Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 35 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ahnende Ester fragte ihn erschrocken: .Warum stehst Du so bläh und traurig aus? hast wohl kein Geld bekommen? warum nicht?" .Tonski hat mir einen Chek auf elftausend Gulden gegeben. während er in der Bank nicht mehr als zehntausend fünfhundert liegen hat; man darf mir also dem Gesetze gemäß gar nichts geben und nun wer weiß, wann dieser Betrüger von seiner .großen Vergnügungsreise" zurückkehrt? Unser ganzes Geld ist verloren und unsere Existenz untergraben!" .Wir sind unglücklich!" stöhnte Ester und fiel auf dis Sofa nieder, auf dem schon Naftali betäubt saß. — Mittlerweile war die Nacht hcrangebrochrn und die beiden Unglücklichen versanken in tiefen Schlaf. Des Morgens erwachte Ester zuerst, rasch zog sie sich an, weckte dann ihren Mann und sagte ihm: .Gieb mir den Schein!" .Wozu? Wozu?" .Du wirst es erfahren!" Er gab ihr den Chek. sie verließ eiligst das Haus und er schlief wieder ein und träumte, er sah vor sich den gähnenden Abqrnnd des Unglücks, in welchen ihn der Satan (Donski) gewaltsam hinunterstürzen wollte. Er suchte auszuweichen — aber der Satan verfolgte ihn und bald hatte er ihn am Schopfe, er seufzte tief, Angstschweiß trat auf seine Stirn — er fühlte sich an seinen Arm gepackt nnd aufgerüttelt. Er schlug die Augen auf und erblickte Ester vor sich stöhlichen Antlitzes ihm zurusend: .Stehe doch auf, Faulenzer! wie lange wirst Tu noch schlafen?" — .Zum Unglück," lallte Raftali, .steht man früh genug aus." — .Was da, Unglück! rief sie nunmehr aus, ich habe schon das Geld! Naftali erwachte, rieb sich den Schlaf aus den müden Augen und stagte erstaunt: .Willst Tu mit mir Scherz treiben und Salz schütten auf die schmerzliche Wunde ineines Herzens?" .Nein, ich treibe keinen Spaß!" cnviderte sie und streichelte mitleidig die fahle Wange ihres mißmuthigen Gatten — .Wie? Was sagst Tu? Ich verstehe Dich kaum! träume ich weiter, oder wache ich? kann ich meinen Ohren trauen? Roch gellt mir die dröhnende Stimme des Satan in den Ohren, der mich in den tiefen Abgrund des Elends stürzen will, und jetzt diese überraschende Freudenspost! Und wie geschah das? Ter Chek lautet doch auf mehr, als Herr Donski in der Commerzbank liegen hat?!" — .Jetzt höre den Plan, den mir ein guter Genius eingegeben hat: Als ich das Haus verließ, richtete ich meine Schritte zu Mendelsohn, unserem intimen Frennde, um mir bei ihm fünfhundert Gulden zu leihen. Diese übergab ich meinem Bruder und er eilte sofort in die Commerzbank und legte dott diese Summe für Rechnung des Herrn Donski ein. Kurz darauf komme ich ebenfalls dahin, lege den Chek vor und nehme elftausend Gulden in Empfang. Ich machte mich sosott aus dem Staube." — .Wie wahr!" rief jetzt Naftali freudig überrascht, .ist der Ausspruch des weisen Königs, der da lautet: .Ein wackeres Weib, wer es gefunden, weit köstlicher als Perlen ist sein Wetth." .Der Frauen Weisheit baut das Haus!" Unne Mnse mit Mr. Kall Same. Bon €. R. Margulies. - < Fortsetzung.) Warum kann der russische Czar nicht wenigstens eine solche Sehne mit eigenen Augen ansehen? Baren solche Bilder geeignet, meinen Gefährten zu Thränen zu rühren und ihin Ausrufe wie: frightfnl!, dreadful! (schrecklich, fürchterlich!) zu entreiße», so war er womöglich noch cm. pörter, wenn er hörte, wie in Rußland der Patriotismus und die Aufopferung für das Vaterland belohnt wird. Ein jüdischer Soldat kehrte nach langer Cantonirung in einem entlegenen Thttle Rußlands nach seinem HeimathSotte zurück, ' welcher aber in einem DiStricte lag. in dem in der Zwischenzeit den Juden das- Wohnen verboten wurde. Er durste also dott nicht verbleiben und wurde nach seinem, vielleicht hundett Meilen entfernt liegenden Gebuttsotte gewiesen, den er noch als ganz kleines Kind verlassen und wo er keinen Menschen kannte und gar keine Aussicht auf irgend einen Erwerb fand. Was blieb ihm also übrig, alS seine letzten Kräfte znsammenzuraffen und auszuwandern? Der Mann führte das — Berdienstkrenz mit sich! — Herr Cainc konnte vor Aufregung ob all des Gesehenen und Gehörten die ganze Nacht nicht schlafen, und doch zog es ihn hin, den zweiten und dritten Tag wieder mit mir ins Comit^ zu gehen, die Emigranten immer wieder auszufragen und aufs Neue alle diese Bilder des Jammers und Elends in sich aufzunehmen. Zuletzt konnte er es aber doch nicht mehr ertrage,^ — Krakau hat unter anderen jüdischen Sehenswürdigkeiten eine mettwürdige alte Schule, sowie einen sehr alten Friedhof, den wir besuchten und auch einem jüdischen Leichenbegängnisse wohnten wir bei. Wir gaben einer armen, alten Frau das letzte Geleite, die, wie es noch in Galizien Sitte ist, in einen einfachen, aus Brttter gczimmetten, mit einem schwarzen Tuche bedeckten .Mittah" von vier Männern vom Sterbehause aus nach dem weit entfernten Fttedhofe zu Grabe getragen wurde. Voran schritten zwei Männer von der „Chewra Kadischa" mit Blechbüchsen in der Hand, die sie unter immerwährendem Rufe: »Zedoko tazil mimowes!« schwangen, und alle Leute aus den jüdischen Häusern, an denen der Zug vorbeikam, eilten hinzu, um eine kleine Gabe hineinzuwerfen. Unter dem fast durchgehcnds mit langen Kaftans bekleideten Gefolge, befanden auch wir uns Kurzberockte, und die inposante Erscheinung Caine's, der stumm und bedächtig hinter der Bahre einherschritt. hob sich seltsam aus der Menge ab. Ich erklätte ihm den Sinn der ausgerusenen Botte und die Verwendung der Sammlung, wozu er natürlich auch seinm Obolus beitrug, wie auch das ganze Cercnioniell am Fttedhofe und las ihm einzelne Grabschttsten von den Lttchenstttnen ab, so gut es ging, (us dein Stegreif ins Englische übersetzend. Die schlichte, fromme Frau aus dein jüdischen Volke, die jetzt i» die Gruft gesenst ward, nachdem ihr Scherben auf die Augen gelegt wurden, sah nun nicht, wie zwei feuchte, mitleidige Augen eines Chttsten auf sie hinabblickten, der ihr in ttner an dieser Stätte gewiß nie vernommenen Sprache fein: Ruhe sanft! zuttef und ein stilles Gebet für sie verttchttte. Natürlich ließen wir uns nicht entgehen, den Aufenthalt in Krakau zu benutzen, um auch die sonsttgen Sehenswürdigktttcn der alten Jagellonenstadt in Augenschein zu nehmen, besuchten Kirchen und Museen, machten «neu Ansflug nach den weltberühmten Salinen iü Bieliezka, über die Herr Caioe glttch am Abend ttne vottreffliche Schilderung niederschrieb und nahmen Einladungen in hervorragende Familien an, wo wir allenthalben der mit Recht gerühmten polnischen Gaststeundschaft begegntten. Angenehme Stunden verbrachten wir besonders im Hause eines rttchcn jüdischen Kaufmauns, Herrn. Judd, der mit seiner liebreizenden, jungm Frau, ttnem einzigen Kinde und dem alten Elternpaar in herrlich geschmückten, geradezu palastattigen Räumen wohnt, die ttne Fülle schöner Gemälde und Kunstwette aller Art, würdig ein Museum zu zieren, aufweisen. Da Herr Judd jahrelang in Amerika war und er sowohl, als seine anmuthige, vielsttttg gebildete Gattin perfect englisch sprechen, war eS Herrn Caine, mir aber äuch nicht minder, ttn besonderes Vergnügen, hier zu verweilen.' Aber auch im Hause ttnes sehr lieben Jugendfreundes von mir, Herrn Max Chages, fühlte sich mein Reisegefährte recht heimisch, und vollends entzückte ihti dex Gttang des lieben Töchterchens, Röschen mif Na rn, von der er zum ersten' Male dir so melodiösen polnischen Lieder mit rttzeiider Stimme vottragcn hörte. In biefer Familie ist das Talent kür Musik wirklich angeboren. Alles fingt und spielt, alle sind Bittousen. DaS Merkwürdigste aber ist,, daß di« Frau «eines. FroundeS', -