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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 28 (1894) · p. Seite 111

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
28 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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Erfurt» im Jahre 18-0 für Professor vr. ö. S. Unger ausgestellten Ehrenbürgerbriefes. Am 20. Sept. jenes Jahre» nämlich feierte vr. Unger die bO. Wiederkehr de» Tages, an dem er einst in die Reihe der Docenten der Erfurter Universität eingetreteu war. Das Kunstblatt, eine gelungene Arbeit unsere» unvergeßlichen Heinrich Kruspe, verdient umsomehr am heutigen Tage unsere Beachtung, als das LOjährige Jubiläum des Realgymnasiums, welches zur Zeit in unseren Mauern begaugcn wird, die Erinnerung an Unger. als an de» geistigen Begründer und erste» Lehrer dieser Anstalt, von selbst wachruft. Betrachten wir die Zeichnung näher. Die Motive, welche der Künstler zur Ausschmückung des Textes venvendct hat, sind theils von der Stätte der Wrksamkeit de» Jubilars, theils von seiner Wissenschaft und theils vo» seinem Berufe entlehnt. Wir erkennen da mit Vergnügen cine Abbildung der Alten Rmlschule in der Barfüßerstraße; wir finden den Hinweis auf die Mathematik ick der Darstellung der geschichtlich überlieferten Begegnung deS syrakusaniichen Gelehrten Archimedesmit dem zur Plünderung bereiten, m das Peristal .«indringenden römischen. Soldaten, dem jener, nur um sein Studium besorgt, zurust: .Zertritt mir meiue Kreise nicht!" Endlich weisen freundlich« Krndergestaltcn aus die Thatsache hin. daß Unger dem Unterrichte der Jugend seine beste Krait gewidmet hat Nachstehend geben wir den Wortlaut des Diploms: ' .Sie habe», hochgcehrtesttr Iscrr Jubilar, in einem langen (eben voll eifrigen.und gesegnetenForschens Ihren Namen mit Ehren in die Annalen der Wissenschaft e getragen und haben zugleich, ja noch viel mehr, ein vorzügliches Geschick darin bewiesen, den Resultaten des reinen Denkens durch ihr« Verwendung zum Lösen von tief eingreifenden Fragen -es Lebens Durchsichtigkeit des Ausdrucks ebenso wie Reichthum des Inhalts zu geben. Wenn Ihnen darum ganz Deutschland als Ge. lehrten) unser Vaterland im Besonderen als Lehrer seiner Lehrer, den gerechten Dank n:cht vorenthalten kann, wenn Wiltwen und Waisen in vielen- Gauen Preußens die hilf« zur Milderung ihres Looses Ihnen nachrühmen müssen, in wie viel höherem Grade hat der nächste Kreis für Ihre ununterbrochene angesttengte Arbeit, unsere Stadt, die Pflicht, Ihnen Achtung und Liebe zu'zollen! Wir verehren in Ihnen den letzten DoceMen unserer früheren Universität und damit einen der tüchtigsten Repräsentanten des Geistes, der in der wiffenschaftlichen Bildung die Weihe des Lebens findet, — unsere Schulen verdanke» Ihnen unmittelbar oder mittelbar einen großen, Aufschwung, ja die eine Ihrem Voranschreiten das Entstehen, — viel« unserer öffentlichen und privaten Verwaltungs-Institute haben sich Ihres durchdachten Rathes oder Ihres wirksamen Eingreifens erfreut, - alle Bürger haben an Ihrer Treuem der Erfüllung der Berufspflichtcn, an der Uneigennützigkeit Ihres Handelns, an Ihrer liebenswürdigen Bescheidenheit im Umgang« ein Muster gehabt. ' Weil wir wissen, daß di« Bürgerschaft von diesem Bewußtsein erfüllt ist, .und weil wir es als eine unserer schönsten Pflichten erkennen, einem solchen.Bewußtsein Ausdruck zu geben, .ernenn«! wir, Magistrat und Stadtverordnete, Sic al» den Bürger, der unserer Stadt seit fünfzig Jahren Ehre gebracht und mit Gotte» Beistand noch lange' bringen wird, an Ihrem heutigen Iubeltage zuin . Ehrenbürger von Erfurt- Erfurt, den 20. September 1860. Der Magistrat. (gez.) von Oldershausen. von Seebach u. s w. Die Stadtverordneten. ' (Folge, di« llalerschristen.) Dies« im Lapidarstil abgefaßteu Sätze bedürfe», kaum einer Erläuterung. Rur der Hinweis auf die dankbare 9c» sinnung von .Bittwen und Waisen" muß erklärt werden. Er bezieht sich auf Ungers gründliche Untersuchungen über da- Versicherungswesen, als deren Resultat der Plan zur Gothaer Lcbens- und Feuerversicherung und eine Schrift über .Begräbiußkassen-Bereine" anzusehen sind. Sonst geht des Manne» Bedeutung klar aus jenem Dokumente hervor. Auch ein allgemeiner Gedanke drängt sich hierbei aus. Ein jeder, der mit uns annimmt, daß die Erfurter Stadtbehörden vom Jahre 1860 wußten, was sie thaten, indeni sie diese so seltene Ehre, einem wackeren Mitbürger, der zufällig nicht der Landes» kirche angehörte, verliehen, — der wird auch mit uns der Ueberzeugung leben, daß eine gemeinnützige und wissenschaftliche Thätigkeit nicht uothwendig an ein einzelnes kirchliches Bekenntniß gebunden ist. Ta es dem Verfasser dieser Zeilen vergönnt mar, zum hundertsten Geburtstage Ephraim Salomon Ungers am 8. März 1389 eine ziemlich ausführliche Würdigung deS Lebens und Wiikens dieses um unsere Stadt so hoch ver» dienten Mannes zu veröffentlichen, so können wir uns heute auf die Wiedergabe der Hauptdaten auS Ungers Leben beschränken Ephraim Salomon Unger wurde am 8'März 1789 zu Coswig gebrrcn und erlangte seine Ausbildung zumeist in Erfurt, wohin der Vater im Jahre 1806 übergesiedelt war. Am 29. August 1867, also zur Zeit der französischen Fremd» Herrschaft, wurde er als Studiosus der Philosophie an der damaligen Erfurter Universität immatrikuliert und Höne hier hauptsächlich mathematische Vorlesungen, vornehmlich bei Hamilton und I. B. Siegling. Lossius führte ihn in die Kantischc Philosophie ein. Am 20. September 1810 wurde Unger noch unter dem Protektorate Napoleons zum Doktor der Philosophie promoviert und las in der Folge als Privat» docent über die mathematischen Disziplinen. Als dir Erfurter Hochschule am >4. November 1816 aufgehoben wurde, trat er als Lehrer in das Weiugärtnersche Institut ein, welchem er bis zu dessen Auflösung angehörte. Auf Veranlassung deS Generals von Jagow hielt er iu den Jahren 1818—23 den Offizieren der Garnison mathematische Vorträge und gründete gleichzeitig in Gemeinschaft mit seinem Bruder, dem Königlichen Baukondukteur und späteren Hofageuten David Unger, eine mathematische Privat-Lehranstalt. Tieie wurde 1834 in eine provisorische Realschule, umgrivandelt und im Jahre 1844 von der Stadt übernommen welche letztere sie zu einer öffentliche» umwandclte. Daraus crivuchs in der Folgezeit das hiesige Kgl. Realgymnasium, dessen derzeitige Scmisäkular-Feier auf die soeben erwähnte geschichtliche Thatsache zurückzujührcn ist. Bei dem Uebcrgangc der Anstalt aus seinem Besitze in den der Erfurter Stadtgemeinde mußte Unger aus konsessioncUrn Gründen — er war jüdischen Bekenntnisses — das Opfer bringen, aus die fernere Leitung der von ihm gegründeten Schule zu verzichten. Seitdem war er als Lehrer der Mathe» matik in den oberen Klassen der städtischen Realschule be» schäftigt, und zwar erfolgte seine definitive Anstellung am 6. September 1848; sein Patent als Oberlehrer datiert vom 23. Oktober desselben Jahres. Am 24. Mai 1849 verlieh ihm der König den Professor»Titel, später auch den Rothen Adlerorde» IV. Klasse. Wie schon oben erwähnt ist, hatte Unger da» Glück, am 20. September 1880 das Jubiläum seiner Habilitierung al» Privatdocent an der ehemaligen Universität Erfurt zu feiern. Slachdem er im Herbst 1860 in den Ruhestand getreten war, lebte er, kommunalen Interessen sich biS zuletzt widniend, noch S Jahre, bis zu seinem am 1. November 1870 erfolgten Tode. Seine ersprießliche Thäfigkeit für Ausbildung der Methode des Rechen-UnterrichtS, im Verlaufe deren er die betreffende Literatur wesentlich bereichert hat, gehört der Geschichte der Pädagogik an; seine Persönlichkeit aber, deren seine zahlreichen Schüler noch heute gern uud pietäwoll gedenken, ist mit einem halben Jahrhundert Erfurtischer Geschichte unlösbar verknüpft.

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