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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 32 (1894) · p. Seite 127

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
32 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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127 klebrigensollten sic darüber keinem Zweifel bleiben, die Fautasien der Fiebernden gaben ihnen Aufschluß genug. .Ist euer Bater schon da?" flüsterte sie. .ist er da? Ich brauche nur ein Wort zu sagen, und er ist frei. Wir gehen zusammen nach dem Gefängniß, Jemilian und ich, und da bringen wir ihn heraus. .Ihr werdet euch freuen — Alexandroff ist ein sehr guter Mensch, al>er mich mag er nicht leiden, ich bin ihm nicht schlecht genug. Die Ändere, die bei ihm war, die hat er lieber." .Dann richtete sie sich im Bett auf und schüttelte droheüd die Fäuste: .Der Zöllner soll sie nicht wieder hindurchlassen um keinen Preis, sie stahl mir sein Herz!" Und plötzlich sang sie mit hell schallender Stimme: .Mein Haupt ist Kaut — - Mein panze« Herz »in Weh — * Und «ein Gesang. Rur Schmerzen«!»»« und Klagen . .“ Sie brach jäh ab und fuhr mit zitternden Händen an die Stirn: .Nehmet mir die Steine vom Hopf," bat sie jammernd, .sie erdrücken mich Jetzt muß ich ins Wasser hinunter. Diese Liebe ist ein widriger, schmutziger Flecken an meinem Herzen, aber das Wasser spült ihn wieder rein " Der Arzt mühte sich verzweifelnd des Fiebers Herr zu werden. .Das war der Sprung in die Dobra nicht allein," sagte er kopfschüttelnd, .übermenschlich wühlt der Schmerz in dieser Unglücklichen um das, was sie verloren hat." Benno lag aus den Knien, die Stirn auf die Bettkantr gepreßt. - .Warum weint Ihr?" Die Frage klang so ruhig und vernünftig, man hätte schwören mögen, Claudia wäre wieder bei Sinnen. .Ihr weint um den alten Mann. Haben sie ihn ausgewiesen? Ihr dürft ja jetzt hier bleiben, weil Ihr das Wasser aus Euch habt. Warum habt Ihr daS gethan? .Ich bin auch ausgrwiesen, auSgestoßen aus den Reihen der Glücklichen, denen Liebe stlr Lieb« ward." Nun wandte sie den Kopf wild nach allen Seiten, sie schien ein Unbekanntes furchtsam zu suchen, ihr schönes Gesicht verzerrte rasende Angst: .O Gott, mein Gott," stöhnte sie, .wo ist die Thür? wie komme ich aus diesen Zimmer? und aus dieser närrischen Tracht? Ich mag vor Scham nicht mehr leben." Gegen Morgen ließ das Fieber nach, Claudia wurde ruhiger, sogar das Bewußtsein schien ihr zurückzukehren. .Mir ist jetzt ganz leicht, ganz wohl," sagte sie und sah sich mit übergroßen Augen um. .Erkennst Du uns?" fragte Helsia zättlich. Claudia nickte.' .Ich kenne euch Alle. Du bist Helsia, meine Schwester, da ist Dein freundlicher Mann, und Du bist Benno, mein guter Freund — man sollte nur seine wahren Freunde lieben. Legt eure Hände über mich — so! Sie seufzte noch einmal tief auf: .Ach, es ist etwa» recht Schönes um das Sterben!" In der nächsten Minute lag Frau Helsia ohnmächtig an der Erde. Claudia hatte geendet. Mine Krise mit Ur. Kall Lame. Bon 8. R. Margulie«. (Fortsetzung.) Bon Tag zu Tag konnte ich eine merkliche Besserung meiner .Gehörs" constatiren, und meinem engltschen Wortschatz erging eS wie jenen Tönen deS Posthorn» in der Erzählung Münchhausens, die lange eingefroren waren und vom warmen Frühlingshauch plötzlich zum Aufthauen, zum Hervorquellen kamen. — Unser Reisqrrogramm, das Anfangs ein sehr große» war und sich aus alle jene russischen Gebiete erstreckte, die am meisten vo» Glaubensgenossen bewohnt sind, mußte durch diechort plötzlich mit solcher Vehemenz auftretende Cholera lewer bald eine gänzliche Aendcrung erfahren. zur Abfahrt rüsteten, liefen angerichteten Verheerungen ein, bald machte sie aber so heftige Sprünge, daß in Kurzem fast ganz Rußland zu einem Seuchenherd ward. Indessen behielten wir beide den Muth und wollten das un» vorgestteckte Ziel dennoch verfolgen; unsere daheim zurückgelassenen, besorgten Familien schlugen aber Allarm, auch die Freunde in Berlin, vor Allem der liebenswürdige, geniale Schriftsteller, Herr Carl Emil Franzo», den ich mit Stolz meinen Landsmann nenne, riethen energisch ab. so daß wir mit schwerem Herzen von der russischen Reise abstehen mußten, wobei übrigens auch politische Bedenken de» Ausschlag gaben. So sollten wir nur von der Ferne das gelobte Land sehen, dem seine jüdischen Einwohner, wie ich immer gefunden, eine seltene Treue und Anhänglichkeit bewahren, trotzdem für sie dott etwas anderes als Milch und Honig fließt. — Ein AuSweg war leicht gefunden. Mußte man in der Thot nach Rußland gehen, um die russischen Juden kenne» zu lernen und ihre Matter in Augenschein zu nehmen? Boten nicht jetzt die galizischen Grenzstädte, besonders OSwiecim und Krakau, wo die unglücklichen Opfer jenes tyrannischen Staates auf ihrer Auswanderung den ersten Halt machten und dott zu Tausenden und Abertausenden an« zutr.ffen waren, für den Beobachter Gelegenheit genug, alle die mannigfachen Bilder namenlosen Elends zu schauen? Auch für das Studium des jüdisch-russischen Typus fehlen in Galizien nicht die Analogien, weil beide Stämme so eng verknüpst sind; an geistiger und körperlicher Ausbildung sind sie wohl einigermaßen verschieden, nicht wohl aber an Sitten und Gebräuchen, ihrem Gehaben und im religiösen Zeremoniell, dann gleiche» sie sich fast ganz. In Breslau besuchten wir den Rabbiner, da sich Herr Caine mit allen Repräsentanten des Judenthums gern über jüdische Fragen unterhält und besahen uns auch den Tempel und die sonstigen Merkwürdigkeiten, so weit es uns der kurze Aufenthalt dott gestatttte. Dagegen hielten wir uns in Kattowitz länger auf, da dieses Städtchen, an der russischpolnischen Grenze gelegen, einen regen Verkehr mit dem Nachbarlande unter! ält und die Leute, denen man auf den Sttaßen brgegntt, schon ein Gemisch russischer, polnischer und jüdischer Typen darbieten. Auch hier statttten wir dem Rabbiner einen Besuch ab, in dessen Empfangzimmer uns eine große, reichhaltige Bibliothek anheimelte und fanden auch bei ihm ein tiefes und ttchtigeS Verftändniß für die brennenden Jage»- stagcn. Abends wohnten wir im Tempel dem Minchagebet bei, aus welchem ich meinem Begleiter, so gut eH ging, manches explicitte. Ein Kaufmann in Sosnowice, dchl auf der russischen Seite liegt, brachte uns in jenes Städtchen, und Dank der Bekanntschaft desselben mit dem Gensdarniecapitän und der Liebenswürdigkeit des letztern, konnten wir der lästigen Procedur der Paßrevision entgehen, die Einen« das Reisen in Rußland, selbst unter einem Führer, und minder stteNgem Regime, sttts oerleibet hat und r» jetzt geradezu zur Qual macht. Hier befand sich Hm Caine zum ersten Male aus russischem Boden, und in diesem Städtchen, dem in puntto Schmutz übttgens alle kleinen russischen Otte gleichen, hatten die Geruchsnerven des an besondm Reinlichkeit gewöhnten Engländers die erste hatte Probe zu bestehen. Ich glaube, daß er sich da einen Schnupfen zugezogen, den er auf der ganzen Reise nicht mehr loS wurde. Sonst machte sich diese» Rest noch dadurch bemerkbar, daß wir auffallend viele Krüppel in den Straßen erblickten, sowie zahlreiche Btttler, auf die jüdische und christliche Confession gleich vettheilt. — Interessanter gestaltete sich unser mehttägiger Aufenthalt in OSwiecim, jenem galizischen Grenzstädchen, das durch den BestechungSscandal s lu Panama vor mehreren Jahren so viel von sich «den machte und das noch immer unter besonderer, scharfer, poli zellicher Conttolle, wann Oesterreich der Staat par excellencc ist, steht. Dieser Umstand im Vereine mit der auffallenden Erscheinung des Mr. Caine und de» srenll»en Idiome», welches man uns sprechen hötte, das selbst dsd hochlöblichru OttSdie npr Polnisch, oder Jüdisch-Drutsch als Welt-

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