Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 26 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Sic wir heut nach Hause kamen, hat Goldchens Mätuschka zu mir gesagt: .Gabriel, hat sie gesagt, nun bist Du kein stinkender Jude mehr, nun bist Du ein rechtgläubiger Christ . . .“ „WaS soll das heißen?" fragte Abraham über den Kopf des KindeS. „Dienstbotengeschwätz,' murnielte Salmon venvirrt. Dann.schrie er: „Ungezogener Lümmel,' habe ich nicht hundertmal Dir verboten. Dich in der Küche herumzutteiven?". Er versuchte den Knaben von Arahains Schooß herabzunehmrn, der Kleine hackte sich um so fester an seinen Beschützer und ries: '„Großpapa, Du solltest cS nicht, wissen, mi> wir heute hingefahren sind, aber ich jag es Dir doch, in der BoromäuSkirche waren wir. kvir sind jetzt Christen, Großpapa-! Christen!" . ' . Abraham nahm den Knaben von seinen Knien und stellte ihn aus die Erde.' ‘ * Dann richtete er sich hoch aus. „Was ist wahr?" fragte -er. mit durchdringendem Blick. , ' „Nichts," erwidert: Salmon. „Seit wann achtest Tu aus das Gettätsch' vo«"Ksndern und Dienern?" . Abraham ^og ihn -zu den Knaben. , „Schwöre mir beim Leben Deiner Kinder, daß eS nicht' ivahr ist." - Salmon legte seine Hand auf Gabriels Haupt, mit überstarker Stimme sprach er Wort für Wort: „Ich schwöre beim Leben meiner Kinder, es ist nicht wahr!" Der Alte sah'ihn-lauge, lange an, dann Hing er still hinaus. „Warum soll ich nicht schwören," jagte Salmon zu sich, „ich habe heute schon einen falschen Eid geleistet,.— das geht nun in Einem hin." Als hätte der Knabe geahnt, wie fürchterlich es im Herzen seiäeK Vaterau-sehe, schlich er leise zu ihm hin. - „Lieber Papa, nicht mehr böse sein!" - „UnglückSkind!" schrie Salmon, „was hast Tu angestistet?" Und plötzlich breitete er die Arme aus und zog den Knaben leidenschaftlich an sei» Herz. -Unv iveinte über ihm'bittere, blutige Thränen ' '(Fortsetzung folgt.) Kn Aalttas. Erzählung aus dem jüdische» Botksleben. , ’’ Frei nach d»m Polnische», von «lbert st ah. - -• (Nachdruck verboten.) Es war ein kalter, stürmischer Winterabend. Eine dunkel 1>rennende Petroleumlampe warf ihre, spürlichen,Lichtstrahlen auf das durch Roth und Elend zusamlnen- Seschrümpfte Gesicht der noch jungen einst so schön gewesenen kahel, die mit vor Kälte zitternden Händen einen alten Strumpf stopfte,' ab and zu aber ihre Arbeit beiseite legte und'an ein dem Tische gegenüberstehendeS Bett heranging. In dem Bette lagen auf Strohsäcken, mit alten Lumpen zu» geüeckt vier Kinder, im Alter von drei bis acht Jahren, zwei am Kopf- und zwei - am Fußende, - die bald vereinzelt, bald chorattig zusammen unter Thränen riefen: „Mutter! -wir haben Hunger." - „Still, still, Kinderchen!"' — sachte die Mutter sie zu beruhigen — „Der Vater wird gleich nach. Hausekommen und ganz bestimmt Brod zum Abendessen mjtbringen." — „Und das Mittggbrod!" 'riesen'die Kinder schluchzend — „wir haben ja auch zu Mittag nichtgegessen." „Der Battr," — versicherte Rahel — „wird Euch auch für da^ ausgefallene Mittugbrod etwas.mitbringrn." - . Jndeß sie glaubte selbst nicht an ihre verheißenden Wotte, und ließ ihre Blicke im Zimmer umherschiueisen, spähend «ach eiue« Gegenstand, dev sie vielleicht verpfänden könnte, um Brod für ihre^Kiader zu kaufe«.'— Allein, ihr spähendes Auge entdeckte nicht-,- nichtak< die kahlen vier Wände. Die Kinder' hefteten die Blicke auf die Mutter, die ihnen wiederholt: ^.Schlafet, schlafet, meine Kinder" zurief und zum so and so vielten Male mit der Schürze an-die Augen fuhr, um die gewaltsam hervorbrechenden Thränen zu stillen. — „Mutter! weine nicht" — riefen die Kinder — „wir werden schon attig sein, wir iverden gleich schlafen." Schon nach wenigen Minuten verkündigte ein vierstimmiges Schnarchen. daß die Kinder ihr Versprechen gehalten; sie schliefen. — Rahel betrachtete ihre Kinder mir einem von Schmerz und. Mitleid, gemischten Blick, und ließ nun den'mit Mühe zunjckgedräiigtcn Thränen freien Lauf. Doch bald erhob sie sich von ihrenr Stuhl und ging im Zimmer aus und ab. um ihre von Kälte starr gewordene» Füße zu envärmen. „Wie spät mag es.schon-sein?" fragte sie sich. - Auf den Treppen ließen sich Schritte vernehmen. Rahel .horchte auf. Die Schritte waren ihr bekannt, und ein Hoffnungsstrahl zog in ihr wehmütiges beklommenes Herz ein. Eiu schlanker, hagerer Mann mit bleichem Angesicht und gebeugter Haltung öffnete' leise' die Thüre und sagte mit heiserer Stimme: .„Guten Abend!" Es war Rahels Mann, Rüben der Wassetträger. „Ich habe nirgends was bekommen." berichtete er im Flüsterton seinem Weibe, nachdem er sich auf einen zerbrocheneg Stuhl in der Nähe des kalten Ofens niedergelaffen 'hatte, nirgends auch nur eine Kopeke. Ueberall, wo ich etivas 'zu bekommen habe,' vertröstete man mich auf auf morgen, übermorgen, auf nächste Woche, auf den Ersten." ' Rahels Gesicht lvurde noch bleicher als zuvor. „Weh' mir" — stöhnte sie — „die Kinder haben den ganzen Tag »ich:s gegessen, ich habe sie aus Dein Kommen vertröstet. O, wie danke ich dem lieben Gott, daß die armen Würmchen nun °schlasen und —doch weiter kam sie nicht: sie brach in '.ein befttges. Schluchzen aus. '„Weine nicht, liebe Rahel und versündige Dich nicht" suchte Rüben sie zu beschwichtigen — „der liebe 'Gott, der den Wurm unter'm Stein speist, -wird auch uns nicht verlassen." „Ja,,Gott syll unS beistehen" — wimmerte das arme Weib. — „Ach! unsere Kinder, - unsere Kinder.' Unsere Lage wird ja immer schlimmer, mit jedem Tage untrüglicher. Wer weiß,'was für ein'Ende uns noch.bevorsteht!" -„Sündige nicht, sündige, nicht," — verwies sie der Gatte — „im -vorigen Jahre war unsere Lage viel' ttauriger. Jetzt haben wir doch wenigstens einen Ort, wo den'Kopf nieder» zulege'n, wenigstens -doch ein schützendes Dach über unserem Haupte." ' ' Rahel versank in ein tiefes 'Nachdenken. Sie wußte, daß ihr Mann im Rechte sei, sie hatte auch Angst,. Gott könnte ihr das Weinen wirklich als Sünde anrechnen, und sie bemühte sich deshalb, das in Aufwallung gekathene Herz zu besänftigen, die weinende Stimme in demselben zum Schweigen zu bringen. Allein, ihre Thränen vermochte sie nicht zurückzuhalten. Sie drangen, dem Wasser einer sprudelnden Ouelle gleich, immer «nächtiger, immer gewaltsamer hervor. Hatten doch die letzten Worte ihres Gatten sie. daran erinne«, wie ihr jüngstes Kind vor einem Jahre auf offener Sstaße gestorben war! . - Es starb auf ihrem Arm, an ihrer Brust, sie erinnenr sich jenes schaurige» Momentes ganz genau; es hatte 'in jener Stunde so fürchterlich geregnet, als hätte der Himmel chr gebrochrnes Mutterherz beweint, über ihre.trausigc Lage — sie waren damals obdachlos, — bittere Thränen vergossen. „Weine 'nicht, weiike nicht, Rahel" —' mahnte mit heiserer Stimme der Gatte — „weine' nicht und sündige nicht." - ...