Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 39 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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154 jedes Einzelnen in der Kehilla so bewandert war, wie ein frommer Jude im Aschre') — wie er sich stets zu rühmen pflegte — machte in dieser Saison die besten Geschäfte, indem er als das beste Auskunftsbureau galt und so man ihm ein paar Groschen einhändigte, wies er jede,» die Grabstätte seiner Angehörigen nach und lieferte auch das nöthige Gebetbuch dazu. Eines Tages kam der Rabbi von Z. . . nach B. . . und sobald er nur vom Wagen abgestiegen war, begab er sich sofort nach dem Friedhof, um auf dem Grabe seines hier ruhmden Vaters einige Stellen aus dem .Sohar") mit tiefer Andacht unter heiligen Schauern vorzutragen — denn heute war Jahrzeit. Reb Zodek, wenngleich er aus Erfahrung wußte, daß ein Rabbi überhaupt, und besonders der von Z..., niemals die Lust verspürt, auch nur einen Pfennig zu verabreichen, oder wie er sich ausdrückte, daß ein ehrwürdiger Rabbi kein Schekel-Geld») giebt, konnte doch nicht umhin, dem ehrwürdigen Gaste seine Dienste anzubicten. Jener aber gab ihm zu verstehen, daß ein Rabbi keines Wegweisers bedürfe; sei er doch in den höheren Regionen und Engelssphären so gut wie zu Hause, und sollte sich nicht auch hier orientiren können? Was kann überhaupt einem Menschen, der mit einem heiligen Geiste begabt ist und mit den Engeln des Himmelreiches in regem Verkehr steht, unbekannt sein? Reb Zodek, der Todtcnwächter begab sich, ärgerlich über diese Abweisung, in seine Zelle. Ter heutige Morgen war kein günstiger, und von schlechter Vorbedeutung für den ganzen Tag, von dem er sich soviel Einnahmen versprach. Doch was konnte er dagegen thun? Er biß sich in die Lippen und sprach weiter kein Wort. War es doch der Rabbi von Z..., vor dem man Ehrfurcht haben, bei dessen Anschrei man noch gute Miene zum bösen Spiele machen muß. Der Rabbi aber warf sich auf das Grab seines heiligen Vaters hin, bald blätterte er im Sohar und bald im Gebetbuch .Maane loschauu"; bald brüllte er wie ein Löwe und bald miaute er wie eine Katze, bald waren seine Augen gen Himmel gerichtet und bald zur Erde gesenkt. Er scharrte und stampfte mit den Füßen, verdrehte die Augen, deutete mit den Fingern, machte mit dem ganzen Körper allerlei Bewegungen und gebcrdete sich wie ein Wahnsinniger. Plötzlich blieb er aber wie eine Standsäule sprachlos stehen und ein heftiges Zittern ergriff alle seine Glieder, denn er vernahm eine leise Stimme, wie aus dem Grabe seines heiligen Vaters hervordringend, die ihn folgendermaßen ansprach: .Gehe aus eine Verbindung mit Reb Ephraim nicht ein, hörst Du mein Sohn, Rabbi von Z. . .! Seine Tochter Mirjam ist nicht für Deinen Sohn und meinen Enkel, sondern nur für ihren Cousin Josef bestimmt. So ist's im weisen Rathe Gottes schon vierzig Tage vor deren Gebutt beschlossen und ausgerufen worden. Solltest Tu aber meinen Wotten kein Gehör schenken, und Dich, durch Reb Ephraims Reichthum verblendet, doch dazu verleiten lassen, so müßte Tein Sohn, Cha8 wescholom, (Gott behüte!) vorzeitig von der Welt gehen und Du wirst dann für sein gekürztes Leben vor dem Throne des ewigen Richters Rechenschaft oblegen müssen! Merk' Tir's wohl und höre auf meine warnende Stimme!" Als Reb Zodek den Rabbi in ganz aufgeregtem Zustande gewahtte, kam er schnell hergelaufen und fühtte ihn in seiu Absteigquartier, welches sich in Reb Ephraim's Hause befand VH. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht im ganzen Städtchen, daß .ein Todter auferstanden sei" und zwar sei das kein anderer, als Reb Prrez sel. Adenkens, der Vater des nunmehrigen Rabbi von Z. . . Allenthalben bildete dieses neue Ereigniß das Tagesgespräch. Besonders lebhaft ging es aber auf der obersten Treppe des Schwitzbades zu und Samstag Morgens in der Mikwa4-, denn da ist bekannt- ’) Ein Psalm, der täglich dreimal gebetet wird. *) Ein kabbalistische« Kai. *) Abgaben zu religiöse» Zwecken. 4) Rituelle« Bad. lich der Ott, wo olle Angesehenen, Frommen und Gelehrten der Gemeinde, von denen wir den Melamed, den Chasen und den Schochtt besonders hervorheben, sich versammeln, um den Körper zu Ehren des Shabbes zu baden und bei dieser Gelegenheit werden da alle wichtigen Ereignisse, die sich während der ganzen Woche in der Gemeinde zugttragen haben, auf das Ausführlichste besprochen und beleuchtet. Es gehött denn auch nicht zu den Seltenheiten, daß inituuter auch MeinungS- Verschiedenheiten entstehen, ein Wort bringt das andere und im Ru liegen sich die sauberen Herrchen in den Haaren, oder besser gesagt in den Locken' eine Rauferei ist dann gewöhnlich das Resultat aller Auseinandersetzungen. Die Leute müssen endlich auf den Wink des Badcoussehers ihre sieben Sachen zusammenpackcn. Da fehlt einem ein Pantoffel, dem andern das Hemd und der dritte vermißt sein Arba Cansos') — und so laufen sie in aller Hast, halb angekleidtt, auf die Gasse und schnursttacks in die Klaus hinein mit dem Bewußtsein ad majorem dei gloriam gekämpft zu haben. Nachdem die Leutchen das Gebet verrichtet haben, beginnt gar oft das Spiel von neuem, alles für und zur Ehre Gottes und seines heiligen Zadik, seines Stellvcrttetcrs oder StatthalterS auf Erden, denn jeder will doch nur in seinem Rabbi den eigentlichen Zadik erblicken. So war es auch heute der Fall bei Besprechung des nen-sten Ereignisses von der Auferstehung des alten, seit einem Jahre schon tobten Rabbi von Z. . . Es entstanden gar große Meinungsdifferenzen zwischen dem Chasen und dem Schochtt. Jeder hatte seine Anhänger und Gesinnungsgenossen, je nachdem der eine oder der andere ein Anhänger des Rabbi von Z. . . , also auf Seite des Chasens war, oder wenn er dem Rabbi von G. . . huldigte, mußte er selbstverständlich für den Schachet Parthci ergreifen. So thcilten sie sich in zwtt Lager und das Ende davon war eine Balgerei. Im Hause Reb Ephraims herrschte an dem Tage, als der Rabbi, der sein Mechutan werden sollte, leichenblaß vom Friedhofe zurückkam und die seltsame Geschichte von der Offenbarung seines gottseligen Vaters ttzählte, eine besonders große Verwirrung und Rathlofigkeit. Sei es, wie die ParteideS Chasens erklärte, daß Reb Perez vom heiligen Grabe auferstanden märe, um seinem Sohne jenen Rathschluß Gottes zu verkünden, daß Mi^am nicht für seinen Enkel der rechte .Siwug»") sei, weil sie für ihren Cousin Joses schon vor ihrer Gebutt bestimmt gewesen, oder, wie es die Schochetpartei wissen wollte, daß von einer Auferstehung garnicht. die Rede sein kann und der Rablbi von Z. . . nur ein Bas-kol») gehött haben konnte, jedenfalls durfte die Parthie nicht mehr geschlossen werden, und das kränkte unsere Sarah zu sehr, denn mit einem mal sah sie alle ihre Luftschlösser zettrümmett uud ihre Hoffnung, die Mutter der einstigen Rcbbezin von Z. . . zu sein, vereitelt. Zudem war sie noch dazu vcruttheist, den ApikoreS Josef sich zum Eidam zu nehmen, und sie erblickte dann kein günstiges Zeichen für die Zukunft. Mirjam konnte sich diesen Zwischenfall garnicht erklären. An eine Auferstehung konnte sie nicht glauben, noch weniger an ein Bas-kol, wie kommt es überhaupt, daß Tobte oder Engel sich in diesen Handel mischten? Sollte die Zeit der Mythen, wo Engel auf Erden wandelten, zurückgekommen sein? So unglaublich das Ganze war, so war ihr das Resultat doch ganz angenehm. Mitten in dieser Verwirrung der Geister erschien Josef unerwatttt im Zimmer und ein feines Lächeln umspielte seine rosenrothen Lippen. Alle liefen ihm freundlich entgegen. Reb Ephraim und Sarah umarmten und küßten ihn auf daherzlichste und machten sich daran, ihm Abbitte zu leiften für die Schmach und Kränkung, die sie ihm zugefügt hatten. Er aber verlor seine Fassung nicht, er stellte sich so, als ob et nicht wüßte, was da vorgegangen wäre und fragte ganz naiv: .Was soll diese plötzliche Wendung bedeuten?" Mirjam lief ‘) Ei» Brustlatz «it Zizzi». *) Parchie. *) Ei»e himmtjscht Stil»»*.