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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 33 (1894) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
33 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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Jen, lia.i wurde es ganz eigentümlich weich um den Magen, er wünschte sehr, daß Benno ihm die traurige Rach, richt nicht erzählt hätte, das griff ihn an. Ganz leise überkam ihn die Ahnung, daß mit Claudia das einzige Geschöpf der Welt dahingegangen, das ihn selbsttos und herzlich geliebt, daß er mit ihr ein kostbares, edleS Gut uuwiderbringlich verloren habe. Es chat ihm recht leid. Er wollte doch seiner Trauer auch einige äußere Zeichen verleihen. Er trat in einen Handschuhladen und kaufte ein paar schwarze Handschuhe und einen schwarzen Schlips. Sollte er auch einen Flor um den Hut binden? Nein, das sah zu provokativ aus, er ließ es bewenden. Reben dem Handschuhladen hatte sich ein Blumenbazar ausgethan, der einzige in L; denn die verräuchette, dicke Luft der Fabrikstadt läßt die zanen Kinder Florrns jämmerlich welken und verkümmern. ^Zeigen Sie mir den kostbarste» Kranz, welchen Sie auf Lager haben/ sagte Jemilian zu der Verkäuferin. Das Mädchen brachte eine hcrttiche Grabkrone aus weißem Flieder, Orangenblüten und Camelien, reich mtt Mytthengrün durchflochten, ein wahres Wunderprodukt der Treibhauskuust. „Sehr wohl. Ich wünsche dazu eine weiße Seidenschärpe mit goldgestickter Inschrift, bitte notiren Sie: „Fräulein Claudia von Mootbach gewidmet von ihrem aufrichtig ergebenen Jemilian Alexandroff." Ich mache zur Bedingung, daß die Sttckerei bis heut Abeud um sechs Uhr fettig gestellt wird." „O mein Hen, das wird' schwer gehen," seufzte die Perkäuserin, „bedenken Sie, nur drei und eine halbe Stunde Frist! Können wir nicht „Ihren aufrichtigen, ergebenen Freund" fottlassen?" „Das würde ich sehr ungern bewilligen/sagte Jemilian verdrießlich, „es machte sich jo viel schöner. Mein Rame allein scheint mir nicht seriös genug. „Rein, mein Herr," rief das 'junge Mädchen, „dann kann ich den Auftrag nicht übernehmen." Es half Alexandra ffnichts, der „aufrichtig ergebene Freund" mußte fallen; Jemilian ttösttte sich, daß er trotz alledem noch immer eine bewunderndes Aussehen erregende Blumcnspende für Elaudia's Sarg senden werde. -- Aber man leirh ja ball» fatt de» starrende» Kummers -Buch Niobe gedachte der Nahrung. . Alexandroff dinitte wie immer, gut und lange im Theater« restaurant und ging dann hinüber in seine Wohnung, Siesta zu halten. Es düotte ihm heute absonderlich öde und einsam in seinen Zimmern. George, dieser Schlingel war nicht da,- überall kalt und ungemütlich, im Salon war es noch am wärmsten, Jemttian legte sich auf den Divau und schloß die Augen., » Eigentlich wollte er jetzt George zur Rede stellen, ipas hatte Benno Liedettrost mit George für Bettraulichketten? aber George kam nicht. Zwar die Portiöre bewegte sich —' doch eö war nicht George. Ta stand Claudia, sie halt? die Hände wie bittend über der Brust verschränkt und lehnte mit bm Kopf an die Thür, als ob sie lausche. . Ein dunller Schatten lag auf ihrem Gesicht — Jemilian wußte, daß dieser Schattest der Tod sü — was wollte die lote Claudia bei ihm Geheimnisvolles erfahren? Bor chr auf den Knirrn lag ein altet Mann, daS war der Pattiarch, dessen Freiheit Benno Liedettrost heut Abend sich erfingen wollte. Rach einer Weile kamen auch Benno und Kaminski, einer nach dem andern herein — Benno hüpfte vor chm her, ein Scepter im Arm, eine Krone aus Flittergold aus dem Kopf. . er tanzte und sang und drehte sich höhnisch nickeud nach Kaminski um, der machte die längsten Schütte und breitete die Arme aus, aber er kounteBenuo nicht mehr erreiche». „WaS wollt Ihr von mir? Geht sott!" Jemilian schrie, was er koaute, aber er hätte seine Sttmme nicht, denn um ihn summte und brauste und klang. eS wehmütig — thränenreich wie eia Totenchor: Mein Haupt ist krank, Mein ganze« Herz ein Weh Und mein Gesang Nur Schmerzen«laut und Klage», . Alexandroff vermochte diese schreckliche Melodie nicht mchr zu ettragen — er stemmte die Fäuste gegen die Ohren sie nicht mchr zu hören — da erwachte er. Tie Stutzuhr auf dem Kamin schlug neun — Teufel auch, er hatte wohl über fünf Stunden geschlafen. So dummen Schnack zu ttäumen! Hole der Henker das Alleinsein! Er klridtte sich blitzschnell an und ging nach dem Theater hinüber. „Ausverkauft," sagte der Pottier. „Sie kommen recht spät, Herr Alexandroff, der zweite Att hat schon begonnen. „Tas thut nichts. Einen Logensitz, bitte." „Ich habe nicht einen Platz," bedauerte der Mann; „die halbe Stadt ist im Saal, in einer Biettelstunde ist das Erscheinen des Großfürsten angemeldet. . ." „Ebep daruni will ich dabei sein." rief Alexandroff ärgerlich. Der Portier zuckte die Achteln. „Wenn Sie mit einem Stuhl im Orchester vottieb nehmen wollen? — Es ist dies ein sthr schlechter Platz." — „Meinttwegen. Schnell, schnell- . ." Dieser Stuhl im Orchester war wirklich ein miserabler Platz und auf keineir Fall Jemilians schöne zehn Rubel wett. Das Orchester lag ungemein tief, man konnte von der Bühne fast nichts, von den Sängest, nur die Oberkörper sehen, und daß man einen sehr ungenitten Einblick in die Seitencoulissen gewann, Vot eine höchst mäßige Entschädigung. Ter zweitt Att war wittlich halb vorüber. Eben setzte Life Lehman» als Maria, der die Changeant Robe und.das holländisch« Häubchen nicht übel Neidtte, schmetternd mit dem Brautlirde ein, dann kam das Finale; ' „Schon fest geraumer Zeit bemerk ich hier Gesichter! —* Jemilian fand die Borstellung miserabel. 'Kemski als van Ben war ein noch schlechterer Bürgermeister als Tirettoe, der Chor nach der Schablone, Ptter Jwanoff dem jugendliche« Liebhaber lieh ein stark bejahtter Bsondin seinen farblos» - Teno rstnd seine flammenfarbige Liebesglut, — böse Zungen behaupteten, daß seine Blöndheit ttotz Weib und achtfachem Kinderglück isicht immer auf geraden Wegen wandle,, eine Verleumdung. Denn der Gute hatte krumme Beine' von. Natur —, der französische wie der'englische Gesandte hätten an keinem Hose der Welt eine Stimme gehabt, und so sott. Benno Liedettrost als Czar sah bildhübsch und nobel aus» ' sang bezaubernd, spickte aber itls tchttt Dilettmtt steif tNtd ungeschickt, wie ein von einer Gummistrippe gezogener Hampelmann. Durch seinen de, Bühne leider nur alüunahe« Platz konute Alexandroff deutlich gewahrey, wer dieses imaginäre Gängelband handhabte; nämlich ein baumlanger Zimmergtsell, . eine Att Chorführer» der, sobald er nicht auf der Bühne be- ' schäftigt war, unter einer -Soffitte wieangenagelt stand und Benno jede einzelne Bewegung soufflitte. Jemilian vermutete , sofott, daß die» der Balletmeister der Truppe fein müsse, er kannte den Mann, es war eip Franzose, ein unglaublich eil- " (er; aufdringlicher Patron. Fast ununterbrochen hätte man sein Kommando: Allez droit, -la main an Ooeor, avanott' trvis pas — tenez! ■ i „Ein reizender Kunstgenuß, dieser Czar unter Bormund« J schafl," dachte Alexandroff höhnisch, und nahm sich, vor,. nach» | her Benno ununwunden sein Mißfallen zu äußern. Einecker, die Aufführung war heut das wenigst Beachtenswerte, der M Hauptakttur war das Publikum. . . um So viel Glanz, Festschmuck, Blumen und Pracht hatte has -M unscheinbare, deutsche Theater noch niemals gesehen. Der.Hgr.IW sammle polnische Adel; russische Beamt« und'Offiziere ihr» Dameu, . die dnut» SnrB^ditt JichWp;

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