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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 31 (1894) · p. Seite 123

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
31 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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.Sie liebt mich noch." „Aufschneider!" „Ich kann Dir Beweise geben." „Erzählen! Erzähle»." Life trommelte mit den Füßen vor Ungeduld. „Was? die stolze, vornehme Claudia in Sie verliebt? Zn Sie?" „ES giebt erstaunlichere Wunder als das. Vor fünf, sechs Jahren wohnte ich zu Berlin in einer sogenannten Fremdenlegion. Ein äußerst seines Institut, man sprach nur englisch beim Diner, die Inwohner und Inwohnerinnen fast alle Ausländer, die Herren vom highlike, die Damen meist Aristokratinnen äu sarg Tu verstehst?" „Kein Wort. Warum reden Sie immer Latem?" „Ich meine, die Damen alle, Frau Generalin von ** Trau Oberst von **“ .«ch so!" „Fräulein von Moorbach darunter. Ich plauderte hin nnd wieder mit ihr, sic war wirklich recht unterhaltend. Auf einem Maskenfeste, welches die Pension zum Besten der Missionaire am Congo veranstaltete, erschien sie als Knappe, wirklich ganz allerliebst. Vielleicht hatte sie irgendwoher erfahren, daß ich ein Rittercostüm gewählt, kurzum, ich hatte einen reizenden, kleinen Schildträger, der sich den ganzen Abend an mich attachierte. „Knappe," sagte ich zu ihr, „ich wollte, daß Du Zeit Deines Lebens ein Mann wärest, ich würde Dir meine Freundschaft schenken." „Und ich wollte nicht eine Stunde, daß Du ein Mädchen wärest," erwiderte sie, während ich an ihrem Halse sah, wie sie unter der MaSke erröthete, „Deine Freundschaft würde mir zu wenig sein!" Den nächsten Tag fand ich für gut, eine größere Reise anzutreten. — " „Das ist recht grausam!" „Mdg sein," Jemilian drehte feinen Schnurrbart und lächelte vor sich hin; Wenn ich irgend einem Attentate auf meine Freiheit nicht widerstehe, so wird es eine Millionärin sein, aber nicht Fräulein Slaudia, zu meiner größten Uebcrraschung fand ich sie vor wenigen Wochen hier in Polen wieder." „Und Sie haben Ihre Sprödigkeit jetzt fallen lassen? wie?" fragte Kemski mit schlauem Augenzwinkern. „O nein! Vielleicht würde ich ihr einige Beachtung geschenkt haben, hätte ich sie in einem andern Cirkel erblickt. Aber ihre Beziehungen zu den Liedertrost —! ich finde es absurd, daß eine adlige Dame wie Fräulein von Moorbach mit diesen Juden so intim werden konnte!" „Aber sie sind doch selbst Jude," platzte Lise heraus. „Eh, das ist ganz etwas Anderes," antwortete Jemilian mit überlegenem Lächeln. - . .. Lise blickte ungläubig immer wieder bald auf Claudia'- Bild, bald auf Jemilian zurück. lFonsipung folgt.) Ukine Meise mit W- Wall Lame. Bon S. R. MargulieS. * ‘ (Fortsetzung.) Zur Zeit, als die Expeditionen nach Argentinien br- - gannen, hielt ich mich in Hamburg auf und wurde zur Mit- Hilfe bei der Unterstützung und Beförderung der russischen y- Flüchtlinge ins dortige Comit^ herangezogen. Ich widmete i meine ganze freie Zeit dazu, und war froh, von meinen Erfahrungen aus diesem Gebiete unterstützt, für die Unglücklichen; und Heimathlosen etwas leisten zu können. Meinen Kollegen L im Eomits war ich ein willkommener Mitarbeiter, da sie in k mir einen Mezafanti entdeckten, der alle möglichen barbarischen, p d. h. nichtdeutschen Sprachen verstand, und besonders impo- E »irte ihnen, daß ich die vielfach von den Emigranten vor- E gewiesenen hebräischen Zeugnisse von russischen Rabbinern ohne Schwierigkeiten las, obwohl sie sich gegen solche Atteste immer sehr kalt verhielten. Die armen Auswanderer fühlten sich aber besonders wohl, mit Einem verkehren zu können, der sie so genau verstehen konnte. Mit den deutschen Herren vom Komit6 hatten sie ja stets ihre liebe Roth; jene glaubten, wenn sie bloß ein paar deutsche Worte verdrehten, schon das richtige jüdische Idiom zu sprechen und sich dem. Bruder „Polak" sehr verständlich zu machen, und Bruder „Polak" wiederum meinte, ivenn er im Gespräche mit den „Teutschen" sein Jüdisch ein wenig ummodele, so habe er zur gegenseittgen Verständigung das Möglichste geleistet. Tie babylonische Sprachverwirrung, die dennoch fortwährend herrschte, führte oft die komischsten Ouiproquo's herbei, über die man hätte lachen mögen, wenn die Situation nicht leider eine so ernste gewesen wäre. So wurde uns einmal vom Berliner.Centralcomite eine ganze Bäckergescllschast avisirt und sollte demgemäß von da nach einem Platze transportirt werden, >vo man nach den Berichten auS Amerika für Bäcker eine gute Unterkunft erwarten konnte. Aus dem Gespräche, in das ich mich mit den armen Leuten einließ, entnahm ich aber, daß sie fast durchgehends Angestellte in einem Getreideexpottgeschäft waren und vom Brotbackcn soviel verstanden, wie wir alle im Comite. Erst nach einigem '/lachdenken kam ich hinter daS Mißverständniß. Ueber ihre:. Erwerb befragt, hatten sie in Berlin die Auskunft gegeben, daß sie mit Brot beschäftigt waren, demzufolge sie denn in die ehrsame Bäckerzunft eingereihl wurden. Die Verwechselung kam daher, daß im Russischen das Wort «edlebin erster Reihe Brot bedeute, aber auch als Sammelname für alle Feldfrüchte, also für Getreide überhaupt, angewendct wird, und, davon entlehnt, heißt auch im russisch-jüdischen Idiom Brot sowohl das Brot, als das Getreide. Ein andennal wurde ein simpler Greisler in einen feinen maitre tailleur verwandelt; der Mann hatte aber nur ausgesagt, daß er von einer „Kleit" gelebt, was zu gut Deutsch heißt, er habe sich von einem kleinen Kram ernährt. Zufälliger Weise heißt nämlich im Russisch-Jüdischen „Kleit" ein Laden, während „Kleid" im Deutschen etwas Anderes bedeutet. Die Herren ln Hamburg gaben sich zwar alle Mühe, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, sie konnten aber nichts da. für, daß auf deotscheil Hochschulen, die sie vielleicht besuchten, für das Jüdisch-Russische noch keine besondere Facultät errichtet ist. Man weiß aber gar nicht, welch ein wichtiger Faktor dieses im Verkehr mit den' russischen Emigranten ist. Das zeigte sich bei so vielen Gelegenheiten. Da verwendete einer meiner College», der die Sprache des Cervantes verstand, viele Zeit darauf, ein kleine» spanisches Wörterbuch, ein sogenanntes Vaäemecnm für die jüdischen Auswanderer nach Argentinien zu verfassen, und als er es mir fettig zeigte, entdeckte ich nur den einen Fehler dann, nämlich den, daß die Uebersetzung der spanischen Phraseologie im reinsten Deutsch gegeben war, was für diejenigen, die cs benützen sollten, ebenso spanisch, als das Spanische selbst klang. Ich mußte erst die ganze Umarbeitung des Weckchens vornehmen vieles auSlassen und vieles enveitern, versah es mit einigen kräftigen Ermahnungen zur Arbeit, zur Anhänglichkeit an'S neue Vaterland, wie sie mir am besten auf das Gemüth dieser armen Menschen einzuwirken schienen, alles natürlich in gutem Jüdisch, und ich glaube, es wurde grade für den Truck reif, als die Expedition nach Argentinien wieder plötzlich sistirt wurde. — Auch an geographischer Kcnntniß in.Bezug auf Rußland hapette es sehr bei den Herren vom Comitö. Da sollten zunächst nur die Emigranten aus jenen Distticten und Ortschaften befördert werden, aus denen die Juden notorisch auSgewiesen wurden, aber da die meisten russischen OttSnamen auf „off" endigen, und Czernigoff und Czenstichoff beispielsweise hem deutschen Ohre fast gleich klingt, war hier ein Auskennen fast gar nicht möglich. Sie waren nur froh, wenn Jemand aus Petersburg oder Myskau kam, weil sie da ihrer Sache sicher sein-konnten. Zu der Zeit besuchte Herr Rev. Singer aus London auf der Durchreise vom Berliner Congreß unser Comite, dessen

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