Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 37 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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europäisch, während dieälteren Personell ganz L I» turca gekleidet gehen. Es giebt jedoch wie überall auch ältere Personen, die da» Unzeitniäße der türkischeg Kleidung' ansehen, »dieselbe oblegen und nur für. besondere Gelegenheiten für Samstage uNd'Fciertnge r^serviren. Die älteren Leutesprechen nächst dem spaniolischcn Jdipm — das auch von den Bulgaren für hebrLisch aehaüen wird — das Türkische; die'Jugend nächst dem »guai-ami» (Dschudesmo)' d. h. der spaniolijchen Sprache — das Bulgarische; während das Türkische mehr und mehr in Vergessenheit geräth. Türkische Sitten und Unsitten haben sich dennoch auch in Menge erhalten und werden bei dem conscrvativen. Charakter, der dem Orienteigen jst, noch lange michwirken. Linen merkwürdigen Gegensatz zu diesem conservativen, Charakter bietet die Unbeständigkeit in der Be- und Berurtheilung von Personen «md Sachep. Der Orientale ist Opportunist in deS Bortes verwegenster Bcdeutüng, vielleicht weil, die herrschende Religion, der Mohamedauismus, d.cn Fatalismus lehrt. Es war nicht mein Kesmet d. h. „es war für mich nicht hrslimmt vom Schicksal", so hört man jeden Augenblick den Sefardi ausrufen und er hat auch dieses voin Türken .gelernt. ' Umso bewundernswert her sind talmudische Aussprüche, welche jeden „Glücksstern" (71t) btnj israelitischen Volke ab« sprechen und nur Gott allein als Lenker und Leiter des Schicksals antrfmuit wissen wollet». Personen — und die neuesten Ereignisse, haben dieses vom Neukn bestätigt — die mißliebig geworden, werden in einer Weise verfolgt, die den Europäer mit Schauder» erfüllt oder ein mitleidiges Lächeln uns abzwingt; so wurde z. B. der „Bismarck der Balkan-Halbinsel"-, wie die Verehrer Stefan Stambulow's diesen Staatsmann nannten, nach seinem Sturze zum Gegenstände tiefsten Haßes; am Tage seiner Demission wurden dessen Bilder, die fast in jedem Käffehause zu finden waren, zerrissen und verbrannt; die Straßen, die seinen Namen trugen, dieser Zettel beraubt, überhaupt jede Erinnerung an ihn' zu vertilgen gesucht. „Riesengroß — hoffnungslos" schildert am besten die Wahrheit des- Satzes: „Tie Gegensätze berühren sich." . Gang und Haltung der Sefardim ist -eine stets würdevolle, nm nicht zu sagen stolze. Schiller's Wort: „Stolz lieb' ich den Spanier" trifft bei jedem Sefardi zu, ein Jeder, und sei er noch so niedrig, ttägt den Kops recht hoch. Ob diese Haltung jedoch nur spanischem Einfluß zuzuschrciben ist, möchte ich doch bezweifeln, weil der Orientale im Allgemeinen sehr viel auf äußere Haltung giebt und schon Rabbi Jochanan seine Kleider die ihm Ehre und Ansehen verschaffenden Gegenstände nannte. Die Trägheit, ein allgemeines Gesetz der Natur, ist bei den Orientalen ein besonders hrrvottretender Charastcrzug; das dolce far niente, von dem Sefardim pa««atiempo (Zeitvertreib) genannt, spielt die Hauptrolle im Leben eines Jeden. Man kömmt zusammen, um sich nicht allein, sondern in Gemeinschaft zu langweilen, und die Gewißheit zu haben, daß alle sich in gleicher Weise langweilen, ka««ar In oea „die Stunde vorübergehrn lassen" gilt für die höchste Stufe des Vergnügens. Der unzertrennliche Gesellschafter bei solchen Zusammenkünften ist die Cigarrette, türkischer Kaffee und in der Pause das Spielen mit dem Tispi „dem türkischen Rosenkranz", den jeder echte Orientale, ob er nun Jude, Türke oder Bulgare ist, selbst beim Spazierengehen in seiner Hand hält. Man kann füglich das französische Sprichwort: le ridicule tue „Das Lächerlich tobtet" in l'ennui tue „Die Langeweile tobtet“ bei den Orientalen verwandeln. *) Man irinnrrt sich unwillkürlich de« bekannten Aulspruche« v»n Rabbi Akiba daß er als »in baarez „al» ein an der Scholle klebender Mensch" der erbittertste Feind de« Talmud chachain (Gelehrten) . war. In dieser Weise dürste auch der Aut sprach Bileam«: „Et giebt leine Schlaugrniieschwdruna in Jakob und keine Runendeutung (OCp) Der Trägheit Schwester, die Bequemlichkeit, zeigt sich auch im Gottesdienste; denn da wird nicht nur das Kaddischgebet fitzend angehört/ selbst das Borlesen des Liedes am' rathen Meer, sowie der 10 Gebet«, wird vckn der versammelten Gemeinde sitzend vernommen. Au den Wochentagen werden 'die Gebetriemen an oer Hand gleichfalls sitzend air- und abgelegt, diq Halbseiettage. werdest p>ie die Hauptfeierwgc in süßtin Richtsthun verbracht, dcun da werden nicht einmal dir Kaufläden geöffnet. ' , ' Eine Folge dieses Südens, sich die Zeit zu vettreioen, ist, daß an christlichen Feiertagen das Morgengebet später »verrichtet wird, als sonst an den Werktagen. Man hat dadurch einen Borsprung d. h. den Tag verkürzt Verlobungen Imd Hochzeiten wbrden sehr feierlich begangen. Die Verlobung Mrd, falls Braut, und Bräutigam sich im selben Otte befinden, zweimal gefeiert und zwar sowohl im Hause des Bräutigams als in dem der Braut. 'Es ist selbstredend, daß die Berlobüng zuerst im Hause deS Bräutigams und am folgenden Tage — des Zeitvertreibes halber — in dem Hause der Braut feierlich vorgenommen wird. Der Chasan nimmt von Braut und Bräutigam einen Kinjan Schebuah b. h. er drückt ihm (ihr) ein Tuch in die Hand und beschwört ihn (sie), daß er (sie) keine andere Braut (BräutigaNi) sich verloben darf. Es werden dann dolce« (Süßigkeiten) ah alle Verwandten und Gäste vertheilt und es ist die Pflicht eineS jeden einzelnen nach türkischer Sitte Kopf, Mund und Brust mit der Hand zu berühren und besi'man tow „unter gutem Omen" zuzurufen. Stundenlang-vor der Verlobung und nach derselben werden türkische Musikinstrumente, ganz besonders die Cymbel geschlagen, und spanische und türkische Liebeslieder von eigens dazu bestimmten Frauen gesungen.. Die weibliche Jugend tanzt den Reigentanz und die sich daranschließrnden Schmausereien dauem oft bis in den hereinbrechcnden Morgen. Der Samstag vor der Hochzeit heißt Sabh. t di besatnano1) iSabbat des Handkusses) oder Sabbat, di talamo (vom griechischen ö-lacpoc-Ehebett'), - Ehe'). Es ist nämlich Sitte, daß an diescni Sabbat die Geschenke für Braut und Bräutigam von Verwandten und guten Freunden gebracht -werden, und als Dank hierfür wird von den Verlobten den Verwandten die Hand geküßt. Ucberhaupt ist das Iwaamano „der Handkuß" und in Briefen das Hände und Füße küssen — die Fußwnschuitgen werden uns erst recht verständlich — (beso las manos y los pies) jedem Sefardi — Männlein und Weiblein — sehr geläufige Höflichkeit, denn das noble«»« oblige, mindestens in Worten, zeichnet den Sefardi aus; das geringste Wott, daS Anstoß erregen könnte, wird gemildett durch die Redensatt chuz min happanim DOCH 70 JHn (spagnolisch afnan de la cora), es entspricht dem in früher Zeit in Deutschland üblichen „mit Respect zu sagen", wird aber hier ungleich häufiger angewendet. Eine Folge dieser Höflichkeit, die erwiesen und auch gefordert wird, ist, daß der Gast seinen Wirthen irgend eine Kleinigkeit zum Geschenke macht, „viel Ehre liegt in einem Gläschen Wein" sagt ein deutsches Sprichwort, und der Sefardi lebt nur für „Kabod" (Ehre). Deshalb darf auch das Geschenk des Gastes (Mußafir) keinen großen Werth repräjcntiren, weil eS sonst für eine Beleidigung gilt, als ob der Witth ein ähnliches Geschenk nöthig hätte. Am üblich, stcn sind gegenwärtig Photographien, und der Witth, falls er eine solche besitzt, erwiedett die Gabe in gleicher Münze d. h. er giebt seine Photographie alS Gegengabe. (Forst, s.) *) Sieh« S. S. Parienle« Aufsatz: ha baiaement de« mein» n Smyme in der Kerne de« Etüde« jnive« XXIV p. 151—152. 1 Die Juden au« Griechenland — Romanisten genannt — Ware» schon vor 1492 in Bulgarien, noch vor 16 Jahren bestund hier die Sehilla KTOn. *) Im Orient besteht die Eine, daß die Hochjeit nicht in dem Orte der Braut, sondern in dem de« Bräutigam« stattfindet.