Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 31 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
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Bekanntschaft ich demnach machte. Er sahmeiner. Thätigkeit im Verkehr mit den Emigranten zu und mochte wohl ein paar englische Brocken.aafgegriffen haben, die ich an einen aus Amerika zurückgekehrten Auswanderer — auch mit solchen, die sich nach dm Fleischtöpseu Rußlands znrückschnten, hatten wir uns zuweilen zu befassen.— richtete und die Herr Singer wohl mit der die Engländer auszeichnmden Höflichkeit und Nachsicht in der Beuttheilung der mglisch sprechenden Ausländer als »psrkeotl^ well« gefunden haben mochte. Diesem Umstande dürste ich es. zu verdankm haben, daß ich einige Zeit darauf, als ich mich schon in Lübeck niedergelassen hatte von der „Jewish Asscciation" in London die Anftage erhielt, ob ich, .da ich.mich für diese jüdisch« Angelegmheitm so sehr interesfitte und ihnen gern meint Zeit widme, nicht willms wäre, mit Herm Hall Eaine eine Studienreise zu unternehmen, um ihmdas nothwmdige Material für die Kenntniß der jüdischen Zustände, Sitten und Gebräuche zu verschaffen, das er im bestm Sinne zu verwetthm gedenke. Herr Caine habe bereits durch ein Werk über Marokko, »The Scapegott«, die edle Absicht, für die. Juden, in die.Schrankm zu ttetm, bestens dargethgn und verfolge jetzt in. Bezug auf die russischen Judm ein ähnliches Ziel. Ich nahm das Anerbietm im Interesse der gutm Sache ohne langes Bedenken an Nnd schmeichelte mir auch, dm richtigen Wegweiser abgeben zu könnm. Mir ward nur etwas bange, als ich erfuhr, daß mein. Reisegmosse, trotz seines vielen Wissens, wie die meistm bedmtmdm Männer.in England keine Sprache außer Englisch spreche und ich, wie erwähnt, darin nur Autodidakt war und meine ganze Conversatlonspraxis sich bis jcfet auf das Gespräch mit dem russisch-jüdischen Amerikaner beschränk. Es half aber nicht, ich wurde' gedrängt, und da ich A sagte, mußte ich auch B sagen und der Versuch mußte gemacht werden — Im „Kaiserhof" zu Berlin fand die erste Begegnung zwischm dem „Engländer aus Keswick" und dem „Engländer aus Lübeck/- wie uns der Pottier im Hötel, wenn nach uns geftägt wurde, bezeichnete, statt. Die Effcheinung des Herrn Hall Caine fft eine derattg sympathische, daß er nicht allein mich, sondern auch alle Personen, hohm - oder niedrigen Standes, mit dmm wir auf unserer-Reffe zu-verkehrm hatten, gleich im erstm Augenblicke für sich einnahm- Schlank von Gestalt, mit röthlichem Batt nnd künstlerisch gescheiteltem, langem Haar, verräth seine hohe, kahlgelegte Stirn dm tiefsinnigm, rastlos arbeitmdm Geist, indeß aus dem tteublickmdcn Auge nn ffffmhcrziges Wesm hervottcuchtet. Obwohl etwas nachlässig in seiner Kleidung, läßt er doch in seinem graum Anzug, dm er fast niemals wechselt, den echten Gentleman vom Wirbel bis zur Zehe erfenntn. Di« erstm Begrüßungsphrasm wurden rasch, gewechselt, und da eS dabet auf dm Sinn der Worte nicht ankommt, kany ich wahrlich' nicht angebm, ob wir uns einander verstanden, oder der Händedruck blos alles sagte, was zu sagm war. Run -begann die erste. Unterredung. Da 'aber zeigte es sich, daß sich in meinem Kopf« zwar ein. wohlassottittes 'Lager von .mglischm Vokabeln md Sätzen befand, nur dauerte es immer eine gute Weile, bis ich die nöthigm Artikel hervorholte und sie aneinanderreihte Und. doch verstand Herr Caine mich besser, als ich -ihn; die ungewohntm mglische Laute drangm gar nicht jo recht in mein Ohr. Vielleicht hatte, er schon einmal einm galizischm Engländer, ich aber noch niemals einen mglischm -Engländer sprechen höre». Wir ttöstttm uns aber mit der Macht der Gewohnheit und verließen -uns auf die alles, auch die schwache mglische Zunge, heilende Zeit. - Herr Eaine sprach mir Muth'zu, und so entschloß ich mich, auf das Wagniß cinzugehm, über welchen muthigm Entschluß ich mich jetzt noch' freue. Dmu man findtt' im Lebm seltm Gelegenheit, mit einem Manne von solch ttefflichm Eigenschaften des Geistes und Herzens in nn so intime« Berhältniß -zu ttttm, wse eS sich,na-ch und nach zwischm uns herausgebildet. Immer mehr fühlte ich mich zü ihm hingezogm, und diese gefaßte Zuneigung und daS mge Zusammmlebm bewirkten es, daß ich mich mit dem Englisch« schneller zurecht fand, als ich H es geahnt. (Schluß solgt.) . Aus Kyrtl's Heben. ■ 'iS- Vom jüngst zu Perchtolsdorf in hohem Alter verstor» bmen großm Anatomm der Wimer Universstät, Hoftath Professor Tr. Hqrtl, erzählt Herr Dr. Kronfeld maychep Lebenszüge, von dmm die folgmdm in diesem Blatte wieder» gegeben zu werdm verdimm : Aus meiner Studimzcit — erzählt K. — ist mir folgender Fall in Erinnerung: Ein Mediziner, der im tiefste» sich durch die Studienzeit durchkämpfte, batte in. der § Elend Universitätsbibliothek einmal in Hyrtl's topographischer Anatomie gelesen. Der Arme war entzückt und begeistert. Wie»- der und wieder kam er des Buches .wegen..Mt BjhliochH Tann aber zog der Winter in's Land und der Bcttelstudent ' - mußte in der Küche, die er mit der Familie eines Timst manneS bewohnte, unter das Federbett kriechm, um nicht zu' i erstierm.. In seiner Verzweiflung gedachte der Studmt oft Z des henlichm Buches. Was der Mythos von Hyttl's Güte / erzählte, zog dem Armm durch dm Kopf. Und er setzte sich 3 hin und schtteb dem Hoftath einm Brief, in dem er ihn mit' / aufgehobenm Händm um ein Exemplar der topographisch« Anatomie bat. Der Mediziner hieß Simche Frürrstein. Der \ Name ist nicht so geattet, daß er in unserer Zeit besonders. ° i empfehlend klingen würde. WaS aber that Hyttl? Sr sandte. dem jungen Manne, dessm Name, so oft er laut verlesen % wurde, Anlaß zu einem Halloh und Spottlachm unter dm liebmswürdigcn Kollegengab, Geld und eine Einladung. / / Ueberglücklich fuhr Feuerstein an dem besttmmtm Tage nach Perchtolsdorf. Hyttl empfing ihn mit einer Wärme und | Innigkeit, als begrüßte er einm -altm Frmnd. Er bat dm / schüchternen Sohn Aeskulaps zu Tische und plaudette mittz ihm von Gegmwatt und Bergangmheit. Zum Schluffe häu» - digte der edle Meister dem Jünger eine Anweisung an die Wimer Verlagsbuchhandlung Braumüller ein.' Als der Me- . i diztner dm Zettel präsmtjtte, erhielt er sämMtliche Werke tyrtl's in Prachteinband ausgefolgt --- eine medizinische ibliöchek. - - . » » ^Bekannter ist folgmde Anekdote, die über chn kurfitt: Ein Mischer Doktorand der Medizin. .RamenS Jerusalem, unterzdg. sich bei Hyttl dem Rigorosum und seine Angehörige» harttm mit gespannter Ungeduld .vor der Thüre deS Prüfungssaales deS Prüfungsergebnisses. Da öffnet sich die Thütt und statt des sehnsüchtig erwattetm Kandidatm ttttd Professor Hyttl heraus, der beim Anblicke der Mmge in die brannte Elegie des' JeremiaS auSbncht: „Weine Israel, Jemfalem ist gefallm. $ -L * _r $ Interessant ist auch, daß Hyttl sich gegen die Vivisektion in scharfer Weise aussprach. Sr bezeichnet sie alSdie „empörmdfte und nutzloseste. Thierquälerei". Jhrm'Ber- H fechtem ruft er zu: „Die Worte der heiligen Schrift: ^.Der G- Gerechte erbarmt sich seines ThiereS", sind nicht bloß für die "Jß Wiener Fuhrknechte' geschtteben wordm, sie gehm auch einige A Professor« an.- Wer es ansehm könne,' wie der Professor. einer Taube dm Schädel mit glühenden Radeln durchstochert, M u. s. w.' — der solle bin Schinderknecht, aber kein Arzt.^- werdm!" - - - . - (IflU Bnanttsortl. »tiwftwi 8R. Rah««r, Druck Leistner & Dre«s», Bctifl« Walther Die «»Sßewiefmm. «iue Erzählung au« der l wart von L. Vera.- (Forsetzüng.) — Weine Weise »it Mr. W«l»e. «v» S.«.Marg,lie«. — «MC*«'* f