Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 31 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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verliebt ist. Und ihn hier aufznsuchen, welche - Leidenschaft und welcher Muth. Es fiel ihm ein, daß sein Herr da drin in Gesellschaft speise. „Warte, unvorsichtige kleine Frau," dachte er „ich werde Tir zu Hülse kommen." „Herr Toktor gestatten mir eine Frage?" „Bitte!" Herr Toktor besuchen Herrn Alexandroff in seiner neuen Wohnung zum erstenmal? „Sie haben eine neue Wohnung?" fuhr Claudia heraus. „Man möchte es so nennen, gewiß Herr Toktor erinnern sich, die Privaträume lagen früher im linken Flügel, hier war ehedem, das Büreau." „Schrwohl." — „Ich darf also dm Herrn Toktor orientiren. Hier links befindet sich das Arbeitszimmer Herrn Alexandroffs. Rechts, hinter dieser Portiere sein Schlaskabinet, dessen einzige Thür wiederum nach dem Vordersaal führt. Dieser Salon hat zwei Ausgänge, der eine mündet direkt aus den Corridor —, der andere, jene Wand, an welcher Herr Toktor augenblicklich lehnen, ist eine Tapetenthür und leitet in den Speisesaal des Theaterrcstaurant." Claudia trat erschrocken mitten in das Zimmer zurück. Mit unterdrücktem Lächeln fuhr George sott: „Sobald Jemand diese Thür benützt, rühtt sich eine elektrische Klingel. Eben durch diese Tapetenthür wird Hen Alexandroff in vierzig bis fünfzig Minuten erscheinen." Ersah, wie sie zujammenzuckte, das schöne Geschöpf that ihm unsäglich leid, am liebsten hätte er ihr gesagt: Armes Kind, geh — Tu bist an falschen Otten! Aber George war ein conventioneller Mensch, er kannte seine Stellung. „Haben der Herr Toktor noch einen Befehl für mich?" „Keinen, mein Lieber. Ich danke Ihnen." „Meinen Respekt." Er beugte sich ttes. In der nächsten Minute war Claudia allein. Im Vorsaal ergttff George seinen Hut. „Mein Alter mag sich heut ohne mich behelfen," sagte er, als er die Freitreppe herab sprang, „unser reizender Gast könnte sich compromitttrt fühlen, wenn er mich wiedersähe." Darauf machte sich der zartfühlende, gute Junge einen recht ausgedehnten, fteien Abend — es war das nichts Seltenes bei ihm. . , Mittlerweile betrachtete Claudia, neugiettg wie Frauen Sind, und doppelt neugiettg, wenp sie jemals in die Zimmer »eS Geliebten gerathen, die Einrichtung des Salons. Wohlhabend war Jemilian, sehr wohlhabend. Davon sprachen die dunkelrothe Sammettapete mit' den ttngewirkten goldenen Vögeln und Blätterranken, die Smyrnateppiche und Tigerfelle, die in beabsichtigter Unordnung auf dem Divan und den Fauteuils lagetten, ein echter Steinway, zu dessen, Seiten hohe, schwarze Marmorsäulen, auf denen überlebensgroß der gallische Hahn und der russische Adler, Mttsterwerkc der Kupferindusttte auf ttnander zuzuflattern schienen. Die Seffel und Divane von'dunkelgrünem Sammet mit breiten Brokatstteifen «schmückt, der zierliche Schrttbttsch auS Polysanderholz mit seinen bunten Mosaikeinlagen und dem Paradebordbrett voll von kostbaren Nippes und Japonniaisetten, die Fächer und Dolche, Pfauenwedel in vergoldeten Basen, die venettanischen Spiegel, vor denen echte Sevrespüppchen tanzten, die silbernen Wanvteller und- Prachtkrüge, alles verkündete den üppigen Geschmack ttnes eleganten, verwöhnten Garyons. Tie eine Wand bedeckte zur Hälfte ttn Pottrait Jemilians, ttn vorzüglich gemaltks Bild, das in dem milden,' rosigen Licht der Ampel zu lebm schien. Es war in Jan van Beersscher Manier, die den Hauptwert auf die ullramoderne Eleganz der äußeren Erschttnunz legt und dem Anttitz ttn so rätselhaft spöttisches Lächeln verlttht, und darum täuschend ähnlich. Claudia konnte sich garnicht satt sehen an diesem Bilde. Durch die dünne Wand klang deutlich. Gläserklirren, Tellergeklapper und Stimmengewirr — Claudia horchte'auf. Sie unterschied die Stimme Jemilians von einem volltönenden, etwas dunklen Frauenorgan, dazwischen ein rauher Baß, offenbar ttnem älteren Manne angehöttg. Ter Baß lachte viel und sehr laut. Dann antwortete wieder der Mezzosopran, gleichfalls mit unmäßigem Heiterkeitsausbruche. Man amüsitte sich da dttnnen ganz vortrefflich. Wessen war die Frauenstimme? Claudia quälte sich, daß ihr der Kopf schmerzte, wo hatte sie bitte gezietten Laute mit dem ' künstlich schnarrenden R schon gehött? Sie kannte bitte Stimme und auch dieses übermüthige Lachen, das sie begleitete so genau. Aber wo im Leben hatte sie das gehött? Und in welcher Verbindung stand jene Frau da dttnnen zu Jemilian? Da mar etwas nicht geheuer, etwas, was ihr * besser verschwiegen blieb! Mit einem mal ergttff Claudia eine fürchterliche Angst. In welche schitte Situation hatte sie sich gebracht. Albern, unsagbar albern, wie ttn verliebter Backfisch hatte sie gehandelt, in einer lächerlichen Verkleidung hierherzukommen. Zwar, ttn guter Zweck hatte'sie hergefühtt, für die Frttlassung des Patriarchen zu bitten. Du lügst, tobte es in ihr. hättest Tu darum an Alexandroff geschrieben, eS wäre für die Liedertrost dasselbe gewesen. So mußte es sttn, sie wollte Alexandroff schrttben, und dann auf und davon, so schnell sie ihre Füße ttagen konnten. Hastig ergttff sie ttne der Elfenbttnplatten, die mit goldnem Crayon versehen auf dem Schreibtisch umherlagen und schrieb darauf in fliegender Eile, während ihre Pulse klopften und ihr Herz zum Zerspringen schlug; wahr und gut wie immer, und selbst in bitter höchsten Aufregung noch romanttsch und voll Vettrauen: „Werther Herr! ' Claudia von Moorbach kam heut hieher Sie zu sehen. Für das Wagnis dittes Besuches schulden Sie ihr ein Gastgeschenk, — erwirken Sie die soforttge Frttlassung de» unglücklichen Herren Liedettrost. .'." Ta hötte sie Schtttte. Erschrocken ließ Claudia die Platte fallen. Wo hinaus? Sie wollte und mußte fliehen, dann aber siegte ttn wahnsinniges Verlangen in ihr, jene Frau zu sehen, sie zu sehen, um jeden Preis: sie flog hinter die Pottiöre um zu lauschen. Durch die Tapttenthür ttaten Alexandroff, Life Lehmann am Arm, ihnen folgte der Direktor Kemski. - Herr Direktor Kemski war ttgentlich ttn sehr miserabeler Direktor, aber als Schauspieler gar nicht so übel. Sttn Fach waren die gutmüttgen Väter- und Onkelrollen. Er spielte sie auch im Leben recht brav. „Aber Kind, liebes, thöttchtes Kind," ließ sich sttn Väterlicher Baß jetzt vernehmen, „unter meinem Schutz wirst Du doch nicht zagen, das Httm eines Cavaliers zu betreten, für dessen lautere Absichten Dir sein guter Name bürgt!" „Ihr Schutz, Kemskr!" lachte Life Lehmann, sie schtte förmlich vor Lachen; „Das wäre ebenso gut, als wollte ich btt Gewitterregen ttnen Parapluie von Flochapier über mich spannen, aber nun ist's ja egal, nun bin ich ttnmal hien tübsch habm Sitts Alexandroff, sehr hübsch." ie hatte sich von Jemilians Arm los gemacht und spazierte im Zimmer herum. Plötzlich stieß sie ttnen Schrei aus: „Himmel, wie kommt Fräulein von Moorbach hieher?"- Claudia starrte das Blut, aber Life hatte sie keineswegs entdeckt,-sie stand vor dem Schrttbttsch, ja sie kehrte Claudia den Rücken zu als sie rief: . „Das' ist ihr Bild, wie merkwürdig!" „Sehr natürlich," sagte Jemilian, „sie hat es mit gttchenkt." „Sie kennen Fräulein'von Moorbach? Woher? Wieso? Das müssen Sie mir erzählen." „Wenn eS Dir Vergnügen macht —.“ „ES iftzu interessant. Setzen Sie sich hier auf das Tabouret zu mttnen Füßen und jetzt sprechen Sie, ich brenne vor Neugier, ich schwärme nämlich für die schönt Claudia." ' „Ich nicht. Obwohl-sie sterbsich in mich versiebt war.' „Waas?"