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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 34 (1894) · p. Seite 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
34 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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,S>r werden ein Duplikat erhalten,'' sagte er hastig, da er merkt, daß George ihn beobachtete. .Und nun zur Bahn. Wir werden diese Stadt nie wieder betreten." Zehntes Kapitel. Die AuSgewiesenen. Die Polizeiwache in L.. von den Eingeborenen spöttisch die -ose genannt, welche zugleich als Stadtgericht und Stadtgefängnis mit ihren drei häßlichen, dicken Türmen wie eine architektonische Hydra den unbotmäßigen Einwohnern droht, ist ein vierstöckige-, unverhältnismäßig 'breites Gebäude — eS nimmt reichlich ein Sttaßenviettel «n und mehr — ein schmutzig-drachengrau« Steinkoloß,, dessen Erbauer vielleicht symbolisch die polizeiliche Uebermocht und Gewalt in diesen plumpen Massen kankiren wollte. Wie erörtrtte doch Schopenhauer die Idee der Architektur? .Den Kampf der Starrheit mit dem Licht —" nun vor dem PolizeigefäugniS von L. unterliegt das Licht, in die dumpfigen, tief in den Schoß der Erde eingegrabenen Kellerwölbuugen ist nie ein Sttahl seiner Gnade spendenden Kraft gedrungen; und auf eine andere Gnade haben die Unglücklichen, welche da unten ihr Schicksal erwatten, erst recht nicht zu hoffen. Besuchen wir Abraham da unten in seiner Zelle. Er war nur leicht gefesselt; Thomas Tryphosowitsch. der Polizeiknecht, der ab und zu nach ihm sehen kam, schien ihm nicht übel gesinnt. Allerdings gab bei . diesen Wohlwollen weniger persönliches Mitleid den Ausschlag, als die hartnäckige Sucht des Gefangenen, Speisen und Getränken unberührt zurückzuweisen. Was wollt Ihr? Thomas ist ttotz seiner siebzig Jahre bei gutem Appettt, und die Tomafinna will auch noch leben. In Stunden, da Thomas gut aufgelegt, will sagen, wo er nicht sinnlos betrunken war, »erstieg er sich manchmal zu einem kleinen Speech an den seiner Wachsamkeit Empfohlenen. .Siehst du," begann er, .Du bist ein reicher Mann, du ttägst unzerrissene Stieseln und Haft einen sehr guten Rock. Du hast ein Sammetkäppchen auf und hältst Dir gar ein weißes Tuch für die Nase. Warum wird so ein feiner Herr eingesteckt? Warum will man dich hinauöjag« und viele Herrenleute, so wie Tu, dazu? Weil Du jüdisch bist. Das hast Du nun davon? Siehst Du wohl?" Da chm Abraham nichts entgegnete, antwortete er sich selbst: .Die Juden haben Christum getötet. Das ist wahr. Aber wer weiß? er hätte wohl so auch nicht mehr heute gelebt. Ich weiß gar nicht," er kratzte dm Kopf und zog das schnapsgeröthete Antlitz in bedenkliche Falten — .wenn man alle Judenseelen hinauswtrfen will, über wm' wird man dann herfallm,- wemi man Strafgelder und drgl. brauch« wird?" Und der brave Thomas machte sich im Stamm seiner Regierung große Sorge». Die Nachricht von dm ungtücklichm Ereignissen, welche an jmem verhängnisvollem Abeiü» im deutschm Theater sich* abgespielt, hatten noch in selbiger Rächt die schnellste Ber» brestuug in der Stadt gesund«; die Beamt« des Polizei» aefänguisses waren natürlich die erstm, welche auf.das Ausführlichste alle Details des blutigm Drama'S erfuhr«. So kam es dmn, daß Thomas, schonungslos und geschwätzig, wie niedere Leute häufig find, dm Unglücklich« den Tod seine- Sohnes mit allen gräßlichm Einzelheit« unverzüglich gemeldet hatte. Nun hockte Abraham auf einer abgebrochmm Steinplatte, die ihm als Schemel dimte, gesenkten Hauptes; verzweifelt schlug er die Fäuste an die Brust und schrie zu' Gott: .0 gefiele es Dir mich zu zermalm«, möchtest' Du- Deiner Hand gestatt« mich gäuAich aufzureibm. Roch sollte das mein Trost sein und jubeln wollte uh in de« schonungslssm Schmerz —“ Und »üb« und immer wieder mit «rbarmuugsloseiSelbstanklage maß er nur sich allein die Schuld au alle» Unglück bei und jammette: .Warum dmn schaffest Du meine Missethat nicht fort, und tilgest meine Schuld? Ich darf ja nur in dem Staube liegm, dann suchst Du mich, ich bin nicht da." So hadette er wie Hiob mst seinem Gott. Dann endlich lag er stumpf und teilnahmloS auf der Pritsche, es rühtte ihn wenig als ihn ThomaS aufrütteltr, und ihm die Fesseln abnehmend, ihn bedeutete, hinauf zu dem Tschatney pristaw zu kommm; fast mit Gewalt mußte der Wätter ihn die Treppen hinaufzerren. .Ihr habt augenblicklich die Stadt zu verlassen," schrie der Polizeimeister ihn an, .verstandm?" .Laßt mich nur daheim meine Angelegenheiten —" .Es giebt hier kein Daheim mehr für Euch," unterbrach ihn Grodunoff zomig, .vorwärts, du Kerl da, schaffe dm Mann hinaus."; Thomas, dem diese Anrede galt, bemächtigte sich Abrahams, eilte mit ihm hinunter, setzte ihn in dm Polizeiwagen, das elendiglichste Gefährt der Welt, halb Karrm, halb Schlittm und schleppte ihn aus diesem zu« Bahn. Der Nachtzug, war ebm wieder herausgefahrm, erst gegen neun Uhr Morgens kam der .Wimer Zug," der die Verbindung L. mit Oesterreich und Deutschland herstellt. Trotz fiebenstündiger Wattezeit die Abraham hier verbring« mußte, hätte er nicht wagm dllrfm in die Stadt zurückzukehrm; denn Thomas bewachtet ihn wie ein Hund, er ließ ihn gar nicht aus dem Auge. Diese Borficht war herzlich unnütz, wozu hätte Abraham umkehrm sollen? Sei» Bruno war tot, und Salmon und Helsit konnte er nicht verzeihm. WaS ließ er in dieser Stadt zurück? Seiu Hab und Gut! Dann am Besitz hängt aller Mmschm Herz. Das HauS, das er gebaut — wie hatte er sich damals gefreut, daß er, der einst gering geachtete, mittellose Junge den schönen, stattlichen Bau erricht« konnte. —>. Hinter dem Hause hatte er einm Gatten angelegt, jeder Baum war ihm lieb. Da war auch ein Apfelbaum, den er selbst gepflanzt, so alt wie sein Salmon — er wird da keine Frucht mehr erntm. Bo war sein? Er hatte gespart und geschafft und sich zu Ehre und Ansehen mühselig hinaufgearbeitet. Alles hin, alles, mit leerm Händen war er gekommm, «in ttotziger Haß stieg in ihm auf, mit leeren Händm wollte er wieder gehen. .Heiliger Gott, Liedettrost du hier?" ' Der alte GünSburg stand vor ihm und sah ihn miüeidig a», .so wahr ich leb«, in der Stadt glaubt man Dich noch — * .Eingespertt," antwortete Abraham düster .nein, ich bin frei. .Frei! Gelobt sei der Name — aber was thust Du. auf,dem Bahnhof, komm mst. ich fahre Dich heim." .Ich -danke Dir, ich muß hier bleiben, ich reis« morgen früh ab." .Hier bleiben? Ueberuachten hi« wohl gar? Nimm es nicht Übel, Liedettrost^ bist Du ein jung« Mann, daß Du Dir zumutheu kannst eine Winteruacht wattend und ftöstelnd . auf diesem elenden Bahnhofsgebäude zu vnbringeu?" .Wo kommst Du jetzt h«, Günzburg?" stagte AbrahaM ausweichend. - .Wo jch hertomme? Nun, Du weißt eS doch, bin ich. nicht Ehevremann nJie Du? . Hast Du. mich nicht unzählige Male selbst hierhergeführt in den AuSwandernngSschuppen den armen. Leuten, die ha'sott müssen. Gelb und Speise z» bringen?' ES ist zum Erbarm«, zweihundert Familienväter^ auS unser« Stadt lieg« hi« mit Weib und Kindern.' rmh ',' die doppelte Zahl auS Piotrkow, Warschau, Wilna, Biächstock,^ aus Wolynim, ja aus Poltowa, Charkow fipd fir gekommm, die Schupp« faff« längst nicht Raum für alle, dt« meist«! i liegen auf freiem Feld«." ’;1‘ .Siehst Du wohl," mtßegnete Abraham, sie »sind auch Mmschen^ e» finlw schwache H^r^nnd Ktndn bä^ ih««^

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