Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 27 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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SWft EeligumnnS' zu friern, unb mir ward btt ehrenhafte Auftrag, dem Manne, der vor kurzem seine irdische Laufbahn vollendet, einen JmmoNellenkranz auf das Grab zu legen. Die seltenen Tugtttdm und vorzüglichen Eigenschaften deS BerstorbMm liefern die schönstm Blumen zu diesem KrauFe. 4n erster Reihe bezeichne ich als Blumen dieser KranzeS: feinen jugendlichen Enthusiasmus, seine Thatkraft und Ausdauer, mit welchen er die Ziele verfolgte, welche er sich zu erreichen vorßenommen. Unermüdlicher Fleiß, ein '«elbewußter-Unternehmungsgeist waren zwei Schutzengel, die ihn. von Stufe zu Stufe begleiteten, bis er den Gipfelpunkt seines -StrrbenS errcichte. Der Verstorben« hat unS vor noch nicht langer Zeit in schlichten Worten seilte'Ledmsgeschichte selbst erzählt. ES ent- ,rollt sich in dieser Erzählung da» Bild deS dritten Patriarchen. - Sr konMe mit lym sagen: .Ich hatte nicht mehr, denn »einen Stab, da ich über den Ozean ging, und nun bin ich zu zwei Lagern geworden." - Und als er nach langem Ringen und Stteben sich endlich «tue ehrenhaste Stellung erworben, welche Reichthum seinem Besitzer verleihet, da lag "die. Versuchung' nahe, sich ganz dem Genusie hinzugeben. Reichthum giebt Macht. Und wahrlich, er -hatte genugsam angesammelt, daß er seinem Herzen keine Freude zu versagen, seinsn Augen nichts zu entziehen brauchte, was sie auch »erlangen mockten. Er konnte sich ungestött dem Bollgmusse irdischer Freuden in'die Arme werfen. That er daS? Wie füllte {t die Mußestunden ouS, in welchen er nach angesttengter Thätigkeit Erholung suchte? Mit der Für» sorge für Leidende ukid Unglückliche aller Att. Und so finden wir denn al» weitere Blumen für seinen Jmmottellmkranz: die Mild« und Barmherzigkeit sowie die Ausdauer im Wohlthun. Freilich find das Eigenschaften, die unfern ganzen Stamm lrakterisiren. Israels Herz ist immer wach, wo es gilt ichten der Nächstenliebe zu erfüllen.. Jedes Weh weckt da» itgefühl de»' Juden,' und er kennt keinen Unterschied deS tammes und des Glauben», wo e» gilt, die Noth zu lindern, oder dem Unglücklichen beizuftehen. Bei I. Seligman. standen 'diese Blumen in voller Blüthe, trieben-immer frische Knospen, vgn der Mild« eineanhaltenden-Frühlingshauches gezeitigt. .Er unterstützte nicht nur alle .jüdischen,, sondern auch die christlichen WohlthätigkeitSanstalten. Seine- Liebliygsanstalt aber war unser Hebrpw Orplian Asytom, in welchem 'er in den letzten 30 Jahren seine Sonntage, verlebte. ' i Gestatten sie mir hier eine-Episode einzuflrchtcn, die Ihne» in einem engen Rahmen ein. Miniaturbild von se>ner ' KerzenSgüte geben wird. ES waran einem Sonntage im März de» Jahre» 1870. Jefse Seligman war damals Lice-Präsideut, und der Jhiien da». Folgende erzählt, der Superintendent de» Waisenhauses. .Ich möchte," sagte er, alS er in meiyer Amtsstube Plptz - genommen, ,zum.13. GebuttStagr meine« Sohnes Henry, 5m Waismkiudcrn ein Geschenk machen, und ersuche Sie mir vor» "zuschlagm,-womit ich deiz Kindern eine Frmde bcreitm kann." Naturgemäß fiel mir sofort die Frage ein, wie groß die Summe sei, die er dafür ausgebm möchte? Doch die Frage «starb mir auf derHunge, und. ich half mir au« der augenblicklichm Verlegenheit, indem ich. mir eine Woche Bedmkzeit ' ausbat.' ' Am folgmdm Sonntag Nahm ich ihn nach, dem Spiel- .zimm« und machte ihm dort'den Vorschlag, in einem abzu» scheideydm Dheile di^e» Raume» eine Druckerei einiurichtm' m welcher zehy Waisenknabe« zu Echriftsetznu und Buch» strackem heranaebildet werdm könnm, und damit dm Grund» stein zu eia« Industrieschule zu lege». - »L/ »U msav» t» workl« so lautetm die Worte, >.%« « mthusiastisch gnSrief, »kaufm Sie da« Röthige ei» »ad Sie feJWtHMto ««-« Qgcf schicke»," Eie betrugen die Summe von 1079.89 Dollar. Diese kleine Druckerei sollte bald größere Dimmsionen annehme«. Im darauf folgeodm Jahre würde Jefse Seligman zum Präsidmtm des Waisenhauses erwählt, und untn sein« Leitung wurde ein Annex zum Waisenhaus an d« 76. Sttaße gebaut,' und als Industrieschule mit großm Dampfpressm eingerichtet. AuS dies« Schule sind Männer hervorgegangm, welche heute mtwedn eigene Druckneien besitzen, od« an hiesigm großm teitungm angestellt und mit ihrem erlemten Handwerke ihre amilim anständig «nähren. Diese wnden inSgesammk Jesse EeligmanS Audmken in dankbar« Bnrhrung «halten. Eine femere Blume für seinen Jminottellmkranz ist da» warme Gefühl, welche« n unfern unglücklichen russischen Brüdem mtgegmbrachte, von dem Tage, als die ersten Einwand«« dm freien Boden Amerikas bettatm bis zu den letzten Tagen seines irdischm Dasein». War ja auch « au» einem Lande eingewandett, in welchem die Juden nur Pflichtm ab« keine Rechte hatten. DaS biblische Wort: »Fremde wäret ihr doch im Lande Egypten," daS « als Borachtundvirrzigcr wohl bitt« empfundm, muß sein Mitgefühl für seine weit mehr verfolgten russischen Glaubmsbrüd« noch gesteigert habm. Er war daher imm« unter den Ersten, wenn eS galt dm Eingrwandettm Hülfe angedeihm zu lassen. Wir wissen, daß « im Committee des Baron Hirfch-FondS als Schatzmeistn fungittc. Und als die Einwanderung riesige Proportionen annahm, und Tausmde uns«« unglücklichen Brüder uöchmtlich landtten, rief « einmal au»: »Wie schade, daß wir doch das WaiseNhauS nicht größer angelegt haben! Die Zeit ist nicht fnn, wo eS sich als nicht ausreichend hnausstellen muß. Wir hättm eS für 1500 anstatt für 700 JnsassM einrichtm müssen." Eine unverwelkliche Blume in seinem Kranze war seine hin» gebmde L»e b r zu seinem Adopnv-V a t e r l a n d e, sein r»iS» mus, seine unerschütterliche Hoffnung in jmen ttavngm Tagen, alS uns« Bat«land in großen Ges «hren schwebte, die Hoffnung, daß cs durch Nacht zum Licht, zum endlichen Siege durch, brechen müsse, daß es dann grüß« und mächtig« als jemals dastehm w«de. Brauche ich Ihnen «ft sagen, auf welch« Seite Jesse Seligmann in der. Sklaverei-Frage staub? Ich will ihn selb« sprechen lassm und die Watte wiednholen, welche ich währmd deS Bürgerkriege« aus seinem Munde Hütte: »Wie kann ein Jude," sagte n, »dn an jedem FreiheitS-Feste, an jedem Srdnabmde Gott dafür dankt, daß n unsere Ban'ahren vor 4000 Jahren aus dem Sklavmdienste zur Freiheit gefühtt, wie kann ein Jude gegen Abschaffung d« Sklaverei sein?" Zu dem Jmmottellenkranze darf noch eine herrliche Blume nicht fehlen: seine Liebe zur Kunst, und die reichliche Unt«. stützmrw die n jugendlichen musikal'schm Talmtcn angedeihm ließ, indem « sie zu ihr« Ausbildung nach Deutschland oder Italien auf seine Kostm schickte. Freilich sind manche von ihnm keine .Künstln gewordm, od« haben nicht da» Vertrauen ge« rechtfertigt, daS man in sie gesetzt hatte, doch ließ d« groß» müthig« Mann sich durch manche ve.eitelte Hoffnung nicht i«e machm, Andem seine Unterstützung angedeihm zu lassm. Seine Leutseligkeit, seine Frmudlichkeit im gesellschaftlichen Umgänge, nicht nur Menschm, welchen Göttin Fottuna so hold wie ihm zugelächelt, sondem auch mit solchm, von welchm sie sich mtwed« ganz abgewendtt, od« welche sie höchsten« üb« die Schult« angesehen; mit einem Worte, seine -Lievmrwürdigkeit im. Umgänge mit allen Menschm, ohne Unterschied welche Stellung sie in d« Gesellschaft einnahmeu, ist allm jmm bekannt, die mit ihm in Berühnmg -kamen. Frmudel Nicht Jed«, d« sich von bescheidenen Anfängen zu ein« sinaoziellm Größe mrporgeschn»ungey, versteht e«, sich dm neum uugewohntm Verhältnissen anzupüssm. Bei sehr vielm Begürtettr» diase« Lande« ist d« Reichthum nur «ine gläuzmde Politur, n» Goldfirniß. Schabt mau