Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 33 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ist immer, natürlich bk Jude» alle da! Alexandroff setzte ei» Besicht auf, dos a» FeubalitttSdänkel jedem Junker au« der Dtarf Ehre gemacht Hütte und musterte moquant die Günzburg, Jtzig, Beilchrnblau, sogar Salmon Liederttost war da, allerdings Frau Helsia fehlte. Durch Grodunoff hatte Jeniilian heute früh erfahreu, dag ein erneute« Bittgesuch der deutschen Juden um Aufenthaltsrecht gestern mit ablehnendem Bescheid aus Petersburg zurückgekommen. Polizei wie Kirchenbehörde sollten mit aller Schürfe gegen die deutschen Semiten Vorgehen. - „Trotzdem ist heut alles, was eine Judennase ttägt, bei "dem allergroßfürstlichsten Fest — erbärmliches Volk!" Sich selbst zählte unser Held nicht mit, er stand über den Patteien. Es war ein Ereignis, daß sich der Großfürst an dieser Stelle Kn wollte. Der Fürst war in L. weniger beliebt als getet. Er galt als einer der Hauptleiter der deutschfeind.; lichen Strömung, welche sich aus dem Winterpalais über das ' Land ergießt; bi« Juden zitterten vor ihm, weil er sie be- 'brfUfte, die Polen haßte» ihn. weil er sie russificitte. -Der'britt« Akt> der Oper begann. Ban Bett erscheint auf der Bühne mit seinem Mägdechor, auch der lange Zimmer, mann ist wieder da und zeigt sich immer nervöser. „Mit dem Kerl giebt es noch ein Unglück," denkt Jemilian, „am -Ende geht er aus eiuen Orden aus, er ist von unerträglicher Wchtigthuerei." Aber Niemand achtet seiner, das Haus wird unruhig, es erwartet mit allerhöchster Spannung nne aller» höchste Persönlichkeit. Da taucht ein Polizist auf, da noch einer, drei, vier, acht, zehn, zwanzig, mit einem Schlag ist das ganz« Theater voll von ihrm Uniformen. Auf jeder Bank, hinter jedem 'Stahl erblickt man sie, sogar auf der Bühne fassen sie zu mehreren Posto, welche Erscheinung einen ungemein beschwichtigeuden Einfluß auf die Nerven des langen Chorführers übt, er geberdet sich ruhiger und drückt sich schließlich in eine 'Loulissr," wo er sich durch Austollen der russischen Flagge ungeheuer patriottsch beschäftigt. Da« Gesumme und' Murren im Publikum legt sich, es wstd mäuschenstill, jetzt star« daS Haus von Polizisten — die Hoheit ist eingetreten. Von der Bühne her schallt es programmmäßig: „Heil sei dem Tag, an welchem Du bei unS erschienen" — au« dem Publikum brülleü vielleicht fünfzig Kehlen „hurra!", der Fürst winst mit der weiß behandschuhten Rechten, die Vorstellung kann ihren Verlauf nehmen. „Ich bin. doch neugierig auf das Czarenlied," dachte Jemilian. Er sah de» Bühnenrzar auS der Coulisse treten, der' lauge ühorführer stand schon wieder da, Jemüian koontt jetzt gar nicht mehr anders, er mußte,den Mensche» beobachten. Er"bemerkte äüch, "daß dn Lange dein Benno verstohlen etwas zuraunc, wahrscheinlich da« Stichwort. . Hatte ihn Benno nicht verstanden? Der Sünger machte, »ährend da« Vorspiel begann, ein paar unsichere Schritte nach der Szene zu und sah zurück, da hörte es Jemilian wieder heiser auS' der Eoulifse: Ln »raut. Le vuilä, c'est le deuxieme . . . In diesem Augenblick erkanme er de» Langen, es war ttaminSki. Diese Entdeckung wirkte auf Jemilian, al« ob Gift'durch seine Adern flösse. KaminSki hat etwas vor — etwas Verfängliches, dieser Mann glich einer Berschwörerrvtte ganz allein. Zwar die ganz« Stadt hat längst erzühlt, daß der alte Frondeur seinen Frieden mit der Regierung gemacht habe, die polnischen Blätter haben ihu als einen verrätherifchrn Schurken, «It> fetten Höfling angegriffen und beschimpft, die russische Presse hat von ihm „als einem Ueberzeugten, der sich in die göttliche Ordnung der Dinge füge". mit lobender Anackennung gesprochen — «wer wie mit einem Zauberschlag erinnert sich - Hiatüian, daß, KamjnSk mütterlichsettS aus de« Blut Alexen». ... w, ftasaM; bcr in «ne Militärverschwönu»^ Juftinktmäßig faßte Alexandroff noch seinem Hut, hinaus um jeden Preis — aber wie? Jemilian war ein alter Themerhabituö, jeder Platz, jeder AuSgaug war ihm genau bekanm, dicht neben seinem Stuhl war ein Psöttchen, das aus den Borfaal leitete, er brauchte nur die Hand auszusttecken, und er war in Sicherheit^ aber er wagte e« nicht, aus Furcht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zu dem steht dott ein Polizist und sieht ihn an. Jemilian sicht sich um. Niemand ist beunruhigt, alles sieht erwattungsvoll nach der Bühne, nur er gewahrt zitternd, wie sich KaminSki mit Katzengewandheit mehr und mehr der Stelle, wo Benno steht, nähen, der Pole hat einen Blick, wie ein Tiger, der seine Krallen in den Hals des Opfers schlägt. Er hött ihn zischen: »il a chang£ le place — le premier maintenant« — mechanisch hebt Alexandroff den Kopf, — in der That, der Großfürst hatte mit einem alten General den Platz getauscht. — Tann tritt Benno vor die Rampen -7sicher — frei — mit dem heiteren Lächeln eines glücklichen Menschen. „Nun? sollte das noch gut auSgchm?" stagte sich Jemilian. Ta wie ein Blitz verändern sich die Gesichtszüge deS Sängers — schwarz — düster glüht sein Auge zu dem Fürstensitz hinaus . . . Seine Lippen zucken. Die Verse, die wie eine poettfche Verherrlichung wie eine Huldigung dem Ezarenthum klingen sollen, er schmettett sie rauh, höhnisch, als eine Anklage, eine Beleidigung, dem Fürsten zu. Was ist das? Er singt falsch, er schreit, falsche Melodie, falscher Text: „Ihn schmückt nicht dir Krone“ „(£r trübet ben Stern" „Das Bott feiner Russen" .Bedrückt er so gern" „Er tilgt ihre Größe," „Beraubt sie de» Licht»." „Er führt sie zum lode," „Zum furchtbaren Nicht»" „Die Freiheit den Frieden „Zerstört er allein . . .“ (Schluß folgt.) Weine Meise mit Wr. Wall Lame. Bon 8. N. Margulie». - (Fortsetzung.) In mir erweckte der Anblick eines gal-zischen Städt. chens, dem ich schon lange entrückt war, die nothdürstig bekleideten, armseligen Gestalten, die Glaubensgenossen in langem Rock mit breitem Güttel, an welchen Abzeichen einer alten, finstern Zeit man dott leider noch so fest, hält, wehmüthige Bcttrachtungen. Der EhafsidiSmus hat in Galizien und Rußland viel BöfeS angerichtrt und wirkt noch immer lähmend und hemmend auf die geistige Entwick» luug der Juden in jenen Ländern. In llrinen Städten tummeln sich die Leute fast den ganzen Tag auf den Straßen herum, da sie auf offenem Platz« ihre Geschäfte machen und auch ihrer Unterhaltung pflegen. Die jüdischen Männer und Frauen, die wir sahen, boten heule einen womöglich noch kläglicheren Anblick als sonst dar, da es am Vorabend des Gedenktages der Temprlzerstorung war, und sie schon die ganzen „drei Wochen" hindurch die ältesten und abgenutztesten Kleider anlegru. Besonders ist das Fehlen des PerlenschmuckeS, der herkömmlichen „Stirnbinde" bei der jüdischen Frau in Galizien sttts ein Zeichen tieffter Trauer, die man noch durch die größte Nachlässigkeit in der Kleidung verstärken zu müsse» glaubt. Nach langer, langer Zeit sollte ich endlich auch wieder ein „Eheder" betrtten. Herr Eaine hatte von diesen, gar eigenartigen, Mischen Lehranstalten gehött, und ich konnte mcht umhin, bei der ersten sich darbieteuden Gelegenheit mit ihm ein« solche in Augenschein zu nehmen. ES ist ein überaus trauriger trab beschämender A»bl«k, de» eine so primitiv eingerichtete Schul«, wie mau sie außer in Galizien und Rußland, vielleicht uuruoch in_LH«a antrifft, einem Lultur-