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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 35 (1894) · p. Seite 139

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
35 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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Mnna. — die beiden Ehegatten find Geschwisterkinder und am selben Tage, fast zur selben Stunde gebaren und bei der Geburt für einander bestimmt -r nie eine mulische Note gelernt. >,ber dennoch aus dem Klavier und Harmonika nur »ach einmaligem Hören dir schwierigsten meisterhaft hervorbringt. Nur mutz sic dabei die Augen ..flössen halten, um sich nicht durch ihren unrcgelrcchten singersatz selber zu verivirren. Bei Tische erklärte Herr Cainc seltenem Scharfsinn und großer Bercdtsamkrit viele dunkle rllen in den Meisterdichtungen Shakespeares, aus den grade Gespräch kam und gab über die Rolle des Shylock im asmann von Venedig", ganz abweichend von dm darüber ischenden, landläufigen Ansichten, seine eigene, geniale Ausng zum Besten. Wir verkehrtm noch öfters zusammen meinem Freunde, und Herr Caine verehrte der Dame des »seS eines seiner Werke und verewigte sich im Album der hter mit einem Gedichte, das sie leider nicht verstand, heS sie aber anspomte, sich nun aus das Erlemm der rache des charmantm Autors zu verlegen. — Einen bischen Freitagsabendtisch, mit all der Weiche und Poesie, gerade in dm orthodoxesten Familim in Galizien daausgegossm ist, wollte ich noch meinem Gefährten zeigen, »d wurde zumal von meinem großen Landsmann, Herm Emil Franzos, noch von Berlin aus darauf l>esonders necksam gemacht. Hier war aber anfangs guter Rath »er. Bon einer amim jüdischen Familie uns gegen ein Ent- S Gast laden zu lassen, mochte ich nicht. Wir modernen en, wenn wir einigemmßm in Wohlstand leben, sind unsem Ansprüchen doch etwas zu verwöhnt, als daß wir »ns überall so leicht zu Tische setzen können. Wir mögm Br die Armen noch so viele Snmpathim hegen, wir mögm r das Leben in einer bescheidenen Hütte und rür ein fmgales Mahl, wie es der Ruth vom großen Agrarier Boas geboten, Ddcr in der .Luise" von Loß geschildert wird, sogar schwärinen — eine reinliche Serviette, die sich der Anne nicht gönnen kann, vcrmissm wir doch schwer — und wo wir irgendwo Messer und Gabel nicht so blank geputzt finden, vermeinen Anr uns gleich in die Wohnung eines Troglodytm versetzt sehm. Als ob der Arme, der im Schweiße seines Angeles zumeist in unreinlicher Hantierung sein Brot erwirbt froh ist nach eingenommener Mahlzeit sein müdes Haupt Hur Ruhe zn legen, noch viel Zeit hätte, sich um die Tischbereitnngen zu bekümmern! Allerdings war gerade für den abbathabmd eine solch« Befürchtung weniger am Platze. -Sorgt doch selbst die ärmste jüdische Frau dafür, daß am Rreitag der Fußboden blankgescheuert, hie zinnernm oder Hölzernen Löffel und der Weinbecher über den der Sabbathegen gesprochen wird, fein säuberlich geputzt sind und wird auch, alles Geschirr, worin der .Schalet" in dm Ofen imt, einer ausnehmend sorgfältigen Behandlung unterzogen! lud von da ab tretm ja gar an die Stelle der Hausfrau Lie reinm Engel, die die Speisen, unter ihre' Obhut nehmen nd für die Schmackhaftigkeit und Reinlichkeit gewiß iorgcn. — Bit hatten aber Glück und konnten, sozusagen, Herz und Magen, sie und Feinschmeckerei, zusammen befriedigen, indem ivir »n einer superorthodoxen Familie zu Tische geladen wurden, es ihr Wohlstand gönnt, zu den gebotenen. .Sabathspeisen »ch .den Glanz und dm Schimmer zu fügen." Und diese nladung verdankten wir wieder dtr Jintiative des so vorglicheN Herm Landau und eine- Schwagers desselbm, dessm nm mir leider mtfallen, die 'eifrig bemüht warm, uns . Aufmchalt in Krakau in manigfacher Weise lehrreich und aehm zu' machm. lenser Wirth, der durch jMe Herm unserer Anwesmheit erfuhr und der nach gutem jüdischen. luche ohnehin, besorgt »war, am heiligen Sabath einen »rach"(G»st) an seinm Tisch heranzuziehen, rechnete eS sich zum 'Ilgen an, diesmal kine paar so ungewöhnliche, exotische »lare von Gästm bei sich zu bewirthen. Wir über hättm ar nicht "besser sindm können/ und so mancher -arme Zu- '' mit dem wir a» diesem Abeud in der .Klaus," ms der wir »och zuvor dem Gottesdimstr beiwohnten,' zusammm» trafm, mochte Herm Caine gewiß beneidm, daß er ins HauS deS reichm Herrn Schönberg. eines .bekoweden" Mannes als .Aurach" gekommm ist. Herr Schönberg fft in der That ein sehr .bekoweder" Mann, was man auf deutsch wohl mit .anständig" übersetzen mag, ohne doch ganz den richtigm Sinn wiederzugebrn.' Eiu orthodoxer Jude vom reinsten Wasser, ehrwürdig in seinem Auftreten, fromm und mildthätig, modernen Anschauungen fremd, zeigt sich in seinem Benehmen doch eine gewisse Urbanität, und vielleicht ist er bei ihm ein angeborenes Taktgefühl, das ihn^ ohne Besitz von Bildung, im Umgänge mit Personen aus andere Sphären immer das richtige Verhallen lehrt. Der Schnitt seines Gesichtes mit den markanten Zügen, dem langen Barte und dm sorgfältig gedrehten Locken stellt den Typus eines echten, rechten Juden dar. Eine zahlreiche Schar blühmder Kinder und Enkelskinder beiderlei Geschlechts, die wir um ihn versammelt fanden, gibt das angenehm berührende Bild eines wohlgerathcnen, kernigen und kräftigen Familienstamms. Die seidenen Kapoten und die stramm auf den Hüuptem sitzmde» Zobelmützcn, die bei de» verheiratheten Männern in Spitzen gezackt, während sie bei den Jünglingen glatt gefvmit waren, kleideten alle recht gut, wenn auch diese Tracht für den modernen Geschmack etwas bizarr erscheint. Vollends ein kleiner Junge von 8— 10 Jahren, der uns gegenüber am Tische saß und mit seinen klugen Aeuglcin zu uns herüberblinzelte, war in seiner Sabbathmütze, die er keck aus die rechte Seite der Stirn geschoben hatte und in seiner Art, alle Leremonicn den Erwachsmen genau nachzuahmen, gar putzig anzuschauen. Die Töchter des Hauses hingegm (die Frau war, glaube ich. im Bade) die alle nette Erscheinungen waren, unterschieden sich fast in gax keiner Beziehung von den modemen Damm und bewiesen auch in der Unterhaltung bei Tische, daß sie so manches gelernt. Diese Ungleichheit in der Erziehung der Söhne und Töchter beim orthodoxen Juden in Galizien, der nur die ersteren gem von allem profanen Stud um abichließen möchte, letztere aber öffentliche Schulen besuchen und in allem unterrichten läßt, wozu sie Neigung und Fähigkeiten zeigen, bildet nämlich so merkwürdige Contraste heraus, denen man in diesm Kreisen des Oefterm begegnet. In solchm Familien trifft man daher nebst guten Hausauch tüchtige Geschäftsfrauen an, denen jedenfalls ihre auf Schulen sich angeeignete Spxachkmntnissc sehr zu statten kommm, umsomehr als sie ihrm Männern für den praktischen Beruf oft fehlen. Selbst wmn der Mann allein dem Geschäft vorsteht, gehört es größtentheils ins Ressort der Gattin, einm polnischen oder Deutschen Geschäftsbrief zu beantworten und bekommt so ein Mann gar ein polnisches Gerichtsstück, dann sagt er mit Stolz: Damit muß ich zu meiner Frau, die liest es .wie ein Wasser!" (d. h. fließend schnell.) — Daß wir hier herzlich emvfangm wurden, brauche ich wohl nicht besonders zu erwähnen. Herr Schönberg sprach durch mich meinem Begleiter seine besondere Genugthuung darüber aus. in ihm nicht bloß 'einen.Mann von .hoher Bedeutung, sondem auch eine» so ausrichtigm Judenfreund bei sich zu begrüßm. Viele Worte wurden aber jetzt nicht weiter gewechselt und wir wurdm gleich ins Eßzimmer geführt, worin ein sehr schöner langer Tisch gedeckt war, über welchen »eine Plafondlampe und viele mehrrührige silberne Leuchter, worin die .Benschlichter" angesteckt waren, ein Helle-, freundliches Licht verbreiteten. Die Weihe des- Freitagabends gebietet es nämlich, gleich bei der Ankunft aus der Synagoge, nachdem man sich allseitig .gut SchabbeS!" zugerufen, mit dtm Festmahl zu-beginnen, jedenfalls ab.er das , Scholar» aleicliem" sofort herzusagen. Jede Verzögerung dieser Ceremonie wäre auch eine unverzeihliche Mißachtung, zum mindeste» eint Taktlosigkeit gegen die himmlischen Boten, die sich hierherbeNiüh», um, wenn auch unsichtbar, an dem Mahle theilzunchmen. «So erscholl denn gleich, vom Hausherrn angestimmt, auS aller Rund jene Hymne an die Engel, welche mit den Worten beginnt: .Friede mit Euch

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