Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 33 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492351-8722849-5962399--2444-5376635- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Menschen gewährt. Und doch, wie seltsam! Aus diesm, kaum den Namen Schule verdienend« .Chadarim" siud viele große Männer hervorgcgangen, Hab« sich zu den höchsten Regionen des Wissens nnporgeschwnngcn und gereicht« dem Judmthum, ja der ganz« Menschheit zur Zierde! WaS das klassische Studium, die Erforschung des griechisch« Alterthums aus Gymnasien und Hochschulen hauptsächlich bezweckt, nämlich dm Geist zu schärfen und sich eine klare Weltanschauung anzueigncn, was hier bezweckt, aber nicht immer erreicht wird, das bewirkt merkwürdiger Weise der so viel verschrieme Talmud. Wieviele, die mit diesm obsolet« Lehr« in ihrer Kindheit getränkt wurdm, nehmen jetzt als moderne Schriftsteller und Forscher eine hervorragende Stellung ein! Das Cheder, das wir jetzt besuchten, eines der ärmst«, die ich je gesehm. machte indeß einen gar schrecklichen Eindruck. Eine wacklige Stiege führte in eine enge Stube im obem Stockweck eines düster aus ehendm, halbverfallen« Hauses in einer schmal« Straße. Dock saß um einen weiß«, länglich« Tisch herum eine Anzahl ärmlich grNrideter Jung« mit dem .Rabbi" obenan, die d« .Schiur" lernten, wobei sie dm Körper hin und her bewegt« und mit den Arm« allerlei Schwenkung« ausführtm, wo es galt, auf eine Stelle des gelehrt« Disputs ein« besonderen Nachdruck zu legen. Im selben Zimmer befand sich der Kochherd, vor dem die .Rebbezin" mit einem groß«, Hölze«« Kochlöffel in der Hand stand und die Suppe rührte; aber indem sie nir das leibliche Wohl der Familie sorgte, lauschte sie zugleich mit halbem Ohr nach dm gelehrten Wort«, die in eigmthümlichem Singsang vom Tische zu ihr hinüberhalltm und die sie wohl als die hehre seelische Kost betracht« mochte, die ihr Mann jetzt zubereite. An ihrem ösiern Kopfnick« und ihren bald zuftimmenden, bald abweisenden Geberdm, mit dm« sie die richtigen, oder unrichtigen Antworten der Schüler stets begleitete, konnte man ersehen, daß sie sich als .Hörerin" durch jahrelange Uebung von diesem schwer« Studium gar so vieles angeeignet. Soll es einmal eine modeme LehrerSfrau versuch«, ob sie im Stande wäre, einem Quartaner seine lateinischen Vokabeln abzuhörm — von dieser Frau aber war ich überzeugt, daß sie die Schüler ganz gut das Gelemte vor sich hätte auffagm lass« könnm und sehr wohl Bescheid wußte, ob die .Mischnnh" im vorliegmdm Falle sich für S umch os oder dessen Gegner entschied. Ter Rabbi, der bei unserm unvorbereitet« Eintritt anfangs etwas verleg« schien, begrüßte uns, da ich ihn im reinsten Jargon ansprach und ihm meine Bitte vortmg, hier ein wmig verweil« zu dürsm, auf's Herzlichste und drückte seine Fr«de darüber aus, daß so .große Leut" von weither kam«, um sein« Unterricht anzuhörrn, was er in seiner Raivetät wirklich zu glauben schien. Sein gutmüthiges, stillvergnügtes Wesen erinnette an das Schulmeistertem Wuz von Jean Paul, und die seelische Zufriedenheit, die in sein« Gesichtszüg« ausgeprägt stand, schien sich auch sein« Jungem und dem ganzen Hauswes« mitzucheil«, so ärmlich und erbärmlich und all« Zierrathes bar die ganze Umgebung sich auch präsmtitte. »Ledolem aleichem« uud »Bruchim baboim, jaden!« rief er uns zu — natürlich hielt er Herm Caine auch für ein« Judm — und die Jünglingsschaar im Kreise streckte uns bcid« ebmfalls warm die Hände mtgeg« und bot uns auch ihrerseits dm Schlem-alechem-Gruß, dm mein Begleiter schon von Marokko her kannte, und der ihm so wohlgefiel. Nachdem wir, der Einladung folgmd, auf schmalen Sesseln, die eine große Neigung zum Umstürzm zeigt«, Platz gmommm hattm, bat er um die Erlaubniß, dm Unterricht sottsetzen zu dürfen, und zeigte sich merkwürdigerweise gar nicht neugierig, so sicher galt es ihm, daß wir eigens seines Vottragcs weg« aus fremdem Lande herübergekvmmen wärm. Auch unser Englisch, das wir zwischendurch spmchm, touchicke ihn nicht. Er dachte sich wohl, der lieb« Herr Gott hat doch dem .Jossef hazadck" siebzig Sprachen gelehrt, und so muß es doch Mensche» gebm, dee auch eine andere Sprache, als .Jüdisch" sprechen. Und in diesem Punkte stand er augex scheinlich auf einer höheren Stufe der Bildung, als der K. K. österreichische Dctecttv, dem unser Englischsprechen gar. nicht so recht diuch d« Kopf gehen wollte. Der Abschnitt, dm der Rabbi aus dem Talmud gerade vortmg, handelte vom jüdisch« Erbrecht, »nd bettaf «in« sehr complicirt«. Streitfall zwischen der Wittwe und dm Nachkommm deS Erblassers, wurde aber nach eine« länge« Dispute, bei dem auch die Schüler chr Licht leuchten ließ« und wobei die Rebbeziu zum Zeichm ihrer Mißbilligung dm Kochlöffel oft gar unwillig hin- und herschwenkte, in scharfsinniger Weise zu. Ungunst« der Frdu entschied«. .Mein Wab (Weib) soll leb«, sagte der Rabbi zu mir gewmdet mit einem Lächeln. ist damit nicht einverstanden, aber .Narr leb'!" Letzte er mit einem gutmüthig« Blick die .Chachomim" in dm Gegenstand _ gespräch erklärte, lachte herzlich und dachte wohl bei sich: dum lex, sed lex! — Jetzt aber brach der Rabbi plötzlich de« Vorttag ab, und, den Folianten zuschlageyduphay«,ändern zur Hand nehmend, sagt eer, Wickler zu uns gewmdet: .Wißt ihr was, Rabojßaj (m. Herren), da uh schon so feine Gäste habe will ich lieber etwas, was für den heutigen Tag paßt, vymehmeu. Darauf gab er die Geschichte von .Kamza und Bar-Katvza" zum Best«, die Erzählung jmer schrecklich« Gräuckthatm, die, so sehr sie auch in das Gewand der hagadischm Hy. perbole gehüllt ist, jedes jüdische Herz bei der Erinnerung an jme Schreckcnstage mit Schmerz und Entsetz« erfüll« muß. Mit einem freundlichen Händedruck nahm Herr Eaine vom schlichten Rabbi Abschied, der ihm noch ein herzliche- ^geht gesund, mein lieber Jüd!" nachrief. — . ' ». (Fortse-mrg folgt.)' *1 von der Landstraße des Lebens. von Max Meint»erg. 'S war einst ein klein« schnippisch Ving, vem's nie recht nach der klafe ging, - Dies war zu gut und da» zu schlecht Und Jene» gar erst recht nicht recht. Die Ruthe, die hier Noch gethan, Fehlt" leider im Erziehungsplän, Venn Frau Manier sah gar nicht ein, Daß Arg« thu' ihr ISchterlei». . was wunder, daß die Eitelkeit, Sich immer ärger'machte breit,' Sie wuchs und wuchs und ward fa groß, Zur Mahnung reicht« kaum ein Schloß, Sprengt endlich All'? in taüsend Stück Darunter lag — des Hause» Glück. Und wißt Ihr nun, «er jene Maid? ver.biis« Hochmuch unserer Zeit. Aus dem öprüchschatz des Talmuds. Poetisch übertragen von Max wejnberg. So lang ein lNensch nach Weisheit strebt, So lang kommt er mir weise vor, Sobald er weise glaubt zu sein,m Sobald ist er amt, schon ein Thor. Watt von Luiue. Bon ntt. Die AuSgewtef««. Liu« rrzLhlitng «xi L. «erg. (Fortsetzung.) — Meine »eise «i» »n €. Jf. Margulies. (Fortsetzung.) — JB« gulie«. (Fortsetzung.^ ftrntze M Leben«. Bon ksemberg. «, Leramwortl. Reda I, der auch nur andere Sprache, als ' Bo« «a^ Meinbag. r W. Slahmer, Druck Leistner k Drewjg, tzj» J J ... i' »m Epen