Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 34 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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Pjmb f« warten und frieren auch, warum soll ich nicht hier Erki ihnen auSharrm, ihr Schicksal wird von jetzt ab da» meine sein.* t .Abraham!" rief Günzburg entsetzt. .Du willst fort mit Liesen nach Amerika? was wird Dein Sohn? — ' .Sprich mir nicht von meinem Sohn," antwortet« Abra» - Ham abgewendet; er öffnete die Thür de- Schuppens und ' wies hinein: .Das Volk. daS hier hauset, ihm gehöre ich jetzt i mit Leib und Seele, daS sind fortan meine Kinder. — * :' Dem alten Günzburg ward eS unheimlich, der Mann da vor ihm mit dem eingefallenen, übernächtigtem Gesicht und dem von Thränen erloschenen Blick sah wie ein Sterbender > «uS. Sr faßte nach seiner Hand ihn zurückhalten und sagte ■ bittend. Höre doch, Dein Sohn härmt sich um Dich, —* da , -flammten die Augen Abrahams in finftter Glut. — .Mem Sohn ist ein Abtrünniger," ries er zornig, .beim Leben des Allmächtigen ich will ihn niemals Wiedersehen." Sr riß sich loS und durchschritt dm langen, schmalm «it Menschen überfüllte» Raum in jugmdlicher Hast ^'Günzburg hätte über Köpfe und Leiber ttetm müssm, ihm zu folgen, er sah nur noch wie Abraham, gebückt durch die niedere AuSgaugSpforte schwankend, verschwand. Hinter dem Schuppen breitete sich freies Feld. Es war eine stemenklare Januar« nacht, im West« schwebte dir Mondsichel in dem tiefm Blau, da» östliche HimmelSthor schim wie von einem herannahenden Nordlicht leicht geröthet. Auf dm mit steisgefrormem Schnee bedecktm Furchen des Feldes lagetten die Flüchtlinge. Mmschm jeder Altrrstufe und mancherlei Stande-, der berufsmäßige Schnorrer, wie der achtbare Bürger, der Knall und Fall sein Häuschen veräoßem gemußt, lagetten da; hier tauchte ein blasser JünglingSgeficht auf, mit Brille und lleinem Bättchen, ein ver« ttiebener Student, dott stand ein steinalter Lhassid mit eisgrauem Batt, daS Käppchen auf dem kahlm Haupte zurück« geschoben, Gebememm an der Stim, eine echte AhaSvem». geftalt, und gleich danebm saß auf der Srde ein schwarz äugige», junge» Weib, kaum sechzehnjährig und sang ihrm Säugling in dm Schlaf — ein Kind mit einem andem Kinde. Biele hatten sich ein Sttohlager znrechtmachm und mit Deckm und Tüchern vrrhüllm könnm, an manchen Stellen sah man auch eine Familiengruppe um Feuer kauernd, eS wurde The« gekocht und man ließ Erdäpfel in der Asche braten. Leider, vicht die Minderzahl lag ohne wännmde Hüllm, schutzlos der Zanuarkälte preiSgegeben, zuweilen wimmette ein Kind. Und Abraham schritt ihre Reihm entlang, und da er all da» Elend sah und nicht einem von diesm Allen zu Helsen vermochte, da ging er seitab, gegen Osten, wo er die Stadt liegm sah und schüttelte in ohnmächtiger Wut seine Fäuste gegen die Dränger und schütttte vor Gott sein Gebtt und sein? Klagen au«; ,O ahnde an den Frevlem ihn Bosheit und ihr vergehen und bringe zu Ende den Stolz der Ueber« müthigm, und dm Hochmuth der Tyrannm schlage danieder. Möge daS Schrei« au» ihrm Häusem gehört werden, wmn Dp unversehens die Kriegerschaar bringst über sie, dieweil sie unS die Gmbe grabm, um uns zu sangm, unS die Fallstricke zu legen vor unscm Füße». Tu Gott weißt eS, wie all ihr Ratschlag nur auSgeht auf unser» Tod. . Möge uhre Schuld nie gesühnt werdm, ihr Vergehen nicht'verlöschen vor.Dencm Angesicht,. mögen sie niedersinken und «Immer vor Dir bestehn, in der Zeit de» Grimme» lasse ihre Weiber kinderlos werden, ihre Männer vor dem Schwerte ' fallen in der Schlacht. . £ Und Abraham stand die hälbe Nacht betend und w'jamnttmd, bis er ermattet, von Schmerz und Schwäche überj> mannt, Nigers ank und schlief. - Sr träumt«, «S Witte Sommerzeit und auf unermeßlich Mb^e» Felde wüchse. «annoShaheS Kor», goldig nickend un. Winde «mjchten die vollengesegnet« Aehrrm, SS war ein fruchtbar«» Lnud^ daS sich im Oft« dehnte, er sah Gärt« mit deir schönsten, reife Früchte tragmden Bäumen, und stahlliche Weinberge, wo jede Rebe dreifach ttug die süßesteil, blauen Trauben. Da dehnteii sich blühende Wies« mit saftigem Rasen, aus dmeu feiste Rinder weideten, cs war ein Laad, in dem milder Frübling und reifer Herbst zugleich segensreiche Herrschaft übt«. Abraham wußte, daß dieseS herrliche begnadete L:nd Rußland sei. Sr saß am Feldraiii und bettachtete die prächtige Ernte, die da gedieh. Auf einmal verdüstettr sich die Sonne ein giftgeschwollener Hauch strich über das Land — lantloS, ohne Füße glitt sie unter die Mengen bet Böller, die Riefenschlänge der Pest — wm ihr Odem anwehte, sank inS Grab Fürst«, Bürger, der falsche Priester wie der Bettler am Stein. ES kam Sturm und Unwetter, die Traubm vndortten. die Frucht faulte am Baum, da schritt der Mangel durchs Land, mit ehernem Fuß zrttrat er da» reife Kom und überfiel dm Landmann, wie ein gewappneter Mann. — Und über diesem durch Hunger geschwächt«, durch Pest vergiftet« Lande sah Abraham am Himmel daS fmrige Zeichen des Schwettes — rin Riesenschwett, gemacht zum Blitzen, gewetzt zum Würg«, ein Schwett, br& Erschlagene will. , . Zitternd lag er, furchtbebend, - ein schwacher, sündhaft« Mensch, eine Donnerstimme schallte an seinem Ohre: .Glaubst Du, Kleinmütiger, daß der Gott nicht mehr vergelte, der Pharao ins Meer versinkt? Zu eurem Heile führe ich Euch hinaus aus diesem Lande — und weiden sollen die srühgequälten Armen, und die Bettetzten in Sicherheit sich lagem, indeß ich ihren Stamm durch Hunger töte, der ihren Ueberrest erwürgt. Ziehet hinaus, in Freundlichkeit geleite ich Euch, ich sühn Luch an Wasserbäche, aus gerader, ebene Straße, daß Ihr nimmer sttaucheln könnet; denn ich bin Israel ein Vater der seine» Kindes nicht vergißt." Da erwachte Abraham, gestärkt und voll Zuversicht erhob er sich wie ein junger Mann- Ueber dem Lager der Flüchtlinge stand die goldme Morgensonne, das Volk tummelte sich zum Ausbruch, sausend und donnemd rollte der Wiener Zug aus den Bahnsteg heran. Sie stürmttn die Wagen, Abraham hals, wem er Helsen konnte; er brachte eS fettig zehn Personen zugleich Rat zu etteilm, und wildfremde. umherirrende Kinder ihren Sltem zuznführen. .Siosteigm!" schrie ihn der Schaffnn an, .vorwärts", Abrahams Blick suchte noch - einmal das Bahnhofsgebäude — an einer der AuSgangsthüren gewahrte er eine große, elegante Frauengestalt, sogleich sprang er in den Wagen, schlug bic Thür hinter sich zu und versteckte sich im Hintergründe, er wollte Helsia durchaus nicht sehm. Jetzt, langsam, setzte -sich der Zug in Bewegung ein lrtzteSmab reißt der Kondukteur dir Thür auf und schiebt einm klein« Jungen hinein, der die langgebautm Wagen hindurchläust, an all dem Wirrwarr der Passagiere vorbei, mit unfehlbarer Sicherheit auf Abraham zu: .Großpapa, lieber Großpapa!" .Herr Gott, Junge!" schrie Abraham zu Tode erschrocken, .willst Du wohl hinaus!" Ab« Gabriel sprang ihm an den Hals und legte leidenschaftlich die Aermchm um ihn — .Nein, Großpapa, ich bleibe bei Dir, Du mußt mich bei Dir lassen!" SS war zu spät da» Kind wird« herauSzubringm, der Zug war in vollem Lauf. Gabriel stellte sich vor dm Alten und redete zu ihm, emsthast, wie ein großer Mensch:. .Großpapa, Mama hat air’# ungelernt Dir zu sagm,