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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 29 (1894) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
29 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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Jrtzt gewahrte Claudia, daß der hübsche Priester hellblaue, wie Glas schimmernde Augen hatte, und daß sein Blick, frech und schamlos ■— einen Blick, wie ihn die unerfahrene Claudia noch nie in den Augen eines Mannes gesehn — die Prachtgestalt der schönen Frau überflog. Aber Frau HelsiL antwottttc diesem Blick. Ihre dunllen Augen funkelten einen so heftigen, tötlichen Haß, daß der Priester bis über die Stirn crröthend, verlegen das Zeichen des Kreuzes in der Brust kopirmd — sich von ihr wandte. „Elena Pettowna," begann die Polizeimeistenn feierlich, „wenn Sie Ihren Engel noch einmal küssen wollen . . .“ „Nein", sagte Helsiü hatt. Anna Feodorowna winkte, die Träger ergriffen den Sarg. Auf der Sttaße ordnete sich der Zug. Voran die Kirchendiener, auf ihren Schultern das auf Stangm ruhende, ho^ aufgebaute Gerüst der Bahre ttagend, obenauf der rothe Sammetsarg von einem Wall von Kränzen verdeckt, hinter dm Leichenttägern die Diatschok und Mönche der Boromäusbrüderschaft mit brennenden Kerzm und Fahnen, darauf ein Bruder mit dem juwelensunkelden Marienbild, hinter chm der Pope im Omat, ihm folgmd die große Mmge der Leidttagendm und die Karossm mit den Damm. Der Zug schritt die Petrikauersttaße, die Altstadt oder Wulka hinauf. Üeberall an dm Rändem der Sttaße. bleiben Neugierige und Gaffer stehen. „Ein schönes Begräbniß!" „Wer ist es?" fragt ein hübsches Mädchen ihren Nach-, bar. „Weiß nicht. Scheint reicher Leute Kind." „Da geht auch der neue Pope mit, ein bildhübscher Mensch. Sieh, dem steht das goldgestickte Gewand recht gut. Ach, und das prächtige, silberne Kreuz. Wie ein keiner Heiliger sieht er aus!" „Ter kleine Heilige ist ein großer Schürzenjäger," ruft ein junger Mann lachend in die Mmge. Nichtsdestoweniger entblößt der Spötter, da der Zug sich nähmt, ehrerbietig vor Lmnid Alexandroff sein Haupt, wie alle anderm Gläubigen. „Tu, sieh nur, wer das ist!" sagte eine alte jüdische Frau und stößt ihrm Mann in die Seite. „Weiß ich's denn nicht?" brummt der Mann grimmig. „Abraham Liederttost's. Enkel nimmt einschönes Ende! Wenn der Alte hier wäre, bräche er dem Sohne den Hals." Ter Zug bewegt sich langsam, Schritt für Schritt. Weit, hinter chm, rollt ein Gefähtt in rasmder Eile, wahrscheinlich ein Verspäteter, der an der Bestattung sich noch bethciligen will. Endlich, jetzt hat der Wagm das Träuergefolge erreicht, Herr von Kaminski springt aus dem Cap, sem anderer Insasse, Bmno Liederttost, rast weiterdie Bahn» sttaße hinauf. „Wie so sich Kaminski wohl verspätet hat?" denkt Salmon ziemlich gleichgültig, wie chm jmer aber achemlos mtgegmtritt, weiß n schon: das ist kein Nachkömmling, der sich entschuldigen will, — er ahnt Unheil. . - „Mich suchen Sie?". „Ja wohl. Ihr Vater hat depeschttt ... er kömmt so- «bm ... setzm Sie sich in einm Wagm — Sie und Ihre Freunde alle — daß man Sie nicht sieht . . ich werde Leonid überredm dm Zug nicht über die Bahnsttaße zu führen . . Bmno holt Ihrm Vater von der Bahn, er wird seinerseits versuchm auf der Rückfahrt einm Umweg zu nehmen." Salmon und seine Freunde stiegm sofott in die Equipagen, deren Fmster mit dunllm Borhüngm versehm, ihnm einm leidlichen Versteck gewährten. Kammiski bemühte sich möglichst unanffällig in Leonids Nähe zn gelangen. Der Pope hatte bemerkt, daß sich hinter ihgl etwas Ungewöhnliches zutrug. „Papascha,". sagte Kaminski, mit all der ihm eigmm geschmeidige» Höflichkeit, „Papascha eine demüthige Bitte an Djch ..." „Was wollm Sie?" „Eine Kleinigkeit, Väterchen, befiehl, daß der Condukt nicht am Bahnhof die Chaussee vorüberziehe ..." „Wamm? was giebts?" 'Ehrlichkeit ist der beste Aushelf, denkt Kaminski. Er kannte die ehemaligen Beziehungen des jungen Geistlichen zum Hause Liederttost sehr gmau, er wußte auch durch bestimmte Aeußerungen JemilianS. daß Leonid jede Begegnung mtt seinem einsttgen Pflegevater in wahrhaft abergläubischer Angst zu vermeiden strebte; er sagte ihm also unverhohlen den wahren Grund seiner Bitte. Zu jeder anderm Stunde hätte Leonid unweigerlich nachgegeben — aber der eitle Mensch hatte sich über Helsiü's eisige Geringschätzung geärgert, die Gelegenheit der stolzen Frau mit einer öffentlichen Dcmüthigüng ihres Gatten doppelt heimzuzahlen, kam ihm eben recht. „Was geht das mich an, ob der alte Jude kommt oder nicht?" antwottete er tückisch. „Will Peter Abramowitsch schon sein Christenthum verleugnen? Nein, es wird Fein Umweg gemacht." Kaminski überlegte. Sollte er Jemilians Verplittelung ‘ anrusen? Aber Jemilian hatte dem Leichengefolge nur der Form nach bis zur Wulka das Geleit gegebm und war längst nach der Stadt zurückgekehtt — er sah auf die Uhr — zehn Minuten nach, vier — der Zug von Warschau kam vier Uhr fünf. Der Alte war also schon da — man war ihm bis jetzt nicht begegnet, offmbar hatte Bmno seinen Vater wie verabredet bereits iu einem Bogen über Pfaffeqdorf in die Stadt gefahrm. - ' . - ' Vier Uhr zehn . . . Nun mochten die Träger ruhig in die Bahnsttaße einbiegen, es konnte kein Unheil mehr päsfirm. Voll des angenehmm Gefühls eine schwierige Angelegenheit leidlich erledigt zu haben, stieg er zu Salmon in den Wagm und sagten „Ich glaube, wir ängsttgen uqs umsonst, Ihr Vater wird durch dm langm Umweg kaum etwas gewahr werdm. Der gnädigm Frauwürde ich empfehlm auf der Rückfahrt bei einer ihrer Frmndinnm vorzusprechen und dott auf alle Fälle sich des verrätherischm Krepps und des Kreuzschmuckes zu entledigen." Herr von Kaminski war ein schr kluger Mann, aber je klüger die Leute,-je dümmer die Zufälle, die sich ihnm in dm Weg werfm. Der Zug Von Warschau hatte sich um lumpige. zehn Minutm verspätet. B.mno stand wie auf Nadeln, er hätte der Lokomottve - mtgegmlaufen mögen — endlich kam sie. Da war auch der Vater. Müde, abgespannt — mit traurigem Lächeln ließ er sich die Umarmung des Sohnes gefallm. „Sicht Alles wohl?*-- . „Ja Vater." Er reichte ihm dm Arm und wollte ihm an dm Wagen führen. „Ist daK nicht Kamiyski's Cap?" „Ja, Vater. Steig nur schnell ein." , . „Wo dockst Tu hin, Junge, es ist Freitag. ' Zum Fahre« ist ei nun viel zu spät." „Aber der weite Weg?!" - „Ich werde doch deswegm nicht in den Sabbath hinein fahren! ich bin durchaus nicht müde, komm!" Sie gingm ein Stück Weges die Chaussee hinab, der Alte schweigsam, offmbar sehr trüb« gesttmmt, währmd sich Bmno das Gehirn zermattette eine Ausrede zu'findm, um. dm Vater von der geradm.Route über die Bahnsttaße ab» znlmkm. An der Ecke krmzte sich der Weg. „Wir wollm an der Hermiuenvilla vorbei —" „Warum nicht die Bahnsttaße?" „Ich habe Salmon versprochen dott in dem Nippertschm Bureau einm Auftrag auszurichtm." ' .„Dann gehe allein, -mein Sohn. Mir ist dm-Umweg zu wett, auch sehne ich mich sehr muh dm Kindern,"

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