht hatte bneitS die Erde bnühtt, und das zu erreichend« Städt-

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